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5 Fragen an Ulrich Schleicher

Mittwoch, 15. Juni 2016

Berlin - Seit 18 Jahren betreut Schleicher die Fußballer von Hertha BSC Berlin. Wenn er ins Stadion kommt, packt ihn die Spannung bis heute. 

5 Fragen an Dr. med. Ulrich Schleicher, Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie, Sportmedizin und Teamarzt von Hertha BSC Berlin.

DÄ: Sie sagen es selbst: Profis zu betreuen ist sehr speziell. Sind Sie im Austausch mit anderen Teamärzten?
Ulrich Schleicher: „Einmal im Jahr lädt der Deutsche Fußball-Bund die medizinischen Teams der Bundesligamannschaften zu einer Tagung ein, und wenn der Termin nicht mit dem Trainingslager kollidiert, versuche ich, daran teilzunehmen. Neben Behandlungsmethoden und dem Austausch über fußballspezifische Probleme und Verletzungen geht es dabei viel um die Dopingproblematik und Ernährungsfragen. Das ist sehr wichtig, denn es treibt einen als Teamarzt stets die Sorge um, dass durch eine Unachtsamkeit etwas passiert, etwa beim Einsatz von Nahrungsergänzungsmitteln. Da muss man schon sehr aufpassen. Für mich ist es bei diesen Gelegenheiten faszinierend zu erfahren, welche neue Methoden und Möglichkeiten man ausprobieren kann, um die Spieler wieder schnell fit zu bekommen. Grundsätzlich halte ich es so, dass ich mir Rat suche, wenn wir bei einer Verletzung nicht weiterkommen. Am Anfang meiner Karriere bin ich mit Spielern auch schon nach München zu Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt geflogen, um von seinen Erfahrungen zu profitieren.“

DÄ: Kennen Sie auch im Profifußball das Phänomen der zweiten Meinung, und falls ja: Wie stehen Sie dem gegenüber?
Schleicher: „Es passiert immer mal wieder, dass Spieler, bevor sie überhaupt bei uns mit der Therapie beginnen, woanders hin wollen. Es sind oft die ausländischen Spieler, die gerne Ärzte in ihrem Heimatland aufsuchen, weil sie sich hier fremd fühlen. Solche Entscheidungen darf man nicht persönlich nehmen.

Ich bin keiner, der darauf besteht, wie es gemacht werden muss. Wenn man diese Haltung hat, verliert man das Vertrauen des Spielers, und er geht nachher Wege, ohne dass wir wissen, was läuft. Das ist allein schon mit Blick auf die Dopingproblematik gefährlich. Man muss in diesen Fällen sein Ego zurückstellen. Am Ende zählt das Ergebnis, nämlich dass ein Spieler wieder fit wird.“

DÄ: Die Bundesliga beklagt in dieser Saison besonders viele verletzte Spieler, so scheint es. Ist dies nur eine subjektive Wahrnehmung oder tatsächlich so?
Schleicher: „Die Diskussion darum, inwieweit Spiel- und Trainingsbelastungen zu mehr Verletzungen führen, existiert schon so lange, wie ich den Job mache. Und es ist natürlich etwas dran. Es geht immer darum, welche Trainingsmethoden eventuell zu Verletzungen führen, welche Trainingsintensitäten dazu führen und wie die Spielbelastungen sind. Hinzu kommt die individuelle Verletzungsanfälligkeit eines Spielers.

Man ist heute bemüht, objektive Kriterien heranzuführen, um Verletzungen möglichst zu vermeiden. Es gibt inzwischen eine Flut von Tests, die auf die Leistungsdiagnostik abzielen. Der Fitnesszustand eines Spielers kann dadurch viel besser bewertet werden als früher. Ein Beispiel dafür ist die permanente Herzfrequenzüberwachung im Trainingsbetrieb durch Brustgurte. Auch Blutwerte nimmt man heute viel regelmäßiger. Dann gibt es noch Sprinttests, Ausdauertests, Sprungtests, hinzu kommen verschiedene, regelmäßige Muskelfunktionstests. An all diesen Tests und Werten kann man sich orientieren, um zu bewerten, wie die Fitness im Saisonverlauf ist und um die Verletzungsanfälligkeit zu reduzieren.

Meiner Erfahrung nach gibt es allerdings immer Phasen mit mehr Verletzungen und Phasen mit weniger Verletzungen. Wenn man versucht, dafür Gründe zu suchen, gelingt das oft nicht.“

Teamarzt bei Hertha BSC: „Es ist eine Leidenschaft, von der man nicht loskommt“

Seit 18 Jahren betreut Dr. med. Ulrich Schleicher die Fußballer von Hertha BSC Berlin. Wenn er ins Stadion kommt, packt ihn die Spannung bis heute. Eigentlich ist der Samstagmorgen nach einem Abendspiel ein ruhiger Tag. Doch heute ist das anders. Während das Team von Hertha-Trainer Pal 

DÄ: Kann man Verletzungen überhaupt präventiv vorbeugen?
Schleicher: „Die Intensität des Spiels ist heute eine andere als noch vor einigen Jahren. Die Laufstrecken während eines Spiels haben sich enorm erhöht. Und die Laufstrecken mit größerem Tempo haben sich ebenfalls erhöht, Stichwort Pressing und Gegenpressing. Diese Spielart ist nur möglich, wenn eine ganz andere sportliche Fitness da ist. Die vielen Tests und Messungen machen also Sinn, um präventiv zu arbeiten und vorhandene Defizite rechtzeitig auszugleichen. Dabei ist eine enge Zusammenarbeit des gesamten Trainerteams notwendig.“

DÄ: Wie wichtig ist die Zeit der Regeneration?
Schleicher: „Besonders bei hoher Spielbelastung muss man sehr viel Sorgfalt auf die Phasen zwischen den Spielen legen. Regeneration heißt dann nicht nur, dass die Spieler die Trainingsbelastung reduzieren. Sie müssen in dieser Zeit die richtige Pflege bekommen. Das heißt: Sie müssen massiert werden, es sollten Muskeldehntechniken stattfinden, und sie sollten ins Ermüdungsbad gehen. Auch die Ernährung spielt eine große Rolle für die Regeneration. Sie ist allerdings ein großes Problem bei Fußballern, denn es nimmt Lebensqualität, wenn man das Thema streng durchzieht. Bei der Hertha haben wir zwei Sporttherapeuten, die sich um diese Fragen kümmern und seit einiger Zeit einen Koch. An den Trainingstagen können wir so Einfluss nehmen. Aber man weiß natürlich: Sobald die Spieler nach Hause fahren, ist es schwierig zu kontrollieren, ob sie sich an die Vorgaben halten.“ © itt/aerzteblatt.de

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