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Politik

Gelenkersatz an Knie und Hüfte: Fallzahlen seit 2007 stabil

Dienstag, 7. Juni 2016

/dpa

Berlin – Sowohl für den Gelenkersatz der Hüfte als auch für das Knie haben die OP-Häufigkeiten bei den über 70-Jährigen seit 2007 nicht zugenommen. Regionale Unterschiede zeigen, dass vor allem in Sachsen-Anhalt, Hamburg und Berlin weniger Hüftendoprothesen eingesetzt werden. Die Zahlen zur Versorgungssituation stammen aus dem aktuellen „Weißbuch Gelenkersatz“ des IGES Instituts, das gestern in Berlin vorgestellt wurde. Noch genauere Daten soll zukünftig das Endoprothesenregister Deutschland (EPRD) liefern.

Jährlich erhalten 1 % der über 70-Jährigen arthrosebedingt ein neues Hüftgelenk und rund 0,7 % einen Kniegelenkersatz. „Die Häufigkeit von Ersteingriffen an der Hüfte ist seit 2007 stabil, am Knie sehen wir sogar einen geringen Rückgang“, so Bertram Häussler, Leiter des IGES Instituts. 80 % der Ersteingriffe an der Hüfte und rund 96 % am Knie lassen sich auf eine meist altersbedingte Arthrose zurückführen. Zweit­häufigster Grund der Hüft-Operation sind in 13 % der Fälle Oberschenkelhalsbrüche. Rund 40 % der Patienten sind bei einem Ersteingriff zwischen 70 und 79 Jahre alt.

Reoperationen könnten weiter gesenkt werden
Auch bei Folgeeingriffen zeigt die Auswertung des IGES Instituts eine stabile Häufigkeit seit 2007. Bei den Hüftendoprothesen kommen in 0,2 %, bei den Knieendoprothesen in 0,1 % der Bevölkerung, im Alter über 70 Jahren, Folgeeingriffe vor. Der wesentliche Grund für einen Prothesenwechsel sind die begrenzte Standzeit und vorzeitige Komplikationen. „Nach 15 Jahren sind noch 90 % der Hüft- und Knie-Implantate funktionstüchtig“, erklärte Heiko Reichel, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie (DGOU).

Die Reoperationsrate konnte aufgrund besserer Implantate in den vergangenen 20 Jahren bereits halbiert werden. Dennoch sieht Reichel weiteres Verbesserungspotenzial - jedoch nicht durch noch bessere Implantate. „Wir benötigen bessere Strukturen und Prozesse an den Kliniken, die durch eine flächendeckende Teilnahme am EPRD gewährleistet werden könnte.“ Die skandinavischen Länder konnten so ihre Revisionsraten um 10 % senken, Schweden sogar halbieren. Auch das EPRD könne als Frühwarnsystem fungieren. Welches Implantat und welche Klinik funktioniert wie gut? Die Problematik mit den Metall-auf-Metall-Prothesen wäre so früher zum Vorschein gekommen, ist sich der EPRD-Geschäftsführer Andreas Hey sicher.

Endoprothesenregister Deutschland (EPRD)
Abb.2 / EPRD 2016/Hey

Derzeit speisen 587, vor allem große Krankenhäuser, freiwillig Daten in das EPRD ein. Das sind etwa die Hälfte aller infrage kommenden Kliniken (Abb.1). Vor allem Einrichtungen mit kleinen Fallzahlen beteiligen sich derzeit noch nicht am EPRD (Abb. 2). Würde das im Koalitionsvertrag geplante Implantatregister zum Einsatz kommen, wäre eine Übermittlung der Daten verpflichtend. Laut Bundesministerium für Gesundheit laufen die Arbeiten an einer gesetzlichen Regelung. Die dazu gebildete Bund-Länder-Arbeitsgruppe trifft sich am 23. Juni 2016 zur nächsten Sitzung. Wann das Register tatsächlich zum Einsatz kommen könnte, ist jedoch noch ungewiss.

Endoprothesenregister soll aussagekräftige Daten zur Qualität liefern
Ob Chirurgen die Indikation zur Operation korrekt stellen, wird immer wieder diskutiert. Das IGES Institut hat hierfür Daten der externen stationären Qualitätssicherung herangezogen, die vom Gemeinsamen Bundes­aus­schuss (G-BA) beauftragt ist. „Bei 96 % der Eingriffe waren allgemein akzeptierte Kriterien erfüllt“, so Häussler. Patienten litten vor der Operation längere Zeiten an Schmerzen, waren in ihrer Bewegung eingeschränkt und radiologische Zeichen lagen vor. „Diese Auswertungen sind suboptimal“, räumte Häussler ein. „Wir erwarten vom Endoprothesenregister zukünftig bessere Daten.“

„Was die OP-Häufigkeit angeht liegt Deutschland im europäischen Mittelfeld,“ so Häussler. Die herkömmlichen Zahlen der OECD könnten in diesem Fall nicht verglichen werden, da sie nicht nach der Altersstruktur der Bevölkerung standardisiert seien. Daher hat das IGES auf eine Arbeit von Verena Finkenstädt (2015) zurückgegriffen (siehe Bericht im Dt. Ärzteblatt 2015). Danach verzeichnet die Schweiz auf dem ersten Platz 24 % mehr Eingriffe als Deutschland, gefolgt von Norwegen, Österreich und Luxemburg mit 12, 8 und 3 %. Auf der anderen Seite des Rankings führen Großbritannien und Slowenien mit etwa 25 % geringeren Fallzahlen im Vergleich zu Deutschland.

Ländervergleiche: Doch kein OP-Weltmeister

In den Länderrankings der OECD über die Häufigkeit chirurgischer Eingriffe steht Deutschland weit vorn. Der Vorwurf lautet, in Deutschland werde viel zu viel operiert. Wer Widerspruch wagt, hat keinen einfachen Stand. Aber ohne Berücksichtigung der Unterschiede in der Altersstruktur sind die Vergleiche nicht aussagefähig ...

Wohlsituierte Bevölkerung erhält häufiger einen Gelenkersatz
Regionale Unterschiede bei der OP-Häufigkeit konnten auf vier Faktoren zurückgeführt werden. Implantate an Hüfte und Knie wurden seltener eingesetzt, wenn die Arthrose-Häufigkeit niedrig oder der Sozialstatus gering war. „In Regionen mit einer vorwiegend wohlsituierten Bevölkerung wird demnach häufiger operiert“, so Häussler. Experten begründen dies unter anderem mit unterschiedlicher Symptomwahrnehmung, unter­schiedlichem Anspruchsverhalten, Informationsdefiziten über Behandlungsmöglich­keiten und fehlender sozialer Nähe zum Gesundheitssystem.

Zudem operieren Chirurgen seltener im städtischen Raum mit einer höheren Fach­arzt­dichte. Hierfür könnte das bessere Angebot an konservativen Therapien ausschlag­gebend sein. Während in Berlin, Hamburg und Sachsen-Anhalt zwischen 120 bis 142 Hüft-Operationen pro 100.000 Einwohnern pro Jahr durchgeführt werden, sind es in Bayern, Thüringen, Niedersachsen und Schleswig-Holstein zwischen 156 bis 168.

Der Vergleich mit den USA zeige jedoch, dass sich die regionalen Unterschiede hierzu­lande in Grenzen halten und nicht überbewertet werden sollten. „Vor allem die regionalen Unterschiede bei Hüft-Operationen sind in den USA weit ausgeprägter als in Deutschland“, erklärte Häussler die Daten des Weißbuchs. © gie/aerzteblatt.de

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