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Politik

Laumann verteidigt Regelung zu Tests an Demenzkranken

Mittwoch, 8. Juni 2016

dpa

Köln – Der Patientenbeauftragte der Bundesregierung, Karl-Josef Laumann (CDU), hat das Vorhaben der Koalition verteidigt, die Möglichkeiten für klinische Prüfungen an nicht Einwilligungsfähigen wie zum Beispiel Demenzkranken zu erweitern. Das sieht der Entwurf zum Vierten  Gesetz zur Änderung arzneimittelrechtlicher und anderer Vorschriften vor, der ursprünglich morgen im Bundestag in zweiter und dritter Lesung beraten werden sollte. Das Gesetz passt im Wesentlichen deutsches Recht an die Vorgaben der EU-Verordnung über klinische Prüfungen (Nr. 536/2014) an. Die Abstimmung wurde indes verschoben – um 14 Tage, wie aus Regierungskreisen verlautete. Man benötige mehr Zeit für die Diskussion, hieß es zur Begründung. Denn quer durch die Bundestagsfraktionen hatten Abgeordnete ethische Bedenken geäußert.

Strittig ist ein Passus im Gesetzentwurf, der die Forschung an nicht einwilligungsfähigen Erwachsenen in engen Grenzen erlaubt, auch wenn diese nicht selbst von den Ergebnissen profitieren (gruppennützige Forschung). Voraussetzung ist, dass die Betroffenen zu einer Zeit, als sie noch im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte waren, eine entsprechende Patientenverfügung verfasst haben. Außerdem muss der gesetzliche Betreuer nach „umfassender Aufklärung“ durch einen Arzt in die klinische Prüfung einwilligen. Das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium (BMG) betonte gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt, dass Menschen, die von Geburt an nicht einwilligungsfähig sind, von der Teilnahme an klinischen Studien grundsätzlich ausgeschlossen sind. Es verwies zugleich darauf, dass in jedem Fall eine öffentlich-rechtliche Ethikkommission dem Studiendesign zustimmen müsse.

Der Patientenbeauftragte Laumann sagte heute im Deutschlandfunk, Demenz sei eine der größten Heraus­forderungen für die Gesellschaft. Deshalb sei es wichtig, Demenz­erkrankungen auch in der Spätphase erforschen zu können. Er räumte ein, dass die geplante Regelung ethisch problematisch sei; man müsse aber abwägen.

Laumann sprach sich deshalb für hohe Schutzmechanismen bei der Zustimmung der Betroffenen aus und forderte in diesem Zusammenhang, dass eine ärztliche Beratung vor der Abfassung einer entsprechenden Patientenverfügung gesetzlich festgeschrieben werden sollte. Falls die Politik solche Verbesserungen für die Forschung ablehne und damit wissenschaftliche Studien an Demenzkranken erschwere, müsse Deutschland konsequenterweise auch alle Medikamente ablehnen, die durch entsprechende ausländische Studien entwickelt worden seien, erklärte Laumann. © HK/kna/aerzteblatt.de

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Widerstand
am Donnerstag, 9. Juni 2016, 12:10

Es ist erschreckend...

wie tief die Menschenverachtung in der Bevölkerung und besonders in "wissenschaftlich -medizinischen" Bereichen und zusätzlich bei Politikern verankert ist.
Sind die Menschen so dumm, dass sie gefälschte Studien, besonders wenn deutsche Pharma diese in z.b. Indien durchführen lassen, vergessen oder verdrängen?
Frage an Alle, die dafür sind: "Sie würden also gern als Versuchskaninchen dienen"?
Dr. Mengele läßt grüßen.
Herz1952
am Mittwoch, 8. Juni 2016, 22:10

Und was ist, wenn Sie, oder andere doch was mitbekommen?

Wer will das beurteilen, ob Sie oder andere Demenzkranke "etwas mitbekommen"?

Darüber mach ich mir die meisten Gedanken. Auch, ob es Sinn macht, Medikamente an Schwerkranken zu testen, denen es nicht mehr helfen soll. Kommen da überhaupt noch sinnvolle Studien dabei raus?

Wissenschaft heißt so, warum sie nicht immer die "Wahrheit" schafft. Meine Mutter war auch dement, hat aber ab und zu doch noch etwas mitbekommen bis (fast) zuletzt. Man sollte aber auch nicht vergessen, dass diese Menschen noch Schmerz fühlen können und das Gehör als letztes versagt. Wer kann garantieren, dass die Medikamentenversuche auch wirklich so ablaufen, dass der Mensch nichts mitbekommt?

Es müssten eigentlich Medikamente entwickelt werden, bei denen klar ist, dass Sie auch früher eine Demenz verhindern können. Diese müssten aber eigentlich an Menschen getestet werden, die doch noch etwas mitbekommen und sich auch artikulieren können.

Wir wissen ja, dass Medikamente zu erst an Gesunden getestet werden und da ist es noch nicht erwiesen, dass auch Kranke dabei profitieren können. Bei Schwerdementen oder auch bei sonstigen Schwerkranken ist es meist so, dass sie schon multimorbide sind.

Heutzutage ist es so, dass auf Mehrfacherkrankte keine Rücksicht genommen wird wenn eine neues Medikament entwickelt wurde, das eine bereits erkranktes anderes Organ schont. Da heißt das, dass dieses Medikament kein Zusatznutzen hätte. (Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesens, und der G-BA folgt den Empfehlungen diese Instituts blind). Ich war selbst schon "Opfer" eines falschen Gutachtens dieses Instituts, allerdings nur finanziell. Aber ich war dadurch stark belastet, als voll Erwerbsgeminderter Rentner. Glücklicherweise gab es dieses Medikament bald als Generika.

Ich habe auch bisher bei jeder Facharztpraxis mehr oder weniger gravierende Fehlentscheidungen erlebt. Eine hätte sogar tödlich enden können, und dies ausgerechnet bei einer Universitätsklinik. Zufällig konnte dies ein anderer Kardiologe noch verhindern.

Ich bin sehr skeptisch geworden, was Wissenschaft betrifft. Bei mir als ehemaliger Informatiker muss immer alles schlüssig sein. Beim Menschen ist das nicht anders. Dieser ist auch bio l o g i s c h. Nur verstehen wir leider die Programmsprache des Menschen bei weitem noch nicht.

Mich musste sogar ein Kardiologe davon überzeugen, dass ich eine Herztransplantation nicht grundsätzlich ablehne, falls diese notwendig sein sollte. Ich dachte an den Toten, um den vielleicht seine Familie, insbesondere die Eltern trauern.

Ich finde Ihre persönlich Haltung aber aller Ehren wert. Ich wünsche allerdings, dass es für Medikamententests andere Möglichkeiten gibt und Ihnen, dass Sie Ihre Entscheidung nicht bereuen müssen.
doc.nemo
am Mittwoch, 8. Juni 2016, 15:03

Schon geschehen, Herz1952!

Meine Angehörigen hätten jederzeit ihr Einverständnis geben dürfen, aber ich habe trotzdem meiner Patientenverfügung gerade hinzugefügt, dass ich wissenschaftlich begründete Arzneimitteltest im Namen des medizinischen Fortschritts an mir auch dann erlaube, wenn ich einmal nicht mehr mitbekomme, was um mich herum geschieht. Danke für die Anregung. Von einer Veröffentlichung im Internet würde ich dann doch ganz gerne absehen - ich hoffe, Sie haben Verständnis dafür. Vielleicht können die Ergebnisse dieser Forschungen auch Ihnen mal nützlich sein.
Herz1952
am Mittwoch, 8. Juni 2016, 12:17

Das war doch schon einmal da Doc.nemo!

Oder haben Sie übersehen, dass solche Tests bei Menschen durchgeführt werden sollen, denen das nichts mehr nützt.

Sie werden erst glaubwürdig, wenn Sie eine Patientenverfügung unterschreiben und veröffentlichen dass man das mit Ihnen auch machen soll.

Allerdings sollten Sie dabei beachten, dass Sie Ihre "Wünsche" erst dann wirklich beurteilen, wenn es soweit ist.

Wenn Ihre Meinung ernst gemeint ist, so ist sie der Schlüssel für ein "Viertes Reich der Gesunden, die über Kranke bestimmen wollen".
doc.nemo
am Mittwoch, 8. Juni 2016, 09:40

Ethische Bedenken?

Wer Medikamente gegen Demenz entwickeln und testen will, muss dies, nolens volens, wohl an Demenzkranken tun, sonst funktioniert das nicht. Ich habe das Gefühl, dass unsere Gesellschaft immer wehleidiger wird und fürchte, dass weite Bereiche durch überzogene "ethische Bedenken" bald lahmgelegt sein werden.

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