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Medizin

Vollnarkose in den ersten drei Lebensjahren ohne Einfluss auf IQ

Mittwoch, 8. Juni 2016

New York – Kinder, die in den ersten drei Lebensjahren eine Vollnarkose erhielten, hatten in einer laufenden prospektiven Kohortenstudie im Alter von 8 bis 15 Jahren den gleichen Intelligenzquotienten wie ihre Geschwister, wie eine Publikation im amerikanischen Ärzteblatt (JAMA 2016; 315: 2312-2320) zeigt.

In den USA erhält eines von zehn Kindern vor dem 5. Geburtstag eine Inhalations­narkose. Die dabei eingesetzten Anästhetika stehen im Verdacht, die Entwicklung des Gehirns zu beeinträchtigen. Eine Neurotoxizität konnte in Experimenten an Nagern und Menschenaffen nachgewiesen werden, es ist jedoch unklar, ob es auch beim Menschen zu einer nachhaltigen Schädigung kommt. Dies kann nur in epidemiologischen Studien nachgewiesen werden, deren Ergebnisse jedoch bisher kein klares Bild ergeben. Zuletzt hatte eine Studie in Pediatrics auf eine möglicherweise verlangsamte Sprachentwicklung sowie auf leichte Defizite im Intelligenzquotienten hingewiesen, die mit Veränderungen in der grauen Substanz der Großhirnrinde einhergingen (Pediatrics 2015; doi: 10.1542/peds.2014-3526).

Die PANDA-Studie (Pediatric Anesthesia Neurodevelopment Assessment) kann diese Ergebnisse jetzt nicht bestätigen. Das Projekt begleitet Kinder, die sich in den ersten 36 Lebensmonaten an vier Zentren in den USA einer Hernienoperation unterzogen haben. Die Kinder werden ebenso wie ihre Geschwister regelmäßigen neuropsychiatrischen Tests unterzogen. Primärer Endpunkt ist der Intelligenzquotient. Die Forscher untersuchen aber auch gezielt neurokognitive Funktionen wie Gedächtnis, Aufmerksamkeit und motorische Fähigkeiten, wo bei den Tieren Defizite entdeckt wurden. Ein weiterer Endpunkt ist die Sprachentwicklung, wo in der früheren epidemiologischen Studie Schwächen entdeckt worden waren. Fähigkeiten wie Verstand und Aufmerksamkeit, die für die schulische Leistung von Bedeutung sind, wurden ebenfalls untersucht.

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Die Gegenüberstellung von Geschwistern soll verhindern, dass genetische Einflüsse oder das familiäre Umfeld die Ergebnisse beeinflussen. Lena Sun von der Columbia University in New York stellt jetzt die Ergebnisse von 105 Geschwisterpaaren vor, von denen eines im Alter von median 17,3 Monaten operiert worden war. Die Dauer der Inhalationsnarkose betrug zwischen 20 und 240 Minuten (median 80 Minuten).

Wie Sun berichtet, wurden keine Unterschiede im mittleren IQ zwischen den Geschwistern gefunden. Die Kinder hatten einen identischen Gesamt-IQ (111 versus 111) und sie erzielten mit 109 versus 107 ähnliche Ergebnisse im Handlungsteil, in dem sie Bilder ergänzen, Zahlen und Symbole verbinden oder Figuren legen mussten. Auch der verbale IQ (111 versus 111) war weitgehend identisch. Das 95-Prozent-Konfidenzintervall des IQ reichte von minus 2,9 bis plus 2,6 Punkten. Größere Abweichungen sind laut der statistischen Untersuchung sehr unwahrscheinlich.

Auch in den meisten sekundären Endpunkten wurden keine Unterschiede gefunden. Ausnahmen bestanden bei der Sprachkompetenz (verbal fluency), beim internalisierenden Verhalten (Schüchternheit) und bei Gesamtbeurteilung des Verhaltens. Sie verschwanden aber bei einer adjustierten Analyse, die den Einfluss des Geschlechts des Kindes berücksichtigt.

Insgesamt sind die Ergebnisse beruhigend. Das prospektive Design und die genaue Dokumentation der Narkose gehören zu den Stärken der Studie, auch wenn die Operationsberichte bei der Hälfte der Kinder noch auf Papier erstellt wurden (was die Analyse erschwert). Der hohe IQ in der Kohorte, der über dem Durchschnitt von 100 liegt, weist auf eine gewisse Selektion von Kindern mit einem günstigen familiären Hintergrund hin. Alle Kinder hatten jedoch nur eine einzige Narkose erhalten, so dass die Ergebnisse nicht unbedingt auf Kinder mit mehreren Eingriffen in den ersten Lebensjahren übertragbar sind. Eine weitere Einschränkung ist laut Sun, dass alle Kinder körperlich und geistig gesund waren, so dass die Ergebnisse nicht unbedingt auf Kinder mit schweren Grunderkrankungen übertragbar seien. © rme/aerzteblatt.de

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