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Ärzteschaft

Panikstörung und Agoraphobie: Neues Case Management für Hausarztpraxen

Montag, 13. Juni 2016

Ein Drittel aller Patienten mit Angststörungen befinden sich ausschließlich in haus­ärztlicher Behandlung. Ein neues verhaltenstherapeutisches Kurzprogramm soll die Behandlung optimieren. Es bietet einen praktikablen Teamansatz für die ambulante Primärversorgung: „Jena-PARADIES“ (Patient Activation foR Anxiety DIsordErS). Im Mittelpunkt des Case Managements steht die Konfrontationstherapie.

In einer kontrollierten Interventionsstudie haben Hausärzte und Psychologen aus Jena und Bochum das Programm an 73 Hausarztpraxen untersucht. Die Ergebnisse der Studie wurden letzte Woche erstmals in Berlin vorgestellt. Teilgenommen haben 419 Patienten mit Panikstörungen mit oder ohne Agoraphobie. Ausgeschlossen wurden unter anderem jene mit einer akuten Suizidalität, psychotischen Erkrankungen, Abhängigkeit von psychotropen Substanzen oder Schwangere. Innerhalb von fünf Monaten führt der Hausarzt seine Patienten mithilfe eines Manuals in vier Sitzungen in die Angst-Expositionsübungen ein. Die Medizinische Fachangestellte (MFA) unterstützt parallel mit Telefonaten, um den Verlauf der Übungen, die der Patient selbstständig anhand einer Anleitung durchführt, zu protokollieren.

Fünf Fragen an den Studienleiter Jochen Gensichen, Direktor des Instituts für Allgemeinmedizin am Universitätsklinikum Jena.

DÄ: Warum ist das von Ihnen entwickelte Kurzprogramm für Hausärzte, aber auch für Psychotherapeuten und Psychiater, wichtig?
Jochen Gensichen: Etwa zehn Millionen Deutsche leiden an Panik- und Angststörungen. In Anbetracht von langen Wartezeiten auf einen Therapieplatz für die Betroffenen bleibt der Hausarzt meist der einzige Behandler. Wenn diese anfangs gezielt die richtige Behandlung einsetzen würden, wäre vielen dieser Menschen geholfen. Gleichzeitig müssen Hausärzte ihre Zeit sehr effektiv und effizient einsetzen. Da liegt es nahe, ein Kurzprogramm für die Hausarztpraxen zu entwickeln. Soweit wir wissen, schätzen Psychotherapeuten und Psychiater die dadurch gewonnene Klarheit der Diagnose und das Einleiten der ersten Schritte bei der Behandlung und können gegebenenfalls daran anknüpfen.

DÄ: Was waren die drei überzeugendsten Ergebnisse der aktuellen Studie?
Gensichen: Panikstörungen schränken die meisten Patienten in ihrem psychosozialen Verhalten ein, etwa die Hälfte vermeidet angstauslösende Objekte oder Situationen. Nach dem Jena-Übungsprogramm waren die Teilnehmer weniger ängstlich als nach Erhalt der hausärztlichen Standardtherapie. Dieser positive Effekt setzt sich auch noch sieben Monate nach dem Ende der Behandlung fort. Bei mehr als doppelt so vielen wie in der Kontrollgruppe ließ die Angst weitgehend nach. Statistisch betrachtet erreichten die Patienten mit diesem Programm 30 zusätzliche angstfreie Tage nach einem Jahr. Auch das Vermeidungsverhalten, das eine Chronifizierung des Leidens fördert, wurde reduziert. Bei jedem Dritten lag eine zusätzliche Depression vor, die sich ebenfalls deutlich verbesserte. Nach sechs Monaten klagten nur noch zehn Prozent über Depressionen, in der Kontrollgruppe hingegen 20 Prozent.

Hiermit liegt ein wissenschaftlich geprüftes, sicheres und wirkungsvolles Vorgehen für die Behandlung der Panik- und Angststörung in Hausarztpraxen vor.

DÄ: Welchen Zeitaufwand hat das behandelnde Team und wie kann die Expositionstherapie abgerechnet werden?
Gensichen: Auf einen Patienten entfielen vier Termine mit dem Hausarzt von durchschnittlich je 27 Minuten und zehn Telefonate mit der MFA von durchschnittlich je 12 Minuten. Inklusive der Schulungskosten (fünf Stunden je Arzt und je MFA) kommt man auf Interventionskosten von zirka 255 Euro pro Patient.

Über die psychosomatische Grundversorgung ist eine Abrechnung möglich. Die Gebührenordnungspositionen (GOP) 35100 und 35110 weisen je 15 Minuten und 152 Punkte, also 15,86 Euro aus, die Hausärzte bei Kassenpatienten abrechnen können. Maximal kann der Hausarzt so bis zu 60 Minuten, also 63,44 Euro, an einem Tag abrechnen. Der Einsatz der Praxisassistentin kann mit 22 Punkten, 2,30 Euro je Kontakt, berechnet werden. Hinzu kommen möglicherweise spezifische Abrechnungsziffern der jeweiligen Kassenärztlichen Vereinigung oder solche im Rahmen selektiver Versorgungsformen. Zu beachten sind außerdem diverse Budgetierungs­regeln, die regional und je Praxis unterschiedlich wirken können, so dass die genannten Zahlen nur sehr grobe Schätzungen darstellen.

DÄ: Wie könnte das Programm in Zukunft in die Versorgung implementiert werden?
Gensichen: Will man alle Patienten mit diesem Case Management versorgen, bedarf es einer zusätzlichen Förderung. Es bieten sich Selektivverträge an, wie die hausarztzentrierte Versorgung und die integrierte Versorgung. Hier sind der Gestaltungswille und die Kreativität der Krankenkassen gefragt.

DÄ: Wären weitere Case Management-Programme dieser Art für andere psychische Erkrankungen sinnvoll?
Gensichen: Das Prinzip des starken Dreierbündnisses aus Hausarzt, MFA und Patient hat sich in der Studie als besonders erfolgreich erwiesen. Der Hausarzt stellt die Diagnose und Indikation, die MFA unterstützt bei der Umsetzung eines abgestimmten Plans und stellt über den kontinuierlichen Kontakt zum Patienten dessen Mitarbeit sicher. Nur wenn alle drei transparent zusammenarbeiten, wird das Therapieziel erreicht. Eine entsprechende Schulung vorausgesetzt, sehe ich keine Hindernisse, warum ähnliche Behandlungsansätze nicht auch bei anderen psychischen Erkrankungen erfolgreich zum Einsatz kommen könnten.

© gie/aerzteblatt.de

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