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Medizin

Typ-2-Diabetes: Aggressive Blutzuckersenkung vermeidet Augenschäden über Therapieende hinaus

Dienstag, 14. Juni 2016

dpa

Bethesda/Maryland – Eine intensive Blutzuckersenkung kann bei Menschen mit Typ-2-Diabetes die Entwicklung von Augenschäden vermindern. Die günstige Wirkung war in einer großen randomisierten Studie aus Nordamerika noch Jahre nach dem Ende der Behandlung nachweisbar. Dies zeigt eine aktuelle Auswertung, die auf der Jahrestagung der American Diabetes Association in New Orleans vorgestellt und in Diabetes Care (2016; doi: 10.2337/dc16-0024) publiziert wurde.

Die „Action to Control Cardiovascular Risk in Diabetes“ oder ACCORD-Studie hatte seit 2003 in einer Gruppe von mehr als 10.000 Patienten untersucht, ob eine intensive Blutzuckersenkung Typ-2-Diabetiker langfristig vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen schützen kann. Dies war nicht der Fall. Die Studie, die eigentlich über 5,6 Jahre geplant war, musste nach 3,5 Jahren vorzeitig abgebrochen werden. Die intensive Blutzucker­senkung hatte sich als zu riskant erwiesen. Das Sterberisiko war – vermutlich infolge einer erhöhten Zahl von Hypoglykämien – um 22 Prozent angestiegen (NEJM 2008; 358: 2545-59).

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Für die Augen hatte sich die intensive Senkung des HbA1c auf 6,4 Prozent im Interventionsarm der ACCORD-Studie (gegenüber 7,7 Prozent in der Vergleichsgruppe) jedoch als vorteilhaft erwiesen, wie Emily Chew vom US-National Eye Institute in einer früheren Publikation zeigen konnte. Die ACCORD-Eye Study hatte eine Untergruppe von 2.856 Teilnehmern der ACCORD begleitet, bei denen im Verlauf der Studie Fotografien des Augenhintergrunds angefertigt worden waren. Endpunkt war ein Fortschreiten der diabetischen Retinopathie um drei oder mehr Stufen auf der „Early Treatment Diabetic Retinopathy Study Severity Scale“. Dies war nach 4 Jahren bei 10,4 Prozent der Teilnehmer im Standardarm mit normaler Blutzuckerkontrolle, aber nur bei 7,3 Prozent im Arm mit einer intensiven Blutzucker-Kontrolle der Fall.

Nach dem Abbruch der ACCORD-Studie wurden die Teilnehmer eingeladen, an der ACCORD Follow-on Eye Study (ACCORDION) teilzunehmen. Jetzt stellt Chew die Erfahrungen der ersten vier Jahre vor. Obwohl nach dem Ende der ACCORD-Studie die intensive Blutzuckersenkung aufgegeben wurde und alle Teilnehmer im Prinzip die gleiche Standardtherapie erhielten, ist noch immer ein Unterschied zwischen den beiden Gruppen nachweisbar.

Wie Chew berichtet, ist es unter den Teilnehmern der früheren intensiven Blutzucker­senkung nur bei weiteren 5,8 Prozent der Patienten zum Fortschreiten der Augen­schäden gekommen, während dies bei den Patienten in der Vergleichsgruppe bei 12,7 Prozent, also mehr als doppelt so häufig, der Fall war.

Die intensive Blutzucker-Senkung hatte demnach eine positive Nachwirkung. Chew spricht von einer „metabolic memory“ oder einem „legacy effect“. Er wurde übrigens nicht das erste Mal in einer Diabetes-Studie nachgewiesen. Auch in der United Kingdom Prospective Diabetes Study (UKPDS, 1977-1997) hat der günstige Effekt einer intensiven Blutzucker-Senkung auf mikrovaskuläre Komplikationen (zu denen auch Augenschäden zählen) noch zehn Jahre über das Ende der Therapie angehalten. Im Diabetes Control and Complications Trial (DCCT), der die Vorteile einer intensivierten Insulintherapie beim Typ-1-Diabetes belegt hat, konnte ebenfalls eine Nachwirkung dokumentiert werden.

Aus augenärztlicher Sicht hätte ein möglichst niedriger HbA1c-Wert deshalb Vorteile. Wegen der kardiovaskulären Risiken kann die intensive Blutzuckersenkung jedoch derzeit nicht durchgeführt werden. Als Alternative könnte sich nach Ansicht von Chew eine Behandlung mit Fenofibrat anbieten. Der Lipidsenker (der seine protektive Wirkung über einen Anstieg des HDL-Cholesterins erzielen soll) war in der ACCORD-Studie ebenfalls untersucht worden.

Er hatte nach dem Ende der Studie den Anteil der Patienten mit einer Progression der Retinopathie von 10,2 auf 6,5 Prozent gesenkt. Eine Nachwirkung im Sinne einer „metabolic memory“ konnte jetzt nicht nachgewiesen werden. Chew vermutet jedoch, dass eine fortgesetzte Therapie mit Fenofibrat eine Wirkung erzielen könnte. In Australien sei Fenofibrat in dieser Indikation zugelassen. Das „Diabetic Retinopathy Clinical Research Network“ plane derzeit eine Studie zum langfristigen Einsatz von Fenofibrat zur Kontrolle der diabetischen Retinopathie. © rme/aerzteblatt.de

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