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Hausärzte sind effektive Patientensteuerer

Mittwoch, 15. Juni 2016

dpa

Berlin – Die hausarztzentrierte Versorgung (HzV) der AOK Baden-Württemberg ist ein Mittel für eine effektive Patientensteuerung. Haus-, Fachärzte, Patienten und die AOK profitieren allesamt von dem Modell, hieß es bei der Vorstellung des Evaluationsberichts der Universitäten Frankfurt am Main und Heidelberg nach acht Jahren HzV-Versorgung im Ländle.

Dem Report zufolge hat die Steuerung der Patienten durch die Hausärzte dazu geführt, dass die Zahl unnötiger Facharzt- und Krankenhausbesuche verringert wurde. Zugleich konnten mehr schwerwiegende Komplikationen bei Patienten verhindert werden.

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Konkret blieben Diabetikern durch die intensive Hausarztbetreuung in drei Jahren rund 1.700 schwerwiegende Komplikationen erspart. Im Detail gab es im Vergleich zu Diabetes-Patienten aus der Regelversorgung 500 Schlaganfälle, 450 Herzinfarkte, 389 dialysepflichtige Patienten, 260 Amputationen und 139 Erblindungen weniger. Ein Grund sei, dass Patienten in der HzV häufiger in Disease-Management-Programme (DMP) eingebunden seien, sagte Ferdinand Gerlach, Direktor des Instituts für Allgemein­medizin der Goethe-Universität Frankfurt am Main.

HzV-Ärzte seien verpflichtet, ihren Patienten diese strukturierten Chronikerprogramme anzubieten. Die DMP-Rate liegt bei Diabetikern in der HzV rund doppelt so hoch wie in der Vergleichsgruppe. Darüber hinaus gibt es Gerlach zufolge einen unabhängigen HzV-Effekt, bedingt durch verschiedene Faktoren, der zu den positiven Versorgungseffekten beiträgt. So müssen die Hausärzte etwa regelmäßig an strukturierten Qualitätszirkeln zur rationalen Pharmakotherapie teilnehmen. Gerlach wies darauf hin, dass HzV-Ärzte zum Beispiel auch besser über aktuelle Leitlinien informiert seien.

Die Versorgungsforscher überprüften auch, wie sich die Lotsenfunktion des Hausarztes auf die Anzahl vermeidbarer Krankenhauseinweisungen auswirkt. Von 2011 bis 2014 lag die Anzahl in der HzV demnach pro Jahr jeweils um gut einen Prozentpunkt niedriger. Bezogen auf eine Million HzV-Versicherte sind dies insgesamt rund 40.000 Fälle. Davon entfallen allein pro Jahr rund 3.900 auf Koronare Herzerkrankung (KHK) und Herzinsuffizienz.

„Ich führe diesen Rückgang eindeutig auf die intensivere und besser koordinierte Betreuung chronisch kranker Patienten durch den Hausarzt zurück”, erklärte Joachim Szecsenyi, Ärztlicher Direktor der Abteilung Allgemeinmedizin und Versorgungs­forschung des Universitätsklinikums Heidelberg. Jeder HzV-Patient habe pro Jahr im Schnitt drei Hausarztkontakte mehr, gleichzeitig nehme die Anzahl unkoordinierter Facharztkontakte in der HzV ab. 2014 lag dieser Wert in der HzV-Gruppe bereits 40 Prozent niedriger (1,6 versus 2,7 Kontakte pro Jahr). Eine Erklärung ist den Autoren zufolge auch die Abschaffung der Praxisgebühr 2013. In der Regelversorgung sei die koordinierende Rolle des Hausarztes dadurch anders als in der HzV weiter geschwächt worden, hieß es.

Die Forscher machten deutlich, dass die Effekte der HzV über Jahre hinweg konstant sind. In der Mehrzahl der untersuchten Versorgungsbereiche profitieren die Patienten sogar von Jahr zu Jahr mehr. Das liegt laut Bericht auch an den Facharztverträgen, die seit 2010 mit der HzV verbunden werden. Mittlerweile gibt es solche zum Beispiel für Kardiologie, Gastroenterologie, Psychotherapie, Neurologie/Psychiatrie, Kinder- und Jugendversorgung oder Orthopädie. Am 1. Oktober dieses Jahres soll ein Vertrag Urologie hinzukommen, für Rheumatologie ist eine Vereinbarung noch für dieses oder Anfang kommenden Jahres vorgesehen.

Wesentlicher Bestandteil der Facharztverträge zur HzV seien gemeinsam erarbeitete und vertraglich festgelegte „Schnittstellen-Management-Lösungen“, führte Gerlach aus. Dabei würden indikationsspezifisch definierte Versorgungsziele festgelegt und daraus abgeleitete Diagnose- und Therapiepfade abgestimmt. „Es wird festgelegt, wer was macht, wer welche Aufgaben hat und wie die Zusammenarbeit bei Patienten aussehen soll“, erklärte er.

Die Evaluation zeige Effekte auf: Demnach sei für Patienten mit Vorhofflimmern nach Herzinfarkt, die im Kardiologievertrag behandelt werden, eine leitliniengerechtere Wirkstoffverordnung festgestellt worden. Patienten hätten nach Herzinfarkt wie in den Leitlinien empfohlen auch häufiger als in der Regelversorgung Statine, ACE-Hemmer und Betablocker erhalten.

Etwa 700 Kranken­haus­auf­enthalte – das entspreche rund 10.000 Krankenhaustagen pro Jahr – seien in dieser Versichertengruppe vermieden worden. Ähnliche Effekte habe es bei der stationären Versorgung von Patienten mit chronisch-entzündlichen Darmer­krankungen gegeben. Laut Gerlach gab es eine Verringerung der Klinikeinweisungen um 13,6 Prozent. Operationen im Magen-Darm-Trakt seien um 26,9 Prozent zurückgegangen. Das entspreche bei 100 Patienten 2,36 Operationen pro Jahr.

Insgesamt zogen die an der HzV-Versorgung beteiligten Akteure ein positives Fazit. Die HzV sei „die mit Abstand wichtigste Errungenschaft der letzten 20 bis 30 Jahre“, sagte Berthold Dietsche, Vorsitzender des Hausärzteverbandes Baden-Württemberg. Sie biete den Hausärzten neue Rahmenbedingungen, die den Beruf umfassend aufwerteten. In Baden-Württemberg gebe es heute kaum noch eine Praxis, der es ohne eine fest etablierte HzV gelinge, einen Nachfolger zu finden.

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Das unterstrich Werner Baumgärtner, Vorstandsvorsitzender von Medi Baden-Württemberg und Medi Geno Deutschland. „Bei den Hausarzt- und Facharztverträgen im Südwesten gibt es kein Budget und keine Fallzahlbegrenzungen, sondern eine Koordination der Behandlung zwischen Haus- und Fachärzten, die sich an gemeinsamen Behandlungsleitlinien orientiert“, betonte er. Christopher Hermann, Vorstandsvorsitzender der AOK Baden-Württemberg, kündigte an, den eingeschlagenen Weg fortzusetzen. „Wir investieren konsequent in neue patientenorientierte Versorgungsstrukturen und diese Rechnung geht zum Wohle unserer Versicherten auf“, betonte er.

Hermann bezifferte die Investitionen in die Hausarzt- und Facharztverträge im vergangenen Jahr auf 530 Millionen Euro. Im Detail hätte die HzV 395 Millionen Euro gekostet, die Facharztverträge 103 Millionen Euro, zusätzlich seien die Versicherten durch die Zuzahlungsbefreiung in der HzV um 32 Millionen Euro entlastet worden. Im Vergleich wäre die Regelversorgung um 35 Millionen Euro teurer gewesen, rechnete Hermann vor.

Dass künftig die Versorgung in Deutschland anders gesteuert werden muss als bisher, ist auch Teil des Positionspapiers „KBV 2020: Versorgung gemeinsam gestalten“ der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV). Nach ihrer Vorstellung könnten künftig Hausärzte, aber auch Fachärzte die Patienten lenken. Auf Nachfrage des Deutschen Ärzteblattes hieß es von der KBV, es gehe künftig um ein „sinnvolles Miteinander von Kollektiv- und Selektivverträgen“. „Beide Vertragsformen machen Sinn. Dabei geht es auch darum, den Patienten entscheiden zu lassen, welche Form der Versorgung er möchte“, erklärte KBV-Sprecher Roland Stahl. Wenn dieser die Steuerung durch den Hausarzt wünsche, dann solle er dies auch in Form eines entsprechenden Tarifs tun können.

Das KBV-Positionspapier schlägt spezielle Versicherungstarife für diejenigen Patienten vor, die sich verpflichten, immer zuerst den Hausarzt aufzusuchen, und für diejenigen, die sich für den direkten Zugang zum Facharzt entscheiden.

Derzeit beteiligen sich rund 4.000 Haus- und Kinderärzte und über 1.500 Fachärzte und Psychotherapeuten an den Verträgen im Südwesten. Am HzV-Vertrag nehmen mit 1,4 Millionen rund ein Drittel der Versicherten der AOK Baden-Württemberg teil. Rund 520.000 Versicherte sind im gemeinsamen Facharztprogramm von AOK Baden-Württemberg und Bosch BKK eingeschrieben. © may/dpa/aerzteblatt.de

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