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Medizin

IARC: Nur zu heißer Kaffee, Mate oder auch Tee sind krebserregend

Mittwoch, 15. Juni 2016

dpa

Lyon - Koffeinhaltige Getränke sind per se nicht krebserregend, Zumindest Kaffee könnte sogar vor einigen Krebsarten schützen. Wenn die Getränke allerdings zu heiß getrunken werden, begünstigen sie die Entstehung eines Ösophaguskarzinoms. Zu dieser Einschätzung gelangt eine Arbeitsgruppe der Internationalen Agentur für Krebsforschung (IARC) in Lancet Neurology (2010; doi: 10.1016/S1470-2045(16)30239-X). Eine ausführliche Begründung soll demnächst in der Monographie 116 der WHO-Einrichtung folgen.

In einer früheren Monographie (Nr. 51) aus dem Jahr 1991 hatte die IARC Kaffee als „möglicherweise krebserregend“ (Gruppe 2b) eingestuft. Anlass waren Studien, die den Kaffeekonsum mit Blasenkrebs in Verbindung gebracht hatten. Die damalige Einstufung habe auf begrenzten Hinweisen „limited evidence“ aus wenigen epidemiologischen Studien beruht, heißt es jetzt seitens der IARC.

Inzwischen sei der Zusammenhang zu Blasen- und anderen Krebserkrankungen in fast 500 relevanten epidemiologischen Studien untersucht worden, die eine andere Einschätzung nahelegen. Danach habe Kaffee keine karzinogene Wirkung auf Bauchspeicheldrüse, weibliche Brust oder Prostata. Es gebe vielmehr Hinweise, dass das koffeinhaltige Getränk eventuell das Risiko von Krebserkrankungen der Leber und des Endometriums senkt.

Für weitere 20 Krebserkrankungen ist die Beweislage weiterhin unzulänglich. Die IARC ordnet Kaffee deshalb in die Kategorie 3 („nicht einzustufen“) ein. Für eine vollständige Entwarnung, also eine Einstufung in Kategorie 4 („nicht krebserregend“) sei die Datenlage derzeit jedoch nicht ausreichend, heißt es in einer Pressemitteilung der IARC.

Die Hinweise für eine mögliche Förderung von Blasenkrebs haben sich laut IARC in den letzten 25 Jahren deutlich abgeschwächt. Die älteren Studien hätten den Einfluss des Tabakrauchens, das (unter anderem) Blasenkrebs verursacht, nicht genau genug vom Kaffeekonsum getrennt, schreibt die IARC. Da viele Menschen gleichzeitig Kaffee und Zigaretten konsumieren, könne es hier leicht zu Verzerrungen kommen. 

Eine weitere Neueinstufung betrifft Mate, ein in Südamerika beliebter Aufguss aus Blättern von Ilex paraguariensis, einer Pflanzenart aus der Gattung der Stechpalmen. Die IARC hatte das heiße Mate-Getränke 1991 sogar als „wahrscheinlich krebserregend“ (Gruppe 2a) eingestuft, also noch höher als Kaffee. Diese Einschätzung beruhte auf einer begrenzten Zahl von Studien, in denen eine Verbindung mit Krebserkrankungen der Speiseröhre gefunden wurde.

Auch hierfür gibt es aus heutiger Sicht andere Erklärungen. Speiseröhrenkrebs trete in einigen Regionen Südamerikas vermutlich deshalb häufiger auf, weil Mate dort sehr heiß getrunken und zusammen mit Alkohol oder Zigaretten konsumiert wird. Alkohol und Zigaretten sind bekannte (und sehr starke) Risikofaktoren für das Ösophaguskarzinom.

Ein dritter Risikofaktor ist aus heutiger Einschätzung der IARC eine hohe Temperatur des Getränks. In den epidemiologischen Studien zum Mate-Konsum war die Korrelation zur erhöhten Rate von Speiseröhrenkrebs auf Personen beschränkt, die das Getränk sehr heiß konsumiert hatten. Experimente an Ratten und Mäusen hätten dies bestätigt. Auch hier wurden Tumore nur dann induziert, wenn der Aufguss eine sehr hohe Temperatur hatte. Für einen Zusammenhang sprechen laut IARC auch epidemio­logische Studien aus China, Iran, Japan und der Türkei, wo der Konsum von sehr heißem Tee mit einer erhöhten Zahl von Krebserkrankungen der Speiseröhre assoziiert ist.

Experimentelle Studien an Tieren legen laut der IARC nahe, dass die krebserregende Wirkung etwa ab einer Temperatur von 65°C auftritt. Auch in den Gegenden, in denen Krebserkrankungen der Speiseröhre ungewöhnlich häufig auftreten, werden Getränke mit einer Temperatur von 65°C oder höher serviert. In den meisten Ländern der Erde werden Tee, Kaffee oder andere anregende Getränke nicht so heiß getrunken. Die IARC zieht aus den Untersuchungen den Schluss, dass der Konsum von sehr heißen Getränken „wahrscheinlich krebserregend“ für den Menschen ist (Gruppe 2a).

Speiseröhrenkrebs ist weltweit gesehen die acht häufigste Krebsart, an der jährlich rund 400.000 Menschen sterben. Das sind 5 Prozent aller Krebstodesfälle. Welcher Anteil davon auf das Trinken von sehr heißen Getränken entfällt, ist laut IARC nicht bekannt. © rme/aerzteblatt.de

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Dr.Bayerl
am Freitag, 24. Juni 2016, 19:43

so neu ist das nicht mit der Hitzeeinwirkung, betrifft auch Speisen

vor allem in Asien und Südamerika
http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/26031666
http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/22296354
dr.med.thomas.g.schaetzler
am Freitag, 17. Juni 2016, 00:01

Kalter Kaffee?

Die IARC-Pressemitteilung Nr. 244 liest sich in weiten Teilen wie Fragen und Antworten an/von Radio Eriwan:
"Drinking very hot beverages was classified as probably carcinogenic to humans (Group 2A). This was based on limited evidence from epidemiological studies that showed positive associations
between cancer of the oesophagus and drinking very hot beverages. Studies in places such as China, the Islamic Republic of Iran, Turkey, and South America, where tea or maté is traditionally drunk very hot (at about 70 °C), found that the risk of oesophageal cancer increased with the temperature at which the beverage was drunk.
In experiments involving animals, there was also limited evidence for the carcinogenicity of very hot water."

70 Grad heiße Getränke sind brüllend heiß, sie machen Kolliquations-nekrosen durch lokale Verbrühungen der Schleimhäute des oberen Verdauungstrakts.

Dabei ist völlig gleichgültig, ob 70 Grad Celsius heißer Kaffee, Tee, Mate, Milch oder Kakao bzw. Wasser getrunken und in sinnlos fixierenden Tierversuchen über Hitzesonden zugeführt werden.

Von daher gilt mein persönliches Urteil zu den geschwätzig überflüssigen IARC-Verlautbarungen: "Thema verfehlt, Note sechs, Setzen!"

Die IARC-Pressemitteilungen zur angeblichen Karzinogenität von "rotem Fleisch", das man mit industriell verarbeiteten Fleischprodukten ("processed meat") verwechseln wollte, war ohne handfeste Studiendaten genauso blamabel: Vgl.
http://news.doccheck.com/de/blog/post/3153-haxe-des-boesen-3-0/

Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

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