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Medizin

Hypogonadismus: Hormondiagnostik unterscheidet sich bei jung und alt

Dienstag, 21. Juni 2016

dpa

Toronto – Ärzte stellen die Diagnose Hypogonadismus bei Männern anhand des Testosteronspiegels unabhängig vom Alter. Dabei lassen sich Symptome und Hormonspiegel bei jungen und alten Männern nicht nach den gleichen Kriterien bewerten. Zu diesem Schluss kommt eine Übersichtsarbeit, die im Canadian Medical Association Journal publiziert wurde.

Die endokrinologischen Fachgesellschaften empfehlen bei Verdacht auf einen männlichen Hypergonadismus mindestens zweimal den Testosteronspiegel zu messen. Bei niedrigen Werten sollen Ärzte zusätzlich das Gonadotropin messen, um einen primären von einem sekundären Hypogonadismus zu unterscheiden. "Klar definierte, allgemein anerkannte und isoliert zu betrachtende Grenzwerte gibt es hierfür bei Männern im fortgeschrittenen Alter nicht," so Matthias M. Weber, Endokrinologe an der Universitätsmedizin Mainz.

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Ob dieses Vorgehen für jedes Alter gleichermaßen zur richtigen Diagnose führt, haben Allan Detsky und seine Kollegen von der University of Toronto in einer Übersichtsarbeit untersucht. Sie überprüften anhand von 40 Studien den Zusammenhang zwischen Symptomen und Testosteronspiegel von mehr als 37.000 Probanden, die durch­schnittlich mindestens 40 Jahre alt waren. Die verwendeten Testosteron-Grenzwerte unterschieden sich dabei in den Studien.

Bei Männern über 40 konnten die Autoren nur eine geringfügige Korrelation zwischen den Testosteronwerten und Symptomen für Hypogonadismus finden. Ein Hormonlevel unter dem Grenzwert liefert keinen guten Hinweis darauf, dass ältere Männer beispielsweise eine verminderte Libido oder eine erektile Dysfunktion hatten. Ebenso wenig war ein Testwert über dem Grenzwert ein guter Hinweis darauf, dass die Libido erhalten war. Die positive Likelihood ratio lag für die Libido bei 1.6 (95% CI 1.3– 1.9) und für die erektile Dysfunktion bei 1.5 (95% CI 1.3–1.8), beide weit unter dem Wert von 10. Andere Symptome, die Detsky und sein Team untersucht hatten waren Hitzewallungen, Schlaf- und Konzentrationsstörungen, Depressionen oder Vitalität.

Unspezifische Symptome erschweren die Diagnose
Die Autoren gehen davon aus, dass diese Symptome und niedrige Testosteronspiegel bei älteren Männern unspezifisch auftreten und das Resultat von anderen Komor­biditäten sein könnten. Die Grenzwerte von jungen Männern sollten nicht auf ältere Generationen übertragen werden. Bekannt ist zudem bereits, dass die Testosteronlevel unabhängig von krankhaften Störungen mit dem Alter 1 bis 3 % pro Jahr abnehmen. Eine frühere Studie konnte zeigen, dass bei 20 % aller Männer, die älter als 60 Jahre waren, die Testosteronwerte unter dem Normalwert lagen, ab einem Alter von 80 war jeder zweite betroffen.

„Die Diagnose eines Hypogonadismus beim älteren Mann ist unter anderem aufgrund der unspezifischen Symptome sehr schwierig", bestätigt auch Weber, Mediensprecher der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie (DGE). Daten aus randomisierten pros­pek­tiven placebokontrollierten Interventionsstudien seien bisher noch nicht aus­reichend. Darüber hinaus unterliege der Abfall des Testosteronspiegels sehr starken individuellen Schwankungen und sei von Begleiterkrankungen des Patienten und anderen Faktoren abhängig.

Da auch methodische Probleme bei der Erfassung eines Hypogonadismus hinzu­kommen, hat die DGE im Rahmen der Initiative „Klug entscheiden” der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin eine Negativ-Empfehlung bezüglich einer Testosteron­substitution aufgrund eines einzelnen erniedrigten Testosteronwertes und einer unspezifischen Klinik ausgesprochen.

„Diese Empfehlung soll einem unkritischen und nicht sinnvollen Einsatz von Testosteron ohne eindeutig gesicherte Diagnose beim älteren Mann vorbeugen," so Weber. Einer Testosteronsubstitution müsse immer eine ausführliche internistische und endokrinologische Diagnostik und Ursachenabklärung mit Wiederholung der Laborbestimmungen vorausgehen.

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Hintergrund Hypogonadismus
Der primären Form liegt eine Organfunktionsstörung der Hoden beziehungsweise des Ovars zugrunde. Bei der sekundären Form verursacht die Hypophyse, die Gonadotropin ausschüttet, die Unterfunktion der Keimdrüsen. Tritt die Krankheit bereits im Kindesalter auf, so bleibt die Pubertät aus. Sexueller Infantilismus, primäre Amenorrhö und Eunuchismus sind die Folge. Im Erwachsenenalter können sich primäre und sekundäre Geschlechtsmerkmale zurückbilden. Zudem kommt es zu Fertilitätsstörungen, Libido und Potenz lassen nach. Der Sexualhormonmangel kann aber auch zu Sterilität oder Zyklusstörungen der Frau führen. © gie/aerzteblatt.de

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