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Medizin

Anteil der schweren Adipositas in Deutschland nimmt zu

Montag, 20. Juni 2016

dpa

Berlin – Die Ergebnisse des neu erschienenen "Weißbuchs Adipositas" seien besorgniserregend, erklärte heute Hans-Holger Bleß, Autor und Leiter des Bereichs Versorgungsforschung am IGES Institut. Zwar habe die Prävalenz von Übergewicht in den letzten Dekaden abgenommen. Sowohl bei Männern, als auch bei Frauen nimmt jedoch der Anteil schwerer Adipositas überproportional zu. Die Ursachen für diese Entwicklung finden sich in Mängeln an allen Stellen der Versorgungskette – in der Gesellschaft, der Politik wie in der Ärzteschaft.

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Der Anteil der Männer mit schwerer Adipositas (Grad II) ist in den Jahren von 1999 bis 2013 um etwa 157 % gestiegen, bei den Frauen waren es 60 %. Die mor­bide Adipositas (Grad III) zeigte im gleichen Zeitraum bei Männern eine Zunahme von 144 % und für Frauen von etwa 102 %. Insgesamt ist jeder vierte Erwachsene in Deutschland adipös, das heißt, der Body-Mass-Index (BMI) liegt über 30 kg/m2. Seit den 80er- und 90er-Jahren hat sich der Anteil adipöser Kinder und Jugendlicher auf eine Prävalenz von 6 % verdreifacht.

Seit 2004 ist bei ihnen laut Weißbuch jedoch wieder ein leichter Rückgang bis 2008 zu verzeichnen. Im internationalen Vergleich liegt Deutschland somit an neunter Stelle der OECD-Staaten. Angeführt wird die Statistik von Erwachsenen in den USA mit einer Prävalenz von 36 % und Kindern und Jugendlichen mit 13,5 %. 

Es bestehen erhebliche Versorgungslücken
Behandlungsdefizite sehen die Weißbuch-Experten entlang der gesamten Versorgungskette. „Die Adi­positas wird noch nicht als Krankheitsbild akzeptiert - weder von Betroffenen noch von Ärzten", so Bleß. Beides verhindere häufig einen Therapiebeginn. „In der hausärztlichen Versorgung gibt es zudem relativ wenig Wissen über die Therapie", kritisiert der Mit-Autor des Weißbuchs.

Teilweise liege das an fehlenden Strukturen. In Deutschland existiere kein flächen­deckendes Angebot an spezialisierten Ärzten und qualifizierten Gewichtsreduk­tionsprogrammen, deren Kosten die Krankenkassen ohnehin lediglich anteilig übernehmen. Obwohl eine S3-Leitlinie zur Behandlung von Adipositas vorliegt, bildet der Leistungskatalog der Gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rungen diese Empfehlungen nicht durchgehend ab. Eine qualifizierte Ernährungstherapie durch Diätfachkräfte ist beispielsweise kein Bestandteil des Heilmittelkatalogs. Die Kassen übernehmen die Kosten daher nur auf Antrag im Einzelfall. Auch Kosten für Operationen tragen die Krankenkassen nur nach Einzelfallprüfung.

„Dabei ist ein bariatrischer Eingriff derzeit der einzige evidenzbasierte Therapieansatz bei schwerer Adipositas", sagt Matthias Blüher, Präsident der Deutschen Adipositas Gesellschaft vom Universitätsklinikum Leipzig. Vor allem bei übergewichtigen Menschen mit Diabetes Typ 2 zeigt ein solcher Eingriff deutliche Vorteile gegenüber konven­tionellen Maßnahmen. Noch zwei Jahre nach der Operation beträgt der Gewichtsverlust 23,4 % verglichen mit einem relativ stabilen Gewicht nach einer konventionellen Therapie.

Chirurgische Eingriffe zeigen langfristig auch einen Kosten-Nutzenvorteil, ergänzt Bleß. Der Nutzen für die bariatrische Therapie gemessen in QALY (Quality Adjusted-Life-Year) ist mit 8,29 deutlich höher als der Nutzen der konventionellen Therapie mit 5,69, sowie keiner Therapie mit 5,67.

8,8 bariatrische Eingriffe pro 100.000 Einwohner führen Chirurgen in Deutschland durch. „Im internationalen Vergleich ist diese Zahl ungewöhnlich niedrig", so Bleß. In Schweden wurden im Jahr 2013 beispielsweise 77,9 bariatrische Operationen durchgeführt und in Belgien 107,2 pro 100.000 Einwohner.

Ein einmaliger chirurgischer Eingriff könne aber eine konservative, multimodale Therapie bestehend aus Ernährungs-, Bewegungs- und Verhaltenstherapie nicht ersetzen, betont Blüher.

Hintergrund Adipositas
Bei Adipositas kommt es zu einer übermäßigen Ansammlung von Körperfett. Anhand des BMI werden Unter-, Normal- und Übergewicht ermittelt. In ihn fließen die Körpergröße und das Körpergewicht ein. Die Ursachen der Adipositas sind vielfältig. Dazu gehören in 70 % der Fälle genetische Faktoren, Bewegungsmangel und Störungen des Hormonhaushalts. Viele Betroffene leiden an Begleit- und Folgee­rkrankungen wie Diabetes Typ 2. Studien zufolge kann ihre Lebenserwartung bis zu zehn Jahre verkürzt sein. Ein großer Teil der Krebsfälle steht im Zusammenhang mit Adipositas. Experten beziffern die Kosten für die Behandlung der Adipositas und ihrer Begleiterkrankungen auf jährlich bis zu 30 Milliarden Euro.

Neue Anreize schaffen
Die Behandlungsleitlinien müssten konsequenter umgesetzt werden. „Dies gelingt nur, wenn Krankenkassen die Kosten für medizinisch begründete Therapien übernehmen", so Blüher. Ein anderer Lösungsansatz sei eine geregelte Kostenübernahme von Behandlungsprogrammen mit nachweislich positiver Wirkung, wie sie Krankenkassen bereits im Rahmen der integrierten Versorgung anbieten, erläutert Bleß.

Dietrich Monstadt, Mitglied des Bundestagesausschusses für Gesundheit (CDU/CSU-Fraktion) will sich für eine Nationale Adipositas-Strategie einsetzten. Es müssten neue ressort­übergreifende Anreize gesetzt werden, um gesundes Verhalten zu fördern – notfalls auch mit einer Zucker-Fett-Steuer. © gie/aerzteblatt.de

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Avatar #697854
Dr.Bayerl
am Dienstag, 12. Juli 2016, 08:26

@Mira59 das ist auch wissenschaftlich gesichert

z.B. bei Rattenfütterungsversuchen, bei GLEICHER Futtermenge und bei GLEICHEM Gewicht, sind größere Nahrungspausen gesünder. Der Stoffwechsel muss einfach mal die Möglichkeit erhalten umzuschalten auf Reservenmobilisierung (Absenkung des Insulinspiegels).
Daher auch der günstige Stoffwechseleffekt schon bei Beginn einer Gewichtsabnahme.
Psychologen kappieren das nicht und schaden mit ihren Empfehlungen zur PERMANENTEN Nahrungsaufnahme erheblich.
Also GRÖßERE Nahrungspausen, das kann der Dicke besser als der Schlanke.
Ebenso ist allerdings die "Radikalkur" (der Psychologen) gesundheitsschädlich (Eiweißmangel) bis zum tödlichen Herzversagen.
Avatar #102327
Mira59
am Montag, 11. Juli 2016, 20:24

Autophagie

Es wird im alternierenden Fasten beschrieben, dass in den 36 Stunden Fastenzeit diese Autophagie einsetzen soll und ja abnehmen klappt mit der Methode 10 in 2 super.
Aber ich finde weder hier noch im Pschrempl das Wort und mich interessiert inwieweit das wissenschaftlich belegt ist, dass der Körper in der Zeit auch Reperaturarbeiten an den Zellen ausführt.
Danke schon mal für Antworten
Avatar #697854
Dr.Bayerl
am Donnerstag, 23. Juni 2016, 15:18

dazu kann man nur sagen, bei uns geht es bergab. BERGAB

ich habe schon bei der medialen Hexenjagd gegen Transplantationen gestaunt.
Avatar #115425
Herz1952
am Donnerstag, 23. Juni 2016, 14:03

Zum Glück sind nicht alle Krankenkassen AOK's

In unserem Kreis hat die AOK Bayern, einem jungen Mann eine Magenbandoperation verweigert, bzw. einer Klinik in Hessen keine Kostenzusage hierfür gegeben. Der junge Mann (27, BMI 64) starb nach 2 Wochen Koma.

Die ungefähre Vorgeschichte: Als jugendlicher Erwachsener sportlich, normalgewichtig. Beschäftigung als Auslieferungsfahrer aufgenommen. Zeitmangel, Arbeitsdruck, ernährt bei McDonalds und Co.

Die verzweifelten Eltern wandten sich an eine Tageszeitung, wobei der Mann jedoch schon im Krankenhaus war und später nach einer Not-OP am Bein ins künstliche Koma gelegt wurde.

Ein Adipositas Professor einer Münchner Klinik schrie hierzu einen Kommentar dazu geschrieben, dass er dies nicht verstehen kann (das Verhalten der AOK Bayern), andere Krankenkassen sind beim Genehmigungsverfahren wesentlich schneller (2-3 Monate).

Daraufhin habe ich mit der Klinik in München in Verbindung gesetzt und den Originaltext des sog. Nikolausurteils des BVerfG als Link geschickt. Er meinte dieses Urteil (vom 6.12.2005) hätte den Mann retten können. Zwar handelt es sich um ein Einzelfallurteil wegen eines Duchenne -Patienten, ein solches Urteil hat aber zumindest Leitlinien-Charakter.

Ich habe auf eine Strafanzeige gegen die AOK verzichtet - aus Rücksicht auf die Eltern (nicht noch mehr aufwühlen) - obwohl mich die Mitarbeiter des Professors sogar drum gebeten haben.

Die Ermittlungen hätten auch gegen die Klinik in Hessen laufen müssen (Tod durch Unterlassung) und die AOK wäre wohl ungeschoren davongekommen, weil gesetzlich zu hohe Hürden vor eine solche OP gesetzt werden. Viele davon auch unwirksam.

Es ist eine Schande und unverantwortlich, ja kriminell, was sich die Vorstände mancher Krankenkasse erlauben.
Avatar #697854
Dr.Bayerl
am Donnerstag, 23. Juni 2016, 13:00

Zurück zum Thema von ZUNEHMENDER Adipositas und Änderung der Ernährung, das ist kein tabu!

Ursache etwas vereinfacht: nicht mehr selber kochen -> McDonald
dazu die OECD-Statistik von 2007 mit dem Bevölkerungsanteil an Adipositas:

USA 34,3
UK 24,0
Deutschl. 13,6
Japan 3,4

besonders beunruhigend ist die schnelle Zunahme verglichen mit nur ca. 10 Jahre vorher,
da war die USA auch schon bei 13%, England bei 7%, Deutschland keine Daten (wie so oft) und Japan bei 2 %
Da sollte man sich (AOK) dann auch nicht sträuben, die effektivste Therapie bei schwerer Adipositas mit zu übernehmen, das ist nicht nur menschlich, sondern auch ökonomisch angezeigt.
Es gibt Bevölkerungsgruppen im Pazifk, bei denen ist der Adipositasanteil nach Umstellung ihrer früheren Ernährung auf "amerikannische Kost" beim 100% angelangt.

Man muss der Wahrheit ins Auge sehen, lieber Staphylokokken-Rex,
damit scheinen Sie Probleme zu haben.
Avatar #691359
Staphylococcus rex
am Mittwoch, 22. Juni 2016, 21:06

Beinahe ein normaler Kommentar

hätte dies werden können, wären da nicht wieder diese nationalistischen Ausfälle von jpink. „Karlspreisträger Terrorbomber Churchill“ in der Einleitung und „ Ein expandiertes Rheinwiesenlager“ als Alternative zur bariatrischen Operation sind zwei große Brocken antibritischer Ressentiments in einem Kommentar zu einem Artikel über die Ernährung der deutschen Bevölkerung. Und wenn schon antibritisch, warum dann nicht auch der naheliegende Hinweis auf das legendäre schlechte britische Essen?

Das Vereinigte Königreich hat jedenfalls genug mit eigenen Ernährungsproblemen zu kämpfen. An unserer Fettsucht sind wir Deutschen selbst schuld. Aus meiner Sicht gehen die Seitenhiebe im Beitrag von jpink deutlich am Thema vorbei. Es geht hier um Ernährung, nicht um die Geschichte des 2. Weltkriegs. Auch wenn der Kommentar einen satirischen bzw. sarkastischen Stil pflegt, bleibt die Frage ob der Verweis auf die Rheinwiesenlager als Diäthilfe noch durch das Grundrecht auf Meinungsfreiheit gedeckt ist. Auch fehlt dem Kommentar von jpink die innere Logik: Was wollte nun Churchill für Deutschland? Eine hyperkalorische Ernährung (wie in der Einleitung beschrieben) oder eine hypokalorische Ernährung (Rheinwiesenlager)? Ich sehe lediglich einen Zweck dieses Kommentars: die Leserschaft des DÄ permanent und unterschwellig wie Pawlow’sche Hunde mit nationalistischen Parolen zu konditionieren. Deshalb muss ich auch wieder einmal die Spaßbremse spielen.

Quellen:
https://en.wikipedia.org/wiki/Strategic_bombing
https://de.wikipedia.org/wiki/Rheinwiesenlager
https://de.wikipedia.org/wiki/Pawlowscher_Hund
LNS

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