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Medizin

Studie: Parkinson wird immer häufiger

Dienstag, 21. Juni 2016

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Rochester – Die Inzidenz des Morbus Parkinson und verwandter Erkrankungen ist in den letzten Jahrzehnten bei Männern, nicht aber bei Frauen, deutlich angestiegen. Dies zeigt eine Untersuchung des Rochester Epidemiology Project in JAMA Neurology (2016; doi: 10.1001/jamaneurol.2016.0947).

Das Rochester Epidemiology Project liefert, zumindest für Amerikaner europäischer Herkunft, die genauesten Zahlen zur Entwicklung der Häufigkeit von Krankheiten. Den Forschern der Mayo Clinic stehen seit 1966 die Krankenakten (fast) aller Einwohner des Olmsted County zur Verfügung, so dass die Diagnosen von Erkrankungen überprüft werden können. Der Landkreis in der Umgebung von Rochester ist relativ dünn besiedelt und fern von anderen Großstädten. Die Einwohnerschaft ist relativ homogen und die Migration gering. Das Rochester Epidemiology Project wird deshalb immer wieder herangezogen, wenn die Entwicklung in der Inzidenz von Krankheiten beurteilt werden soll, bei denen Umwelteinflüsse eine Rolle spielen könnten.

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Zu diesen Erkrankungen zählen der Morbus Parkinson und vergleichbare Bewegungs­störungen. Seit einiger Zeit wird vermutet, dass Pestizide ein möglicher Auslöser sind. Es gibt aber auch epidemiologische Studien, nach denen Raucher seltener an einem Morbus Parkinson erkranken. Viele Epidemiologen bezweifeln aber, dass der Assoziation eine Kausalität zugrunde liegt, zumal eine plausible Erklärung fehlt. Auch der Zusammenhang mit Pestiziden, der in den letzten Jahren mehrfach in epidemiologischen Studien beobachtet wurde, ist nicht gesichert.

Vor diesem Hintergrund hat ein Team um Walter Rocca von der Mayo Clinic in Rochester die Krankenakten von 906 Patienten ausgewertet, bei denen in den Jahren 1976 bis 2005 ein Parkinsonismus oder ein Morbus Parkinson diagnostiziert wurde.

Parkinsonismus ist ein übergeordneter Begriff. Er umfasst alle Erkrankungen, die mit den vier Kardinalsymptomen Ruhetremor, Bradykinesie, Rigidität und einer Beein­trächtigung der Haltungsreflexe einhergehen (in der Studie wurden mindestens zwei der vier Zeichen gefordert). Bei 464 Patienten wurden nach Durchsicht der Krankenakten ein Morbus Parkinson diagnostiziert. Das heißt, dass die Patienten (zumindest zu Beginn) auf L-Dopa ansprechen, dass keine erkennbaren Ursachen wie Schlaganfall oder wiederholte Schädel-Hirn-Traumata vorliegen und Symptome nicht Teil einer anderen Hirnerkrankung (etwa Demenz) sind.

Beide Erkrankungen treten bei Männern häufiger auf als bei Frauen. Beim Parkin­sonismus waren 501 von 906 Patienten männlich, beim Morbus Parkinson waren es 275 von 464 Patienten. Beide Erkrankungen sind, so ein Kernbefund der Studie, im 30-jährigen Untersuchungszeitraum häufiger geworden, und der Anstieg der Inzidenz war auf Männer beschränkt. Rocca ermittelte für den Parkinsonismus einen Anstieg der Inzidenzrate um 17 Prozent pro Jahrzehnt (relatives Risiko RR 1,17; 95-Prozent-Konfidenzintervall 1,03-1,33).

Beim  Morbus Parkinson betrug die Zunahme sogar 24 Prozent pro Jahrzehnt (RR 1,24; 1,08-1,43). Diese Trends wurden in erster Linie von den älteren Altersgruppen angetrieben. Insbesondere bei Männern ab 70 Jahren erhöhte sich die Inzidenzrate von Parkinsonismus (RR 1,24; 1,07-1,44) und Morbus Parkinson (RR 1,35; 1,10-1,65). Der Morbus Parkinson tritt in dieser Altersgruppe heute mehr als doppelt so häufig auf wie in den 70er-Jahren.

Die Daten sind sehr robust. Die Diagnosen wurden bei allen Patienten von zwei Experten für Bewegungsstörungen überprüft. Einflüsse durch eine Veränderung der Krankheitsdefinition sind damit praktisch ausgeschlossen. Es bleibt natürlich noch die Möglichkeit, dass die Erkrankung durch eine erhöhte Aufmerksamkeit oder auch eine bessere Ausbildung der Ärzte häufiger erkannt wird. Dies gilt jedoch auch für andere epidemiologische Untersuchungen. In der diagnostischen Genauigkeit und der umfassenden Erfassung der Diagnosen dürfte das Rochester Epidemiology Project weltweit einzigartig sein.

Die Gründe für den Anstieg kann Rocca allerdings nicht klären. Die Zunahme bei den Männern könnte mit einem Rückgang der Raucher zusammenhängen. Sicher ist dies allerdings nicht. Genaues können nur Fall-Kontroll-Studien klären, die Erkrankte mit Gesunden vergleichen, oder prospektive Beobachtungsstudien, die eine große Anzahl von Personen über längere Zeit begleiten.

Ein weiteres interessantes Phänomen war ein Anstieg der Erkrankungsrate in den Geburtsjahrgängen 1915 bis 1925. Hier kam es zu einem Anstieg bei Männern und Frauen. Eine mögliche Erklärung wäre die spanische Grippe der Jahre 1918/20. Sie könnte zu einer intrauterinen Schädigung geführt haben, deren Folge erst nach 60 Jahren oder später ein Anstieg der Parkinson-Erkrankungen gewesen sein könnte. Dies ist derzeit allerdings eine sehr spekulative Annahme. © rme/aerzteblatt.de

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dr.med.thomas.g.schaetzler
am Dienstag, 21. Juni 2016, 23:20

Wie passt das zusammen?

Mit ihrer Publikation "Low clinical diagnostic accuracy of early vs advanced Parkinson disease - Clinicopathologic study" konnten Charles Adler et al. bereits 2014 nachweisen, wie unsicher die klinische Diagnose M. Parkinson ist ["Objectives: Determine diagnostic accuracy of a clinical diagnosis of Parkinson disease (PD) using neuropathologic diagnosis as the gold standard"].

Die Genauigkeit von Neudiagnosen lag bei gerade 26%. Bei PD-Frühdiagnosen mit Therapie-Ansprechen immerhin bei 53%. Bei längerem, über 5-jährigen PD-Verlauf betrug die Diagnose-Sicherheit über 85% ["Conclusions: Using neuropathologic findings of PD (Parkinson disease) as the gold standard, this study establishes the novel findings of only 26% accuracy for a clinical diagnosis of PD in untreated or not clearly responsive subjects, 53% accuracy in early PD responsive to medication (<5 years' duration), and >85% diagnostic accuracy of longer duration, medication-responsive PD"].

Vorsicht sei geboten bei der Interpretation klinischer PD-Studien mit frühen Krankheitsstadien ["Caution is needed when interpreting clinical studies of PD, especially studies of early disease that do not have autopsy confirmation..."]
http://m.neurology.org/content/early/2014/06/25/WNL.0000000000000641.full.pdf

Die Studienautoren der Mayo Clinic in Scottsdale, Arizona/USA, raten zu Recht, Studien o h n e Autopsie-Bestätigungen bzw. ausschließlichen Parkinson-Frühdiagnosen o h n e PD-spezifischer Therapie zu misstrauen.

Hinzu kommt, wie ich in den USA erlebt habe, dass die Patienten gar nicht erreicht werden können und sich selbst in fortgeschrittenen Stadien medizinische Behandlungen gar nicht mehr leisten können. Was nützt da eine vermehrte, intensivierte Frühdiagnose, flankiert durch Weiterentwicklung diagnostischer Biomarker, wenn PD-Patienten unbehandelt bleiben?

Auf meiner Reise durch Alaska 2014 traf ich am "Moose(Alaska-Elch)-Pass" eine 69-jährige Patientin mit dem klinischen Vollbild der Parkinson-Krankheit (PD) - Tremor, Rigor, klassisches Zahnradphänomen und "Risus sardonicus", die ihren kleinen, heruntergekommenen Coffee-Shop gar nicht mehr selbst bewirtschaften und bedienen konnte und kein Geld für Arzt oder Medikamente da war. Ihr wäre auch mit einer verbesserten Frühdiagnose nicht geholfen.

Was jedoch mit "Time Trends in the Incidence of Parkinson Disease" Rodolfo Savica et al. im JAMA Neurology von sich geben, bleibt angesichts der hier zuvor genannten Vorbehalte ebenso vage wie unbestimmt unwissenschaftlich: "Conclusions and Revelance - Our study suggests that the incidence of parkinsonism and PD may have increased between 1976 and 2005, particularly in men 70 years and older. These trends may be associated with the dramatic changes in smoking behavior that took place in the second half of the 20th century or with other lifestyle or environmental changes. However, the trends could be spurious and need to be confirmed in other populations". Die jüngsten Daten dieser Studie
http://archneur.jamanetwork.com/article.aspx?articleid=2529538
sind immerhin 11 Jahre alt, bzw. die ältesten 40 Jahre (!) und heben auf die Hypothese ab, dass ausgerechnet das Rauchen und Umweltbelastungen die PD-Inzidenz positiv oder negativ beeinflussen würden?

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
LNS

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