Vermischtes

Medizinisches Cannabis: Der Arzt erhält die Therapiehoheit

Donnerstag, 23. Juni 2016

Berlin – Patienten, die von ihrem Arzt aus medizinischen Gründen Cannabis verordnet bekommen, sollten bei der Anwendung des Rezepturarzneimittels „nicht im Stich gelassen werden“. Sie brauchten eine eindeutige Gebrauchsanweisung auf dem Rezept inklusive der notwendigen Hilfsmittel. Das forderte Andreas Kiefer, Präsident der Bundes­apothekerkammer (BAK), gestern bei einem Symposium der BAK zum Thema „Cannabis als Arzneimittel – Fakten und Herausforderungen“ in Berlin.

Hintergrund ist der Kabinettsgesetzentwurf aus dem Bundesgesundheitsministerium (BMG) mit dem die Verkehrs- und Verschreibungsfähigkeit von weiteren Arzneimitteln auf Cannabisbasis sowie Medizinalhanf (Cannabisblüten und -extrakte) hergestellt werden soll („Gesetz zur Änderung betäubungsmittelrechtlicher und anderer Vorschriften“). Patienten soll damit nach ärztlicher Indikation der Zugang zu Cannabis in pharmazeu­tischer Qualität oder Rezepturarzneimitteln mit Dronabinol (teilsynthetisches THC) ermöglicht werden.

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Eine beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) angesiedelte „Cannabisagentur“ soll sich um Anbau und Vertrieb kümmern. Darüber hinaus sieht der Gesetzentwurf vor, dass Patienten bei therapeutischer Notwendigkeit diese Arzneimittel von der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) erstattet bekommen. Auch eine beglei­tende anonymisierte Erhebung soll durchgeführt werden.

Mit dem Inkrafttreten des Gesetzes wird im April 2017 gerechnet. Doch schon jetzt erhal­ten die Apotheken „extrem viele Anfragen“ zu Cannabis auf Rezept, berichtete Kiefer. „Wir klären unsere Kunden dann darüber auf, dass Cannabis kein Wundermittel ist, sondern ein Element einer rationalen Pharmakotherapie sein kann.“

Pharmazeutisch korrekte Anwendung und Dosierung vonnöten
„Ohne Rezepturvorschriften ist keine korrekte Dosierung für den Patienten möglich“, betonte der BAK-Präsident. Das Rauchen von Cannabis als Joint sei extrem problema­tisch, denn die Dosis, die im Blut ankommt, sei stark uneinheitlich. Möglich sei aber die Inhalation von Cannabisblüten oder -extrakten mit einem Verdampfer oder auch die perorale Gabe. Die Kommission Deutscher Arzneimittel-Codex/Neues Rezeptur-Formularium (DAC/NRF) arbeitet zurzeit an Rezepturvorschriften, die eine pharmazeu­tisch korrekte Anwendung und Dosierung von Cannabisblüten und -extrakten ermög­lichen. Im Juni wurde zudem gerade eine DAC-Monographie „Cannabisblüten“ ver­öffent­licht. Diese Monographien bündeln das pharmazeutische Wissen zu dem jeweiligen Wirkstoff.

„Schmerzpatienten wird auch jetzt kein Wundermittel vorenthalten“, sagte Michael Schäfer, Präsident der Deutschen Schmerzgesellschaft. Doch der Professor an der Klinik für Anästhesiologie und operative Intensivmedizin, Charité Campus Virchow Klinikum in Berlin, erlebt auch eine starke Zunahme an Patientenfragen nach medizinischem Cannabis. „Cannabis ist nur für Patienten geeignet, bei denen andere Medikamente keine ausreichende Linderung zeigen, die austherapiert sind“, erklärte Schäfer. Dies belegten systematische Übersichtsarbeiten, die auf die mangelnde Studienlage und Evidenz in der Anwendung von Cannabis zur Behandlung von Schmerzen, bei Spastizität, in der Palliativmedizin oder begleitend in der Krebstherapie hinweisen.

Die Patienten, für die es keine Therapiealternativen gibt, können Medizinalhanf mittels einer Ausnahmeerlaubnis des BfArM auch jetzt schon erhalten. Voraussetzung dafür ist unter anderem, dass andere Arzneimittel auf Cannabisbasis wie Sativex (das einzige in Deutschland zugelassene Cannabinoid), Dronabinol und Nabilon (als Fertigarzneimittel nicht zugelassen, aber über Import verkehrs- und verschreibungsfähig) nicht wirksam sind.

„Eine Behörde entscheidet über eine Selbsttherapie“
„779 Patienten haben inzwischen eine solche Ausnahmeerlaubnis beantragt – eine solche Menge kann man nicht mehr als Ausnahme bezeichnen“, sagte Peter Cremer-Schaeffer, Leiter der Bundesopiumstelle beim BfArM. Der Arzt begrüßt den Gesetzent­wurf, denn derzeit „entscheidet eine Behörde im Grunde über eine Selbsttherapie – das ist nicht günstig“. Dem Patienten werde damit zu viel Verantwortung zugemutet und der Arzt sei nur „stiller Begleiter“. Das neue Gesetz verschiebe die Verantwortlichkeit für die Therapie vom Patienten zum Arzt. „Das ist konsequent“, sagte er.

Durch die Verschreibungsfähigkeit, vor allem aber durch die Kostenerstattung durch die GKV, wird Cannabis in pharmazeutischer Qualität mehr Patienten zugänglich werden. Durch die hohen Kosten, die sie selbst tragen müssen, nutzen viele Patienten ihre Aus­nahme­genehmigung nicht, sondern bauen Cannabis selbst an oder beziehen es auf dem Schwarzmarkt. Die Experten waren sich einig, dass es viele gibt, die deshalb vermutlich erst gar keine Ausnahmegenehmigung beantragen. Auf geschätzte Zahlen für den künftigen Bedarf wollte sich jedoch niemand festlegen.

Das Ziel sind Fertigarzneimittel auf Cannabisbasis
Der Leiter der Bundesopiumstelle machte deutlich, dass Cannabis als Rezeptur­arznei­mittel auch künftig nur in Ausnahmefällen verschrieben werden sollte. Die potenziell sucht­erzeugende Wirkung müsse berücksichtigt werden. „Die geplante Regelung ist nur als Übergangslösung zu verstehen – das Ziel sind eigentlich Fertigarzneimittel“, erklärte Cremer-Schaeffer. Dazu müsse aber die Forschung mit Cannabisprodukten weiter verstärkt werden. © pb/aerzteblatt.de

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