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Flüchtlinge: „Das Trauma nicht überpathologisieren“

Donnerstag, 30. Juni 2016

dpa

Berlin – Etwa jeder zweite Flüchtling leidet an einer psychischen Erkrankung aufgrund traumatischer Erlebnisse, wie Krieg, Vertreibung, Folter oder Vergewaltigung. Nicht alle benötigen jedoch eine Psychotherapie. Für viele sind psychosoziale Faktoren in Form von Integration, Anerkennung oder einer sicheren Perspektive hilfreicher. Man kann zudem davon ausgehen, dass bei einigen die Symptome erst mit zeitlicher Verspätung zum Vorschein kommen. Nicht zuletzt aufgrund dieser Erkenntnis stuften viele Experten der Tagung „Traumatische Zeiten – Geflüchtete zwischen Solidarität und Abwehr“ die 2-Wochen-Frist des Asylpakets II als nicht umsetzbar ein. Die Veranstaltung der Bundesweiten Arbeitsgemeinschaft der psychosozialen Zentren für Flüchtlinge und Folteropfer (BAfF) fand letzte Woche in Berlin statt.

„Wir dürfen den Kurs nicht verlieren und das Trauma nicht überpathologisieren“, lautete das Fazit von Elise Bittenbinder, Vorsitzende der BAfF. Psychosoziale Hilfe müsste wieder stärker in den Fokus rücken. Darauf verwies auch der Kinder- und Jugend­psychiater Michael Kölch von der Medizinischen Hochschule Brandenburg bei seinem Vortag beim 22. Hauptstadtkongress der Deutschen Gesellschaft Psychiatrie und Psychotherapie und Nervenheilkunde.

Psychosoziale Ansätze seien vor allem bei jenen hilfreich, bei denen die Probleme erst hierzulande durch das Asylsystem verursacht wurden: Wenn beispielsweise eine unsichere Zukunftsperspektive nach dem Schulabschluss, eine drohende Abschiebung oder eine Verlegung in ein neues Umfeld Angst auslösen. „In diesem Fall bedürfen die Betroffenen nicht unbedingt einer Psychotherapie.“ Anerkennung, Integration, eine Beschäftigung und eine stabile Gemeinschaft seien entscheidend.  

Andrea Benecke, Mitglied des Vorstandes der Bundes­psycho­therapeuten­kammer (BPtK) spricht sich dafür aus, kulturelle Hintergründe in die Diagnose und Therapie mit einzubeziehen. Auf diesem Gebiet sieht sie großen Nachholbedarf. Das Engagement seitens der Psychiater und Psychotherapeuten in der Arbeit mit Flüchtlingen sei groß. Jedoch sei die fehlende Kostenübernahme der Dolmetscherleistung ein weiterhin ungelöstes Problem. „Unverständlich ist zudem, warum Therapeuten, die über spezielle Sprachkompetenzen verfügen, dafür keinen Sonderbedarf beantragen können. Ohne die Unterstützung der Politik kommen wir hier nicht weiter.“ 

Lernen von Holocaust-Überlebenden
Wie die Hilfe im Falle eines Traumas aussehen kann, weiß der Psychiater und Psychotherapeut Martin Auerbach zu berichten. Seit 2007 ist er klinischer Direktor von Amcha Israel – der größten Organisation für psychosoziale und psychotherapeutische Hilfe für Überlebende des Holocausts und ihrer Familien in Israel. „Am´cha“ bedeutet auf Hebräisch „Eine/r von uns“ und war ein Codewort jüdischer Verfolgter während des Zweiten Weltkrieges und der Shoah, um einander zu erkennen. Auerbachs Erfahrungen aus seiner Arbeit mit Holocaust-Überlebenden lassen sich teilweise auf die psychoso­ziale Versorgung traumatisierter Geflüchteter in Deutschland übertragen.

Der Neuanfang in Israel oder Palästina endete für viele enttäuschend. Denn sie wurden nur langsam integriert und viele Jahre von der Gesellschaft nicht anerkannt. „Zwei wichtige Faktoren, die Flüchtlinge heute erneut erfahren und das Trauma verstärken können“, sagte Auerbach. Was ihnen viele Jahre geholfen hat, war die Beschäftigung, eventuell auch eine Überbeschäftigung. „Erst in den letzten Lebensabschnitten beobachten wir eine Reaktivierung der verzögerten Trauer“, berichtete Auerbach.

Die Überlebenden sind mittlerweile über 70 Jahre alt, gehen in Pension und kommen nach Aussage des Psychotherapeuten viel häufiger als früher in die Therapie. Die meisten haben nach dem Holocaust mehrere Jahre gewartet, bis sie über die Erlebnisse sprechen konnten. „Die Zeit heilt nicht alle Wunden“, ist sich Auerbach sicher. Kinderüberlebende hätten häufig Angst, erneut verlassen zu werden. Sie berichten ihm heute, dass sie das Trauma lebenslang begleiten wird und sie lernen müssen, damit zu leben. Begegnungen mit Menschen, die ähnliches erlebt haben und die Videodokumentation der Leidensgeschichte seien hilfreiche Mittel, traumatische Erlebnisse zu verarbeiten.

Eine pessimistische Sicht ist laut Auerbach aber nicht notwendig: „Die meisten kommen mit dem Erlebten zurecht, schwere psychiatrische Erkrankungen sind selten.“ 15 bis 40 Prozent benötigten psychologische Hilfe. Typisch waren Angstzustände, Depressionen und Posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS).

Hintergrund Trauma bei Kindern:
Am höchsten ist das Risiko für traumatische Erfahrungen bei unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen. Schätzungen zufolge sollen 97 % betroffen sein, weit mehr als bei denjenigen, die mit Verwandten einreisen. Repräsentative Daten liegen für Deutschland hierfür allerdings nicht vor. Zum Vergleich: In der Gesamtbevölkerung sind hingegen 22 % aller Kinder und Jugendlichen von psychischen und/oder Verhaltensproblemen betroffen (KiGGS-Survey, 2007 - Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland). Nicht alle traumatischen Ereignisse müssen zu einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) führen. Die Häufigkeit einer PTBS nach einem Trauma liegt zwischen 2% und 60% - je nach Ursachen.

Über ein verzögertes Auftreten der Symptome berichtete auch Kölch. Studien belegen, dass unauffällige junge Erwachsene erst einige Jahre später mit einer psychischen Erkrankung in Erscheinung treten können. Diese Latenz sei typisch für Flüchtlingskinder. Das Risiko ist erhöht, wenn zusätzliche Belastungsfaktoren im Zielland auftreten.  „Man könnte sagen, dass ihr Resilienzspeicher nur eine begrenzte Zeit anhält, bis er aufgebraucht ist.“ © gie/aerzteblatt.de

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