NewsMedizinVor der Zulassung: Suizidale T-Zellen verhindern Graft-Versus-Host-Reak­tion
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Medizin

Vor der Zulassung: Suizidale T-Zellen verhindern Graft-Versus-Host-Reak­tion

Montag, 27. Juni 2016

Menschliche Zellen mit akuter myeloischer Leukaemie

London – Die europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) hat sich für die Zulassung einer Gentherapie ausgesprochen, die T-Zellen vor einer haploidentischen Stammzelltherapie im Labor mit einem Suizid-Gen ausstattet, um später eine Graft-Versus-Host-Reaktion durch die Gabe eines Medikaments stoppen zu können.

Bei Leukämie-Patienten, für die kein HLA-identischer Spender für eine Stammzellt­herapie gefunden wurde, weichen Hämatologen zunehmend auf einen haploidentischen Spender aus. In der Regel ist dies ein Elternteil, dessen Erbgut zur Hälfte mit dem des Spenders übereinstimmt. Eine haploidentische Stammzelltransplantation birgt jedoch das Risiko einer lebensgefährlichen Graft-versus-Host-Reaktion.

Anzeige

Zu ihr kommt es, wenn die T-Zellen vom Spender die Körperzellen des Empfängers (die für sie fremd sind) angreifen. Dies lässt sich verhindern, wenn die T-Zellen aus der Stammzellspende entfernt werden, was heute mit unterschiedlichen Methoden möglich ist. Diese T-Zell-Depletion kann jedoch die Erfolgschancen der Therapie vermindern. Denn die T-Zellen des Spenders greifen auch die Leukämie-Zellen des Empfängers an (die ebenfalls für sie fremd sind). Diese Graft-versus-Leukemia-Reaktion kann Leukämiezellen beseitigen, die die Chemotherapie der Leukämie überlebt haben.

Eine mögliche Lösung des Dilemmas könnte darin bestehen, die T-Zellen nur dann auszuschalten, wenn sie den Körper angreifen, in der übrigen Zeit aber die Graft-versus-Leukemia-Reaktion aufrecht zu erhalten. Forscher vom Ospedale San Raffaele in Mailand haben hierzu ein Verfahren entwickelt, dass sie als „suizidale Gentherapie“ bezeichnen.

Dazu werden die T-Zellen des Spenders im Labor mittels Retroviren mit dem Gen für die Thymidinkinase von Herpes simplex-Viren ausgerüstet. Das Enzym hängt eine Phosphatgruppe an das Herpesmedikament Ganciclovir, das daraufhin als falscher Baustein in die DNA eingebaut wird. Jede Aktivierung der T-Zelle – sei es im Rahmen einer Graft-Versus-Host- oder eine Graft-versus-Leukemia-Reaktion – führt bei der Zellteilung zum Kettenabbruch und zum Absterben der T-Zelle.

Die Behandlung, deren klinische Entwicklung die Firma MolMed mit Sitz in Mailand übernommen hat, wurde zunächst in einer ersten offenen klinischen Studie an 30 Patienten erprobt. Alle erhielten eine haploidentische Stammzelltherapie, deren T-Zellen mit dem Verfahren namens Zalmoxis (in der antiken Mythologie eine Göttin, die ewiges Leben verheißt) aufbereitet wurden. Bei 23 Patienten konnte das Immunsystem wieder hergestellt werden. Von diesen erkrankten zehn Patienten an einer Graft-Versus-Host-Krankheit. Neun der zehn Patienten wurden mit Ganciclovir behandelt. Alle neun überlebten ohne schwere Folgen der Graft-Versus-Host-Reaktion.

Inzwischen wurden 45 Patienten, darunter 15 aus einer zweiten laufenden Studie, behandelt. Die Überlebensrate nach einem Jahr betrug laut EMA 49 Prozent. Sie war damit etwas höher als nach der Analyse eines Patientenregisters zu erwarten gewesen war. Dort hatten nur 37 Prozent der Patienten nach einer haploidentischen Stammzelltherapie überlebt.

Das Committee on Advanced Therapies und das Committee for Medicinal Products for Human Use der EMA empfehlen der EU-Komission aufgrund dieser Ergebnisse die vorläufige Zulassung des Verfahrens. Eine endgültige Zulassung wird von den Ergebnissen der laufenden Phase-3-Studie abhängig gemacht, in der Zalmoxis an 170 Patienten mit anderen Verfahren der T-Zell-Depletion verglichen wird. An dieser Studie beteiligen sich auch fünf Zentren in Deutschland (Berlin, Hannover, Leipzig, Tübingen, Ulm). © rme/aerzteblatt.de

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

LNS

Nachrichten zum Thema

18. September 2019
Berlin – Neue Krebstherapien mit gentechnologisch veränderten Immunzellen sollten nur unter sehr kontrollierten Bedingungen in die Versorgung eingeführt werden, weil sie risikoreich und außerdem sehr
Ersatzkassen und Ärzte fordern Erprobung teurer Zelltherapien in spezialisierten Zentren vor Einführung in die Regelversorgung
5. September 2019
Ulm – Sehr viele Deutsche sind offenbar bereit, bei Bedarf Stammzellen zu spenden und haben sich dafür typisieren und in das Zentrale Knochenmarkspender-Register Deutschland (ZKRD) aufnehmen lassen.
Hohe Bereitschaft in Deutschland zur Stammzellspende
26. August 2019
Columbus (Ohio) – US-Forscher haben eine Gentherapie für den Morbus-Niemann-Pick vom Typ A erfolgreich an Tieren erprobt. Nach Injektion der Gene in die Cisterna magna des Liquorraums wurden im Gehirn
Gentherapie des Morbus-Niemann-Pick Typ A im Tiermodell erfolgreich
23. August 2019
London – Wer eine Krebserkrankung überlebt hat, ist deshalb noch lange nicht gesund. Eine bevölkerungsbasierte Kohortenstudie im Lancet (2019; doi: 10.1016/S0140-6736(19)31674-5) zeigt, dass viele
Krebsüberlebende haben erhöhtes Risiko auf venöse Thromboembolien und Herz-Kreislauf-Erkrankungen
15. August 2019
Freiburg – Mehrere Fachgesellschaften haben eine neue Leitlinie für Diagnose, Prävention und Behandlung von Virusinfektionen bei Organ- und Stammzelltransplantierten vorgelegt. Sie richtet sich an
Leitlinie zu Virusinfektionen bei Organ- und Stammzelltransplantierten veröffentlicht
15. August 2019
Boston – Eine neuartige Gentherapie, die die Wirkung einer Immuntherapie auf die Umgebung des Tumors beschränkt, hat sich in einer Phase 1-Studie in Science Translational Medicine (2019; doi:
Glioblastom: Medikament schaltet Gentherapie im Gehirn an
6. August 2019
La Jolla/Murcia – Forscher aus Spanien und China haben angeblich menschliche, induzierte pluripotente Stammzellen (iPS-Zellen) in Embryonen von nicht menschlichen Affen, wahrscheinlich Makaken,
LNS LNS LNS

Fachgebiet

Anzeige

Weitere...

Aktuelle Kommentare

Archiv

NEWSLETTER