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Medizin

Tötung auf Verlangen und ärztlich assistierter Suizid: Trotz zunehmender Legalisierung eher selten

Donnerstag, 7. Juli 2016

dpa

Immer mehr Länder legalisieren die Tötung auf Verlangen – in anderen Ländern auch als “Euthanasie“ bezeichnet – und den ärztlich assistierten Suizid. Dennoch werden diese beiden Formen der Sterbehilfe vergleichsweise selten eingesetzt. Betroffene wenden sich mit ihrem Suizidwunsch meist aufgrund psychologischer Ursachen, wie Autonomieverlust oder fehlender Lebensfreunde an Ärzte. Selten spielen physikalische  Schmerzen dabei eine ausschlaggebende Rolle. Zu diesem Ergebnis kommt ein Beitrag von Forschern der University of Pennsylvania, Philadelphia, der heute in JAMA (doi:10.1001/jama.2016.8499) publiziert wurde.

Nur 0,3 bis 4,6 % der Todesursachen lassen sich auf Euthanasie oder ärztlich assistierten Suizid (physician-assisted suicide, PAS) zurückführen. Krebspatienten stehen dabei an erster Stelle, weniger als 15 % haben neurodegenrative Erkrankungen, vor allem Amyotrophe Lateralsklerose (ALS). Das ergab eine weltweite Untersuchung der Länder, in denen beide oder eine der beiden Methoden legal ist (siehe Kasten).

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Länder, in denen PAS und/oder
Euthanasie legal sind:


Ärztlich assistierter Suizid, Euthanasie ausgeschlossen, ist in fünf Staaten der USA und der Schweiz legal: Oregon, Washington, Montana, Vermont, Kalifornien.

Ärztlich assistierter Suizid und Euthanasie sind in Kolumbien, Belgien, den Niederlanden, Luxemburg, Kanada und Quebec zugelassen.

In Deutschland ist der ärztlich assistierte Suizid zuerst einmal eine Beihilfe zum Suizid und als solche straflos. Jedoch kann es aufgrund der Behandlungspflicht des Arztes zu Problemen kommen. Der ärztlich assistierte Suizid könnte als Totschlag durch Unterlassung bewertet werden. (siehe DÄ | Jg. 111 | Heft 3)

In erster Linie nahmen ältere, weiße Menschen mit guter Bildung diese Suizid-Maßnahmen in Anspruch. In den Staaten der USA, in denen eine der beiden Methoden legal ist, erhalten weniger als 20 % der Ärzte Anfragen dazu, weniger als 5 % erfüllen den Suizid-Wunsch. Weit öfter wenden sich Patienten in den Niederlanden oder Belgien mit entsprechendem Anliegen an einen Arzt. Mehr als die Hälfte berichten davon. 60 % der niederländischen Ärzte haben den Wunsch bewilligt.

Die meisten Patienten wurden bereits von einem Palliativpflege-Team oder einem Schmerzspezialisten betreut. Wie häufig es zu Komplikationen kommt, konnte, die Forscher um Erstautor Ezekiel J. Emanuel vom Medical Ethics & Health Policy at the Perelman School of Medicine at the University of Pennsylvania anhand unvollständiger Daten aus den USA und den Niederlanden nur unzureichend auswerten. Es lagen Berichte zu Sterbeprozessen, die länger als einen Tag andauerten vor, bei einigen kam es zu Krampfanfällen oder sie erbrachen die Medikamente.   

Mehr Gegner in der religiösen Bevölkerung
In den USA gab es seit 1947 immer mehr Befürworter der Tötung auf Verlangen oder von PAS. Bis in die frühen 70er Jahre stieg die Zahl der Unterstützer von 37 auf 53 % und erreichte 1990 ein Plateau mit etwa 66 %. Nach dem Höhepunkt 2005 mit 75 % sank die Zahl der Befürworter 2012 wieder auf 64 % ab. Vor allem jüngere, weiße Männer, die keiner Religion angehörten sprachen sich für Euthanasie oder PAS aus.

Während in West-Europa zwischen 1999 und 2008 immer mehr Menschen eine der beiden Methoden unterstützen, zeigte sich in Zentral – und Ost-Europa eine Abnahme. Auch hier konnten die Forscher eine Korrelation mit der Religiosität beobachten.

Die Studienautoren haben für ihre Arbeit Literatur und Umfragen von 1947 bis 2016 ausgewertet. Aus Oregon, Washington State, den Niederlanden und Belgien standen Prävalenzen und Praxis-Daten zur Verfügung. Seit 1990 liegen Studien zu Sterbeurkunden aus den Niederlanden und Belgien vor. Die Autoren wünschen sich zukünftig umfangreichere Informationen zur Durchführung und möglichen Komplikationen, bevor weitere Staaten den ärztlich assistierten Suizid oder eine Tötung auf Verlangen legalisieren. © gie/aerzteblatt.de

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Dr.Bayerl
am Freitag, 8. Juli 2016, 09:48

USA ist wirklich kein Vorbild!

Hier gibt es traditionell keinen Respekt vor dem Leben, da sitzt der Revolver so locker, dass die ständig steigende Zahl der Schusstoten inzwischen etwa die (fallende) Zahl der Verkehrstoten erreicht hat, grob 100/Tag.
Die Todesstrafe ist in Europa und allen Ländern, die sich uns angeschlossen haben ganz wesentlich auch mit dem Argument abgeschafft worden, hier Fehlurteile, also ein Missbrauch ohne Korrekturmöglichkeit zu verhindern, was immer wieder vorkommt.
Das gilt selbstverständlich auch bei der Tötung "auf Verlangen". Wer aktiv in der Geriatrie tätig ist, weis das. Das wird dann auch ausgedehnt "ohne" Verlangen, ein weites Feld.
Der Arzt nicht mehr als Lebensschützer???
Es gibt nur wenige unumstößliche "Fundamente" von Ethik. Der Respekt vor dem Leben ist sicher eines davon. Viele wollen ja deshalb auch den Tierschutz ins Grundgesetz bringen :-)
Alte Menschen nehmen nicht zu, sondern der Nachwuchs fehlt. Respekt vor dem Alter ist für mich wichtiger als Tierschutz.
LNS
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