NewsÄrzteschaftClever: Psychosoziale Versorgung von Flüchtlingen auf die Zukunft ausrichten
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Ärzteschaft

Clever: Psychosoziale Versorgung von Flüchtlingen auf die Zukunft ausrichten

Montag, 11. Juli 2016

Wegen traumatischer Erlebnisse im Krieg – wie Folter und Bombardierungen – werden viele Flüchtlinge psychisch krank. /dpa

Berlin – Obwohl die Zahl der nach Deutschland einreisenden Flüchtlinge stark gesunken ist, werde vor allem die psychosoziale Integration dieser Menschen die Ärzteschaft wei­ter­hin beschäftigen. Das hat Ulrich Clever, Vorstandsbeauftragter der Bundesärzte­kam­mer (BÄK) für die ärztliche Psychotherapie, anlässlich des Symposiums „Psychische Gesundheit und gelingende Integration – Wie schaffen wir das?“ am Samstag in Berlin erklärt. „Wir gehen davon aus, dass wir weiterhin in großer Zahl Menschen mit Trauma­folgestörungen aufgrund von Folter, Krieg und Vertreibung behandeln werden. Die Ver­sor­gung muss deshalb auf die Zukunft ausgerichtet sein.“

Wie viele Menschen das sein werden, könne zurzeit niemand genau sagen. Ältere Unter­suchungen gingen davon aus, dass 40 Prozent der Flüchtlinge unter psychischen Er­kran­­kungen litten. „Diese Zahl ist wohl nicht falsch“, so Clever. Die genaue Zahl he­rauszufinden, müsse jedoch zügig Gegenstand der Forschung werden, forderte er. Für die meisten Flüchtlinge stünde indes nicht eine Psychotherapie im Vordergrund ihrer Wünsche, sondern die Anerkennung als Asylbewerber und die damit einhergehende Sicherheit.

Obwohl die Erstaufnahmeeinrichtungen zum Teil halb leer stünden, dürfe dies nicht dazu verführen, die bereits genehmigten Gelder für andere Zwecke zu nutzen, erklärte Clever weiter. Die aufgebauten Strukturen sollten bestehen bleiben. Das Geld werde weiterhin für die Versorgung der Flüchtlinge gebraucht, damit die Integration gelingen könne.

Großes ehrenamtliches Engagement
Weil die psychosozialen Zentren für Flüchtlinge und Folteropfer, die bundesweit in grö­ße­ren Städten Strukturen für traumatisierte Flüchtlinge zur Verfügung stellen, auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise 2015 an ihre Kapazitätsgrenzen gestoßen seien, sei das große Engagement vieler ehrenamtlich tätiger Ärzte und Psychotherapeuten sehr wichtig gewesen, betonte Clever.

„Das spezielle Wissen hierzu, insbesondere zu Fragen, die sich aus dem Asylbewerber­leistungsgesetz ergaben, haben sich die meisten mittels Fortbildungen angeeignet“, lob­te Clever, der auch Präsident der Ärztekammer Baden-Württemberg ist. Die Ärzte­kam­mern bundesweit hätten dabei, zusammen mit dem Fachwissen der psychosozialen Zen­tren, eine entscheidende Rolle gespielt.

Modellprojekt: Umsetzung gelingt nicht
Sehr bedauerlich findet der Vorstandsbeauftragte, dass das Modellprojekt zur psycho­therapeutischen Versorgung von Flüchtlingen, das die Bundes­ärzte­kammer Ende ver­gangenen Jahres zusammen mit der Bundes­psycho­therapeuten­kammer erarbeitet hat, aktuell hin und her geschoben wird. „Es ist ein Trauerspiel: Der Bund sagt, die Umsetz­ung sei eine föderale Aufgabe, die Länder wiederum fühlen sich überlastet“, sagte Cle­ver. Das Modellprojekt sieht unter anderem den Aufbau eines bundesweiten Pools be­son­ders qualifizierter Sprachmittler vor sowie den Aufbau von jeweils einer Koordi­nie­rungsstelle pro Bundesland für die psychotherapeutische Versorgung von Flüchtlingen.

Darüber hinaus bereitet Clever die fehlende Kostenübernahme von Sprachmittler-Leis­tungen durch die gesetzliche Kran­ken­ver­siche­rung (GKV) nach den ersten 15 Monaten Aufenthalt Sorge. Bis zu diesem Zeitpunkt übernehmen die Kommunen die Kosten für Sprachmittler. Danach hat ein Flüchtling Anspruch auf Leistungen aus der GKV.

Der GKV-Spitzenverband hatte bei einer Anhörung im Gesundheitsausschuss des Bundes­tages am 8. Juni zu dem Thema erneut deutlich gemacht, dass Sprachmittler-Leistungen „eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe“ seien, die auch aus diesen Mitteln finanziert wer­den müsste. „Der Gesetzgeber ist jetzt gefragt: Wir brauchen eine ausreichende Finan­zierung – solange die Menschen der deutschen Sprache noch nicht mächtig sind, ist Psychotherapie ohne qualifizierte Sprachmittler nicht möglich“, betonte der Ärztekammer­präsident. © pb/aerzteblatt.de

Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Nachrichten zum Thema

20. Juni 2018
Berlin – Die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) hat zusammen mit 19 weiteren Fachgesellschaften und Verbänden ein Eckpunktepapier zur
Verbände schlagen Ablauf für stationsäquivalente psychiatrische Behandlung vor
18. Juni 2018
Lissabon – Die Migrations- und Fluchtbewegungen der vergangenen Jahre stellen die Neurologie vor Herausforderungen, zugleich bieten sie Chancen auf neue Erkenntnisse über neurologische Erkrankungen
Herausforderungen und Chancen der Migration für die Neurologie
14. Juni 2018
Berlin – Das Angebot Internet- und mobil-basierter Interventionen (IMI) für psychische Störungen nimmt stetig zu. Einige der Anwendungen konnten ihre Wirksamkeit bereits in randomisierten
Psychotherapie im Internet: Jede Kasse bietet ein anderes Programm an
13. Juni 2018
Stuttgart – Baden-Württemberg will die Altersfeststellung von jungen, unbegleiteten Flüchtlinge neu regeln. Sozialminister Manne Lucha (Grüne) und Innenminister Thomas Strobl (CDU) bestätigten heute
Grün-Schwarz regelt Altersbestimmung bei jungen Flüchtlingen neu
13. Juni 2018
Berlin – Das Flüchtlingsschiff „Aquarius“ hat Kurs auf Spanien genommen. Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen teilte heute in Berlin mit, das Boot habe noch 106 Menschen an Bord. Die restlichen
Flüchtlingsschiff „Aquarius“ auf dem Weg nach Spanien
12. Juni 2018
Berlin – Die Regierungen der EU-Staaten nehmen aus Sicht der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen das Leid der erschöpften Schiffbrüchigen auf dem Rettungsschiff „Aquarius“ bewusst in Kauf. Die nun
Ärzte ohne Grenzen: EU nimmt Leid der „Aquarius“-Flüchtlinge in Kauf
8. Juni 2018
Berlin – Eine qualitativ hochwertige Weiterbildung im Rahmen der geplanten Ausbildungsreform der Psychologischen Psychotherapeuten (PP) und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten (KJP) forderten

Fachgebiet

Anzeige

Weitere...

Aktuelle Kommentare

NEWSLETTER