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Politik

Adipositas: Zahl bariatrischer Eingriffe steigt

Mittwoch, 27. Juli 2016

/dpa

Berlin – Die Zahl bariatrischer Eingriffe zur Reduktion krankhaften Übergewichts hat sich in den vergangenen zehn Jahren deutlich erhöht. So haben sich im Jahr 2014 insgesamt 1.070 Versicherte der Barmer GEK einer solchen Operation unterzogen und damit sechs Mal mehr als im Jahr 2006.

Hochgerechnet auf alle Krankenkassen hat es 2014 etwa 9.225 bariatrische Eingriffe ge­geben. Das geht aus dem Krankenhausreport 2016 der Barmer GEK hervor, den das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) und die Agenon – Gesell­schaft für Forschung und Entwicklung im Gesundheitswesen erstellt haben.

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„Die Zahlen sind noch gering. Aber wir sehen einen deutlichen Trend. Und das macht uns Sorgen“, sagte der Vorstandsvorsitzende der Barmer GEK, Christoph Straub, heute anlässlich der Präsentation des Reports in Berlin. Zudem wies er darauf hin, dass sich 2014 etwa sieben Millionen Menschen wegen Adipositas bei niedergelassenen Ärzten hätten behandeln lassen. Das seien 14 Prozent mehr gewesen als im Jahr 2006.

Komplikationen nach bariatrischen Eingriffen
Straub betonte, dass bariatrische Operationen zur Behandlung von Adipositas nur das letzte Mittel sein dürften und vorher alle konservativen Behandlungsmöglichkeiten wie die Ernährungs-, Bewegungs- und Verhaltenstherapie ausgeschöpft worden sein müssten. Denn bei bariatrischen Operationen handle es sich um „schwere, nicht wieder rück­gän­gig zu machende Operationen an einem eigentlich funktionierenden Körper“.

„Nach einem bariatrischen Eingriff müssen Patienten häufiger wegen Gallensteinen, Krank­heiten des Verdauungssystems und Eingeweidebrüchen ins Krankenhaus“, erklär­te Boris Augurzky vom RWI, einer der Autoren des Reports. Zudem steige die Sterberate bei operierten gegenüber nicht operierten Patienten in den ersten vier Jahren nach dem Eingriff um 7,7 Prozent.

Mortalität ist in Zentren geringer
Auf der anderen Seite gebe es jedoch auch positive Aspekte, weil operierte Patienten sel­tener an Diabetes erkrankten und sich bei Frauen auch die Zahl der Geburten er­höhe, erklärte Straub. „Es wird sogar schon damit geworben, dass man Diabetes mit ei­nem bariatrischen Eingriff wegoperieren könne. Angesichts der Schwere des Eingriffs halte ich das für eine gefährliche Aussage“, betonte er.

Straub warb dafür, dass sich Patienten, bei denen eine Operation unvermeidbar ist, in einem von der Deutschen Gesellschaft für Allgemein- und Viszeralchirurgie (DGAV) zer­ti­fizierten Zentrum operieren lassen sollten. Dort werde die Diagnose von einem inter­diszi­pl­inären Team vorgenommen, und die Patienten würden postoperativ begleitet. Auch sei die Behandlungsqualität in den Zentren besser. „40 von 1.000 Patienten, die sich haben operieren lassen, sterben durch die Behandlung. In den Zentren sind es 34. Das ist schon statistisch signifikant“, erklärte Krankenhausreport-Autor Augurzky.

Nur 44 von 350 Krankenhäusern zertifiziert
Zudem seien Behandlungen in einem Zentrum für die Krankenkassen „im Schnitt um mehr als 3.800 Euro pro Eingriff“ preiswerter. Grund dafür sei unter anderem, dass es weniger Komplikationen gebe, die dann auch keine Folgekosten generierten. „Bislang lassen sich fast 60 Prozent aller Patienten in einem Zentrum behandeln“, sagte Augurz­ky. „Aber 40 Prozent eben auch nicht.“ In Deutschland bieten dem Report zufolge 350 Krankenhäuser bariatrische Operationen an. Nur 44 von ihnen sind von der DGAV zerti­fiziert.

Straub forderte die Krankenhäuser auf, mit niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten wohn­ortnahe Nachsorgekonzepte zu entwickeln. „Nach einer Adipositas-Operation sollte immer eine engmaschige und interdisziplinäre Nachsorge erfolgen. Denn ein baria­tri­scher Eingriff kann schwerwiegende Folgen nach sich ziehen, wie zum Beispiel einen le­bensbedrohlichen Nährstoffmangel“, sagte er.

„Bariatrische Operationen sind für Krankenhäuser lukrativ“
Straub wies darauf hin, dass die Patienten eine intrinsische Motivation mitbringen müssten, ihren Zustand zu verändern. „Man kann das Problem nicht an einen Thera­peuten delegieren oder einfach wegoperieren“, sagte er. „Patienten müssen die Verän­de­rung wollen, sonst wird mit der Operation nichts erreicht.“

„Bariatrische Eingriffe lösen nicht das gesellschaftliche Problem des Übergewichts“, meinte auch Augurzky. Deshalb sei Prävention sehr wichtig. Zudem müsse man die Pa­tien­ten, die operiert werden sollten, sorgfältig auswählen, je nach individuellen Risiken und Begleiterkrankungen. Würden bundesweit alle Adipösen mit einem Body-Mass-Index von 40 und mehr operiert, kämen auf die gesetzliche Kran­ken­ver­siche­rung kurzfristig rund 14,4 Milliarden Euro an Extraausgaben zu.

„In der Adipositas-Chirurgie drohen massive Mehrkosten, die die Beitragszahler am Ende schultern müssten. Dies ist umso bedenklicher, weil eine bariatrische Operation für Kran­kenhäuser lukrativ ist und daher die Tendenz zu immer mehr Eingriffen besteht“, warnte Augurzky.

Krankenhausgesellschaft kritisiert Barmer-GEK-Report
Aus Sicht der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) macht der Bericht lediglich deutlich, „dass die Krankenkassen immer wieder versuchen, den steigenden medizi­ni­schen Behandlungsbedarf der Bevölkerung in die Nähe von nicht notwendigen Leis­tun­gen der Kliniken zu rücken“. Es sei unredlich, aus dem Anstieg der bariatrischen Ope­ra­tionen den Kliniken die Erbringung unnötiger Operationen zu unterstellen, sagte DKG-Hauptgeschäftsführer Georg Baum.

Er betonte, die Statistiken zeichneten ein „schiefes Bild“. Zwar sei richtig, dass ein An­stieg der Operationen – bei geringer Fallzahl – zu verzeichnen sei. Das sei aber schon deshalb zwingend, weil auch die Zahl der Adipositaskranken im Zeitraum 2003 bis 2013 um 22 Prozent angestiegen sei. Fakt sei, „dass sich die Krankenhäuser streng an die Leitlinien zur Adipositasbehandlung der Deutschen Adipositas-Gesellschaft sowie wei­te­rer medizinischer Fachgesellschaften halten“, so Baum.

© fos/aerzteblatt.de

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Avatar #115425
Herz1952
am Donnerstag, 28. Juli 2016, 13:21

Fettleibige können eigentlich nichts dafür, dass sie so sind

Als voll erwerbsgeminderter Rentner habe wohl etwas mehr Zeit mich mit Forschungsergebnissen zu beschäftigen. Als ehemaliger Programmierer weis ich auch, dass nicht der Drucker "kaputt" ist, wenn er nichts ausdruckt, sondern sich nur kurz initialisiert. Der wahre "Schuldige" ist das Programm im Hauptcomputer mit dem ich dem Drucker nicht den notwendigen Text zur Verfügung gestellt habe.

Fatalerweise könnte das bei Adipositas ähnlich sein. Es ist seit einiger Zeit bekannt, dass eine Punktmutation im FTO-Gen Fettleibigkeit verursachen kann. Aber wieso? Mittlerweile habe ich über die Sendung "Nano" (3-Sat) erfahren, dass bei dieser Mutation "falsche" Fettzellen produziert werden. Es gibt außer den bekannten weisen und braunen Zellen, zwischen denen wohl schon ein optimales Verhältnis bestehen muss, auch beige Fettzellen, die durch den Gen-Defekt produziert werden.

Aber wie so machen die so dick? Eine Erklärung, die ich für sehr wahrscheinlich halte, ist die, dass die falschen Fettzellen nicht als Energie für den Körper bereitstehen, sondern eingelagert werden.

Dies könnte ein fatales Ereignis bewirken. Der Körper hat zu wenig brauchbare Energie, logischer Weise braucht er noch mehr, erzeugt Hunger und normalerweise auch Appetit und bekommt durch weiteres essen die Energie wiederum nicht vollwertig zur Verfügung gestellt. Das FTO-Gen wurde auch als "Appetit-Gen" angesehen. Aber ohne Appetit würden wir wahrscheinlich verhungern. Der Hunger ist bald überwunden, was dann kommt ist Lethargie. Bei mir war ein mal Epleronon der "Appetithemmer", eigentlich ein A1-Medikament für mich, ich musste es aber absetzen (Übelkeit, Appetitlosigkeit).

Dies könnte auch der Grund sein, dass die ganzen üblichen Therapien kaum erfolgreich sind. Der Effekt ist wahrscheinlich auch bei verschiedenen Menschen unterschiedlich ausgeprägt.

Es ist wohl sehr schwierig oder gar unmöglich eine geeignete konventionelle Lösung zu finden.

Der "Körper" (Gene) funktioniert somit wohl doch nicht richtig. Defekte an Genen sind eigentlich der "Normalfall" im menschlichen Leben und nicht immer funktioniert die Reparatur.

Nicht jede "sichere" Kausalität ist auch wahr.
Avatar #106067
dr.med.thomas.g.schaetzler
am Mittwoch, 27. Juli 2016, 22:02

Quatsch-Comedy-Club?

Da trafen sich wohl Pat und Patachon! Bei bariatrischen Operationen handle es sich um „schwere, nicht wieder rückgängig zu machende Operationen an einem eigentlich funktionierenden Körper“, erläuterte der Kollege und Vorstandsvorsitzende der Barmer GEK, Dr. med. Christoph Straub. Doch stimmt das wirklich bei einem BMI von 45 bis 50 und mehr?

Meine vor einigen Jahren Zentrums-operierte und fachlich begleitete Patientin mit BMI 53+ hatte schon eine Odyssee hinter sich: Endokrinologie, Akutkliniken, REHA, Physio- und Psychotherapie, Ökotrophologie bei z. T. dramatischen Krankheitsentwicklungen. Sie macht heute wieder Luftsprünge, freut sich über bio-psycho-soziale, berufliche, familiäre und kulturelle Teilhabe.

Knie-, Hüft- und Schulter-TEP; 3- oder 4-fach ACVB bzw. viele andere orthopädische und chirurgische OPs sind ebenfalls "schwere, nicht wieder rückgängig zu machende Operationen an einem eigentlich (noch ???) funktionierenden Körper“.

Gipfel ist Prof. Dr. Boris Augurzky, Jahrgang 1972, mit seiner Einlassung: "Nach einem bariatrischen Eingriff müssen Patienten häufiger wegen Gallensteinen, Krankheiten des Verdauungssystems und Eingeweidebrüchen ins Krankenhaus“. Auch nach seinem Studium der Volkswirtschaftslehre und Mathematik (seit 2014 Geschäftsführer der Stiftung Münch) http://www.rwi-essen.de/augurzky
sollte er wissen, was verfügbaren Studien belegen: Massive Gewichtsreduktion durch Crash-Diäten mit forciertem Abnehmen, selbst im undramatischen BMI-Bereich und in Eigenregie, führen in erster Linie zu Gallensteinen, Krankheiten des Verdauungssystems und Hernien.

Nicht weniger abwegig ist der Mittelalter-Vergleich, es sei denn, bariatrische Adipositas-Chirurgie würde betrieben, weil die Betroffenen als Patienten vorher zu viele Lebensmittel gestohlen hätten?

Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
Avatar #697854
Dr.Bayerl
am Mittwoch, 27. Juli 2016, 21:38

@Rie-Rie von Hype kann keine Rede sein!

Der Kern des Problems ist das krankhafte Übergewicht!!!
Wahrscheinlich kennen Sie keinen einzigen solchen Patient.
Die Kassen sind (ökonomisch) dumm, wenn sie das wie bisher weiter behindern.
Avatar #94527
Rie-Rie
am Mittwoch, 27. Juli 2016, 20:33

Mittelalter läßt grüßen

„schwere, nicht wieder rück­gän­gig zu machende Operationen an einem eigentlich funktionierenden Körper“.Diese Aussage trifft das Problem im Kern. Der Verdauungstrakt erledigt seine Aufgaben zuverlässig und wird, um den Patienten zu einer Verhaltensänderung zu zwingen, verstümmelt. Im Mittelalter wurden den Dieben die Hände abgehackt, damit sie nicht mehr stehlen konnten. Es war eine Sternstunde der Medizin, als durch die neuen säurehemmenden Medikamente keine Magenoperationen mit all ihren Folgen mehr notwendig waren. Dumping-Syndrome sehen wir neuerdings wieder nach bariatrischen Operationen. Unklar ist auch nach wie vor welche Langzeitfolgen durch Nährstoffmangel entstehen können. Und, es gibt Hinweise, dass die veränderte Darmflora eine maßgebliche Rolle in der Verbesserung der diabetischen Stoffwechselsituation spielt. Die Flora ändert sich nicht durch die Hand des Chirurgen, sondern durch die veränderte "Fütterung" (Ernährung) dieser Hauskeime. Bedenken sollten alle Beteiligten, dass für die Patienten endgültig und für immer keine normale Ernährung mehr möglich sein wird. Ich wage zu bezweifeln, dass ein Mensch, der selbst Gewicht reduzieren möchte und sich dennoch nicht selbstständig zu einer notwendigen Lebensstiländerung motivieren kann,um dieses Zukunftsziel zu erreichen,diese letztendliche Konsequenz wirklich erfasst. All dies ist Grund genug den derzeitigen Hype der bariatrischen Operationen kritisch zu hinterfragen.
LNS

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