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Medizin

US-Leitlinie bezweifelt Nutzen des Hautkrebs-Screenings mit deutscher Studie

Donnerstag, 28. Juli 2016

dpa

Washington – Die US Preventive Services Task Force (USPSTF), die die US-Regierung in Fragen der Krankheitsvorsorge berät, hält den Nutzen eines generellen Hautkrebs-Screenings nicht für erwiesen und führt im amerikanischen Ärzteblatt (JAMA 2016; 316: 429-435) ausgerechnet eine Studie an, die in Deutschland zur Einführung des nationalen Hautkrebs-Screenings geführt hat.

In den USA werden in diesem Jahr vermutlich etwa 76.000 Menschen an einem Melanom erkranken und 10.000 daran sterben. Für die meisten Dermatologen steht fest, dass alle Todesfälle durch eine frühzeitige Erkennung und Entfernung der verdächtigen Naevi verhindert werden könnten. Die American Academy of Dermatology schätzt, dass US-Hautärzte in den letzten 30 Jahren 28.500 Melanome rechtzeitig diagnostiziert haben.

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Der Nutzen des Hautkrebs-Screenings, dass nicht-invasiv, schnell und schmerzlos durchgeführt werden kann, steht für den Verband der US-Dermatologen außer Zweifel. Der Verband stellt fest, dass zur Diagnose der Melanome mehr als 2,5 Millionen Hautuntersuchungen durchgeführt wurden. Die Frühdiagnose eines Melanoms ist deshalb ein seltenes Ergebnis einer Screening-Untersuchung.

Diese Erfahrung machten in den Jahren 2003/4 auch die Initiatoren der SCREEN-Studie. In Schleswig-Holstein hatten sich damals 360.288 Personen bei einem niedergelassenen Arzt einer Ganzkörperinspektion unterzogen. Die 1.789 teilnehmenden Ärzte (die meisten davon Nicht-Dermatologen) hatten zuvor an einer achtstündigen Schulung teilgenommen. Es wurden (neben 1.961 Basaliomen und 392 Spinaliomen) 585 maligne Melanome entdeckt. Eine spätere Analyse ergab, dass das Screening mit einem Rückgang der Melanom-Mortalität um knapp 48 Prozent einherging. Vor dem Screening hatte es 1,7 Todesfälle am Melanom auf 100.000 Einwohner gegeben, danach waren es 0,9 Todesfälle auf 100.000 Personen.

Die SCREEN-Studie, die 2008 in Deutschland zur bundesweiten Einführung des Hautkrebs-Screenings geführt hat, ist für die USPSTF die beste Untersuchung zum Hautkrebs-Screening, auch wenn es sich lediglich um eine sogenannte ökologische Studie und nicht um das Ideal einer randomisierten Studie handelt (die nach dem Zufallsprinzip ausgesuchte gescreente Personen und nicht gescreente Personen verglichen hätte).

Gleichzeitig ist es für die USPSTF ein Beleg für den geringen Nutzen des Screenings. Denn die Reduktion von 1,7 auf 0,9 Todesfälle auf 100.000 Personen bedeutet, dass mehr als 100.000 Menschen sich einer Ganzkörperinspektion unterziehen müssen, um einen Todesfall am Melanom zu entdecken. Dem USPSTF ist auch nicht entgangen, dass die Ergebnisse der SCREEN-Studie nach der Einführung des bundesweiten Hautkrebs-Screenings nicht Bestand hatten. Zwischen 2008 und 2012 ist die Zahl der Melanom-Todesfälle in Schleswig-Holstein wieder angestiegen (BMJ Open 2015; 5: e008158).

Diesem aus Sicht des USPSTF zweifelhaften Nutzen stehen Risiken gegenüber. Nicht hinter jedem verdächtigen Naevi verbirgt sich ein Melanom. In der SCREEN-Studie waren bei einem von 23 gescreenten Personen Naevi entfernt worden. Nur in einem von 28 Fällen war dabei ein Melanom entdeckt worden. Die Detektionsrate schwankte von 1 zu 52 bei Männern von 20 bis 34 Jahren und 1 zu 20 bei Männern im Alter von über 65 Jahren. Die Zahl der Naevi, die entfernt werden müssen, um einen Melanom-Todesfall zu verhindern, wurde in der SCREEN-Studie nicht bestimmt. Die USPSTF schätzt jedoch, dass die Zahl bei weit über 4.000 Personen liegt.

Die USPSTF befürchtet, dass viele dieser Menschen durch die Überdiagnose und Übertherapie von Naevi geschädigt werden. Bei den meisten dürfte dies nur kosmetische Nachteile haben. Bei einer ungünstigen Lokalisation könnten sich jedoch auch funktionelle Einbußen ergeben, befürchten die US-Experten. 

Insgesamt ist die Datenlage für die USPSTF zu schwach, um ein Hautkrebs-Screening empfehlen zu können. Dies bedeutet allerdings nicht, dass Ärzte sich die Haut ihrer Patienten nicht ansehen und verdächtige Läsionen nicht entfernen sollten. Das USPSTF plant eine weitere Empfehlung für die Bevölkerung. Es ist möglich, dass dort die Bevölkerung zu einer vermehrten Aufmerksamkeit aufgefordert wird.

Dies gilt insbesondere für Menschen mit einem erhöhten Risiko. Dazu zählen alle Personen mit einem hellen Teint, die Besucher von Solarien sowie Menschen, die mehrere Sonnenbrände in der Vorgeschichte haben oder bereits einmal an einem Hautkrebs erkrankt waren. Eine hohe Gefährdung haben zudem Menschen mit dysplastischen Naevi oder solche mit mehr als 100 Muttermalen. Wie bei den meisten Krebsarten steigt auch beim Melanom das Erkrankungsrisiko mit steigendem Lebensalter. Das Durchschnittsalter bei der Diagnose beträgt 63 Jahre. © rme/aerzteblatt.de

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Avatar #79783
Practicus
am Montag, 1. August 2016, 20:11

Typisch deutsch...

geht es um Krebs, setzt der Verstand aus, und zwar vollständig!
Dass Geld, das in unsinnige Pseudoprävention fließt, in unserem unterfinanzierten GKV-System immer an anderer Stelle fehlt, wird nach Kräften ignoriert. 100.000 € für 100 Tage Überleben eines Versicherten gegen Tausende Versicherte, die wegen dadurch notwendiger Einsparungen ein paar Jhare früher sterben müssen - das nachzurechnen ist doch unethisch!
LNS

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