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Medizin

Antibiotikum aus der Nase könnte MRSA-Besiedlung stoppen

Freitag, 29. Juli 2016

Tübingen - Ein deutsches Forscherteam hat ein Antibiotikum entdeckt, mit dem Staphylokokken in der Nase andere Keime verdrängen. Die Substanz war laut einer Studie in Nature (2016; 535: 511-516) auch gegen methicillinresistente S. aureus (MRSA) und andere Problemkeime aktiv und könnte deshalb für eine therapeutische Anwendung interessant sein, sofern klinische Studien Effektivität und Verträglichkeit bestätigen sollten.

Um neue Antibiotika zu finden, begeben sich Forscher normalerweise in abgelegene Regionen des Regenwalds, wo sie in Bodenproben nach exotischen Pilzen oder Bakterien suchen, die sich ihren Platz im Ökosystem mit Substanzen erkämpfen, die - wenn es der Zufall so will – auch für die Behandlung von Infektionskrankheiten geeignet sind. Das Team um Andreas Peschel vom Interfakultären Institut für Mikrobiologie und Infektionsmedizin Tübingen (IMIT) musste für seine Suche den Campus der Universität im Prinzip nicht verlassen. 

Ihr Revier war die Schleimhaut der menschlichen Nase, die bei etwa 30 Prozent aller Menschen mit Staphylococcus aureus besiedelt ist, einige davon mit der multiresistenten Komponente MRSA. Die Forscher fragten sich, warum die Keime bei den anderen 70 Prozent der Bevölkerung nicht gefunden werden. Ihre Vermutung war, dass andere Keime die Krankheitserreger verdrängen und dass sie sich dabei antimikrobieller Substanzen bedienen. Mit Lactocillin war vor zwei Jahren in der vaginalen Schleimhaut erstmals ein vom menschlichen Mikrobiom gebildetes Antibiotikum entdeckt worden.

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Die Tübinger Forscher suchten in einer Sammlung von 90 Isolaten von Staphylokokken aus der Nasenschleimhaut zunächst nach Bakterien, die in der Lage waren, S. aureus abzuwehren. Sie stießen dabei auf den Stamm S. lugdunensis IVK28, der diese Fähigkeiten besaß. Durch die systematische Analyse von Mutanten von IVK28 konnten sie das Molekül identifizieren, das für die antibiotische Wirkung verantwortlich war. Sie tauften es Lugdunin. Es handelt sich um ein relativ großes Molekül mit einer bisher unbekannten Ringstruktur von Aminosäurebausteinen und es unterscheidet sich von allen bisher bekannten Antibiotika. 

Erste bakteriologische Tests ergaben, dass Lugdunin bereits in geringer Konzentration verschiedene S. aureus-Stämme abtötet, darunter auch den Problemkeim MRSA. Auch gegen Vancomycin-resistente Enterokokken (VRE), einem weiteren Problemkeim, war Lugdunin in der Petri-Schale wirksam. 

Erste Tests an Mäusen ergaben, dass eine Lugdunin-Salbe S. aureus auf der Haut abtötet. Auch zur Dekolonisierung der Nasenhöhlen war es geeignet. Weitere Tests ergaben, dass die Neigung zur Resistenzbildung offenbar gering ist. Lugdunin hätte damit gleich mehrere günstige Eigenschaften, die es für die Behandlung von Infektionen beim Menschen interessant macht.

Ob sich die Substanz als Arzneimittel eignet, können allerdings nur langwierige präklinische und klinische Tests zeigen. Dass es von Bakterien der menschlichen Schleimhaut gebildet wird, bedeutet nicht automatisch, dass es in der für die Behandlung von Infektionen nötigen Konzentration gut verträglich ist. Die Entdeckung von Lactocillin und jetzt Lugdunin dürfte dazu führen, dass verstärkt im Mikrobiom nach möglichen Antibiotika gesucht wird./rme

© rme/aerzteblatt.de

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