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Medizin

Psychiatrie: Suizidrisiko auf offenen Stationen nicht erhöht

Freitag, 29. Juli 2016

dpa

Basel - Die Behandlung auf geschlossenen Stationen kann nicht verhindern, dass Patienten mit psychischen Erkrankungen sich das Leben nehmen oder sich einer Behandlung durch Flucht entziehen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Beobachtungs­studie in Lancet Psychiatry (2016; doi: 10.1016/S2215-0366(16)30168-7), die die Daten von 350.000 Patienten aus 21 psychiatrischen Kliniken aus Deutschland über einen Zeitraum von 15 Jahren ausgewertet hat.

Selbstgefährdendes Verhalten und Therapieverweigerung durch Verlassen der Kliniken sind bei Patienten mit psychiatrischen Erkrankungen häufig. In vielen Kliniken werden Risikopatienten deshalb auf geschlossenen Stationen untergebracht. Nur wenn sie von Suizidversuchen und Flucht abgehalten werden, so die Begründung, können Patienten ausreichend geschützt werden und eine angemessene Therapie erhalten. Der Nach­weis, dass geschlossene Stationen selbstgefährdendes Verhalten verhindern können, wurde bislang noch nicht in einer wissenschaftlichen Studie erbracht, schreibt das Team um Undine Lang, die Leiterin der Erwachsenen-Psychiatrischen Universitätsklinik in Basel.

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Um die Auswirkungen der geschlossenen Behandlung auf Suizidalität und Ent­weichungen zu untersuchen, haben die Forscher die Daten von 349.574 Behandlungsfällen aus 21 deutschen Kliniken für den Zeitraum von 1998 bis 2012 untersucht. Von diesen Kliniken verfolgten einige eine Praxis der offenen Türen, sie kamen also ganz ohne geschlossene Stationen aus.

16 Kliniken unterhielten zusätzlich zu offenen Stationen auch noch zeitweise oder dauerhaft geschlossene Stationen. Die Patienten wurden hauptsächlich wegen organischer Erkrankungen wie Demenz, Substanzabhängigkeit, Schizophrenie-Spektrum-Störungen, affektiven Störungen (etwa Depressionen), stressbedingte Störungen und Persönlichkeitsstörungen behandelt.

Ergebnis: Die Gegenüberstellung von 145.738 Paaren mit vergleichbaren Eigenschaften (Propensity Score Matching) ergab, dass Suizide auf offenen Stationen nicht signifikant häufiger waren (Odds Ratio 1,326; 95-Prozent-Konfidenzintervall 0,803-2, 113). Auch Selbstmordversuche (Odds Ratio 1,057; 0,787-1,412) und eine Therapieverweigerung durch zeitweiliges Entfernen (Odds Ratio 1,288; 0,874-1,929) oder dauerhaftes Entfernen (Odds Ratio 1,090; 0,722-1,659) waren in Krankenhäusern mit einer Politik der offenen Tür nicht häufiger erhöht. 

In einer zweiten Analyse, die offene und geschlossene Stationen direkt miteinander verglich, waren Suizidversuche (OR 0,658; 0,504-0,64), eine Therapieverweigerung durch zeitweiliges Entfernen (Odds Ratio 0,629; 0,524-0,764) oder durch dauerhaftes Entfernen (Odds Ratio 0,707; 0,546-0,925) auf offenen Stationen sogar signifikant seltener. Für Erstautor Christian Huber ist dies ein Hinweis darauf, dass die Atmosphäre auf den offenen Stationen besser ist und die Therapien von den Patienten besser angenommen werden (auch wenn hinsichtlich der vollendeten Suizide die Odds Ratio von 0,823 bei einem 95-Prozent-Konfidenzintervall von 0,376-1,766 das Signifi­kanzniveau verfehlte).

Die Studie konnte allerdings nur die Suizide und Selbstverletzungen berücksichtigen, die innerhalb der Klinik erfolgten. Schäden, die außerhalb der Klinik anderen Menschen zugefügt wurden, konnten die Forscher nicht recherchieren. Medienberichte über Angriffe auf andere Menschen haben in der letzten Zeit zur Forderung nach einer Behandlung auf grundsätzlich geschlossnen Stationen geführt. Lang hält die Befürchtungen im allgemeinen für unbegründet. Die meisten Menschen mit psychischen Erkrankungen würden eher eine Gefahr für sich selbst als für andere Menschen darstellen. Angriffe auf andere Menschen kämen zwar vor, seien aber sehr selten. © rme/aerzteblatt.de

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