NewsPolitikReport: Freiheits­beschränkende Maßnahmen in vielen Behindertenheimen
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Politik

Report: Freiheits­beschränkende Maßnahmen in vielen Behindertenheimen

Donnerstag, 4. August 2016

München – In der Hälfte aller Heime für behinderte Kinder und Jugendliche in Bayern gibt es sogenannte „freiheitsbeschränkende Maßnahmen“. Das geht aus einem Bericht her­vor, den Sozialministerin Emilia Müller (CSU) heute in München vorstellte. Darunter fallen vergitterte Betten oder – in knapp 20 Prozent der Einrichtungen – auch Time-Out-Räu­me, in die Kinder und Jugendliche gebracht und in denen sie in einigen Fällen auch ein­ge­schlossen werden.

Das Ministerium war im April von einem Bericht des Bayerischen Rundfunks über einge­schlossene Kinder und Jugendliche in bayerischen Heimen aufgeschreckt worden, hatte einen Expertenrat einberufen und alle 104 stationären Einrichtungen mit insgesamt 4.000 Kindern und Jugendlichen überprüft. Darunter fielen auch Einrichtungen für blinde oder gehörlose Kinder.

Die Ministerin betonte, nahezu alle dokumentierten „freiheitsbeschränkenden Maß­nah­men“ seien getroffen worden, um das jeweilige Kind oder andere zu schützen. Daher seien sie gerechtfertigt gewesen. Im Bericht heißt es: „Von keiner der 104 geprüften stationären Einrichtungen für Kinder und Jugendliche mit Behinderung wurden freiheits­beschränkende Maßnahmen als Strafe eingesetzt.“

Anzeige

Sieben „gravierende Mängel“ wurden laut Bericht allerdings festgestellt. In zwei Fällen wurden Bewohner nachts eingeschlossen, weil zu wenig Nachtdienstmitarbeiter vorhan­den waren. In einem anderen Fall bekam ein eingeschlossener Bewohner einen Toiletten­eimer. Beides wurde verboten.

Mit einem „Zehn-Punkte-Plan“ will Müller die Situation nun verbessern. So sollen Eltern und auch die Kinder und Jugendlichen selbst beispielsweise stärker einbezogen werden. Außerdem soll es Beratungs- und Beschwerdestellen und Fortbildungen für die Beschäf­tigten geben.

Ganz neu ist das alles nicht, meint der Landes-Caritasdirektor Bernhard Piendl. „Diese Empfehlungen entsprechen ohnehin weitestgehend dem üblichen Standard“, sagte er. Aus seiner Sicht müssen vor allem die Heimrichtlinien überarbeitet werden: „Die derzeit gültigen sind im Bereich der freiheitsbeschränkenden Maßnahmen nicht ausreichend.“

Bislang ist – anders als bei Erwachsenen – kein richterlicher Beschluss nötig, wenn Kinder und Jugendliche mit Behinderungen eingeschlossen werden. Bayern will sich nach Angaben Müllers auf Bundesebene für eine Überprüfung dieser Praxis einsetzen. Ein Schritt, der nach Ansicht des Würzburger Kinderpsychiaters Marcel Romanos längst überfällig ist. Der Richtervorbehalt sei eine „ganz zentrale Maßnahme auch für Kinder und Jugendliche“. Bei Erwachsenen habe er dazu geführt, dass es deutlich weniger „freiheitsbeschränkende Maßnahmen“ gebe.

Ein anderes großes Problem sieht er – genau wie Petra Nölkel vom Deutschen Fami­lien­verband – in der geringen Anzahl der Plätze. Es gebe in Bayern nicht genug Heime für Kinder und Jugendliche mit schwersten, mehrfachen Behinderungen. © dpa/aerzteblatt.de

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

LNS

Nachrichten zum Thema

11. Dezember 2018
Berlin – Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) hat mehr Stellen für Menschen mit Behinderungen auf dem ersten Arbeitsmarkt gefordert. Arbeit habe nicht nur eine ökonomische, sondern auch eine
Heil will mehr Stellen für Menschen mit Behinderung auf erstem Arbeitsmarkt
5. Dezember 2018
München – Der bayerische Krankenhausplanungsausschuss hat grünes Licht dafür gegeben, die stationäre medizinische Versorgung im Freistaat auszubauen. Ge­sund­heits­mi­nis­terin Melanie Huml (CSU) begrüßte
Planungsausschuss beschließt zusätzliche Betten für Bayerns Krankenhäuser
3. Dezember 2018
Düsseldorf – In Deutschland sollte es eine kurzfristige Reform des Wahlrechts geben. Das hat der Behindertenbeauftragte der Bundesregierung, Jürgen Dusel, heute anlässlich des Tags der Menschen mit
Behindertenbeauftragter will Wahlrechtsänderung vor Europawahl
3. Dezember 2018
München – 476 Mediziner – davon 384 Haus-, 32 Fachärzte und 60 Psychotherapeuten – hat Bayern bislang bei ihrer Praxisgründung im ländlichen Raum unterstützt. Sie können bis zu 60.000 Euro erhalten,
Förderprogramm lockt 476 Mediziner in Bayern aufs Land
29. November 2018
Bonn/Frankfurt – Eine nach wie vor unzureichende Beschäftigungsquote von Menschen mit Behinderung beklagt die Aktion Mensch. Die Zahl der Arbeitslosen mit einer Behinderung sei im laufenden Jahr zwar
Aktion Mensch dringt auf mehr Inklusion am Arbeitsmarkt
28. November 2018
Berlin – Menschen, die in den ersten Jahrzehnten der Bundesrepublik und der DDR in stationären Einrichtungen der Behindertenhilfe lebten, können sich nun voraussichtlich bis Ende 2020 an eine Stiftung
Heimkinder mit Behinderungen können länger entschädigt werden
14. November 2018
Berlin – Der Behindertenbeauftragte der Bundesregierung, Jürgen Dusel, hat die Entscheidung begrüßt, die Special Olympics 2023 in Berlin auszutragen. „Ich finde das großartig und freue mich darüber,
LNS LNS

Fachgebiet

Anzeige

Weitere...

Aktuelle Kommentare

Archiv

Anzeige
NEWSLETTER