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Medizin

Retinitis pigmentosa: Computer-­Training verbessert Orientierungs­vermögen

Donnerstag, 11. August 2016

/ Thomas Sturm_pixelio.de

Tübingen – Augenärzte haben ein computerbasiertes Training entwickelt, das die Wahrnehmung und das Orientierungsvermögen von Menschen mit der unheilbaren Netzhauterkrankung Retinitis pigmentosa deutlich verbessert. Schon innerhalb von sechs Wochen macht sich der Effekt bemerkbar. Die Studie wurde in PLOS ONE (doi.org/10.1371/journal.pone.0157825) publiziert .

Die Augenärzte um Iliya V. Ivanov von der Universitäts-Augenklinik Tübingen haben ein computerbasiertes Trainingsprogramm für Menschen mit Retinitis pigmentosa ent­wickelt. Dabei sitzt der Patient vor einem Computer, auf dessen Bildschirm zufällige Zahlen erscheinen, die er mit der Computermaus wegklicken muss. Einige Zahlen erscheinen auch außerhalb des Gesichtsfelds – durch gezielte Bewegungen der Augäpfel lernt der Betroffene auch diese zu erfassen. Ein ähnliches Training nutzen bereits Schlaganfallpatienten, bei denen der Hirnschaden zu einem Gesichtsfeldausfall geführt hat.

In einer ersten klinischen Studie testeten 25 Patienten mit Retinitis pigmentosa das PC-Programm zu Hause am Laptop. Sie trainierten an fünf Tagen pro Woche für jeweils 30 Minuten. Nach sechs Wochen Training hatten die Patienten ihre Reaktionszeiten im PC-Training um 37 % verbessert. Einen Gehtest mit Hindernissen konnten sie schneller und mit weniger Fehlern absolvieren als eine Vergleichsgruppe, die nur an einem Lese­training teilgenommen hatte. Während des Gehtests trugen alle Teilnehmer ein Gerät, das die Augenbewegungen registrierte.

Zwischen 30.000 und 40.000 Menschen in Deutschland leiden an der unheilbaren Netzhauterkrankung Retinitis pigmentosa. Bei der angeborenen Erkrankung gehen die Lichtsinneszellen der Netzhaut des Auges nach und nach unter. Dieser Vorgang beginnt meist schon im Jugendalter an den äußeren Rändern des Gesichtsfelds und dringt im Laufe der Zeit weiter nach innen vor. Dadurch entsteht bei den Betroffenen ein „Tunnelblick“, der das Orientierungsvermögen einschränkt. Die Patienten erkennen Hindernisse zu spät, sie stürzen häufiger, und das Risiko, als Fußgänger im Straßenverkehr zu Schaden zu kommen, ist erhöht. Darunter leidet die Lebensqualität.

Die Ergebnisse zeigen, dass die Probanden vermehrt die Umgebung ihres eingeschränkten Gesichtsfeldes erkunden, erklärt die Autorin Trauzettel-Klosinski: „Durch das Training haben sie gelernt, die Bewegung ihrer Augäpfel bewusst zu steuern – so nehmen sie Hindernisse besser wahr als untrainierte Patienten.“

Ein solches Training kann die Mobilität auch nach einem bereits erfolgten Orientierungs- und Mobilitätstraining mit dem Langstock verbessern. Auch die Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft (DOG) sieht in der Software eine Chance, die Sicherheit und die Lebensqualität von Menschen mit Retinitis pigmentosa zu steigern und empfiehlt, das Training in die Behandlung dieser Patienten miteinzubinden. „Viele Menschen mit Tunnelblick trauen sich kaum mehr ihre Wohnung zu verlassen und am öffentlichen Leben teilzunehmen“, berichtet Trauzettel-Klosinski. Die Tübinger Ophthalmologen arbeiten die Trainingssoftware nun zu einem benutzerfreundlichen Programm aus. Die Kosten dafür schätzt die Expertin auf etwa 300 Euro und hofft, dass die Krankenkassen sich daran beteiligen.

Aufhalten oder gar heilen kann das Training die Erkrankung nicht: „Die Übungen helfen den Betroffenen aber ihr verbliebenes Blickfeld effektiver zu nutzen und sich so im Alltag besser zurechtzufinden“, sagt der Augenarzt Frank G. Holz vom Vorstand der Stiftung Auge, die die Tübinger Studie unterstützt hat. © EB/gie/aerzteblatt.de

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