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Medizin

Früher Behandlungsbeginn bremst Multiple Sklerose

Freitag, 12. August 2016

Basel – Ein frühzeitiger Therapiebeginn kann bei der Multiplen Sklerose das Fortschreiten der neurologischen Erkrankung verlangsamen, die Behinderungen begrenzen und langfristig sogar den Patienten den Arbeitsplatz erhalten. Dies zeigt die Nachbeobachtung von Teilnehmern einer klinischen Studie in Neurology (2016, doi: 10.1212/WNL.0000000000003078).

Die Multiple Sklerose beginnt häufig mit einzelnen neurologischen Symptomen wie Taubheit, Sehstörungen, Kraftminderung oder Gleichgewichtsstörungen. Sie setzen innerhalb von Stunden bis Tagen ein und lassen sich häufig auf umschriebene Läsionen im Gehirn zurückführen, die auf Bildern der Kernspintomographie sichtbar sind. Dieses „klinisch isolierte Syndrom“ (KIS) ist zu 85 Prozent Vorbote einer Multiplen Sklerose. Bis zur definitiven Diagnose, die eine räumliche und zeitliche Streuung von entzündlich-entmarkenden Plaques fordert, können jedoch noch Monate oder Jahre vergehen.

So lang wird heute nicht mehr mit der Behandlung abgewartet. Die Leitlinien empfehlen einen möglichst frühen Beginn im Stadium KIS. Die Vorteile dieser Strategie konnten vor mehr als einem Jahrzehnt (unter anderem) in der BENEFIT-Studie gezeigt werden, die 468 Patienten im Stadium KIS auf eine Interferonbehandlung oder eine abwartende Haltung randomisiert hatte. Bei der abwartenden Haltung wurde erst mit der Behandlung begonnen, wenn ein zweiter Schub die Diagnose der MS sicherte (spätestens aber nach zwei Jahren). Am Ende vergingen im Durchschnitt anderthalb Jahre bis zum Therapie­beginn.

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Die Auswirkung dieser Verzögerungen sind laut der jüngsten Analyse der Kohorte auch elf Jahre nach Beginn der Studie noch nachweisbar. Das Team um Ludwig Kappos von der Universität Basel konnte 278 der 468 Studienteilnehmer kontaktieren und ausführlich nachuntersuchen. Von ihnen hatten 167 Patienten frühzeitig und die anderen 111 Patienten erst später mit der Therapie begonnen.

Die Analyse ergab, dass die Teilnehmer mit dem frühem Therapiebeginn bis heute zu 33 Prozent seltener an einer definitiven Multiplen Sklerose erkrankt sind als die Teilnehmer mit verzögertem Therapiebeginn (Hazard Ratio 0,67; 95-Prozent-Konfidenzintervall 0,53-0,85). Ausserdem verstrich bei der frühen Gruppe deutlich mehr Zeit bis zum ersten Rückfall der Krankheit, nämlich 1.888 Tage im Vergleich zu 931 Tagen bei der späteren Gruppe. Das ist ein Unterschied von rund zweieinhalb Jahren.

In der Gruppe mit frühzeitigem Behandlungsbeginn kam es über den Zeitraum der elf Jahre zu 19 Prozent seltener zu Krankheitsschüben (Hazard Ratio 0,81; 0,71-0,92). Diese Unterschiede bestanden laut Kappus auch in den den Jahren, in denen beide Gruppen gleichen Zugang zur Therapie hatten. 

Beide Gruppen haben heute insgesamt nur wenige dauerhafte Beeinträchtigungen. Der mediane Verlust in der Kurtake-Skala EDSS, die das Ausmaß der Behinderungen misst und von 0 (Normalbefund) bis 10 (Tod) reicht, betrug nur 0,5 Punkte, und nur rund acht Prozent der Teilnehmer waren nach elf Jahren vorzeitig berentet.

An der BENEFIT-Studie hatten Kliniken und Universitäten aus zwanzig Ländern teilge­nommen. Die Studie wurde vom Hersteller des verwendeten Interferon-Präparates finanziell unterstützt./ © rme/aerzteblatt.de

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