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Medizin

Fast zehn Prozent der Klinikpatienten bringen multiresistente Keime mit

Montag, 15. August 2016

Escherichia-coli /dpa

Braunschweig – Fast jeder zehnte Krankenhauspatient bringt gefährliche multiresistente Keime mit in die Klinik. Das geht aus einer Studie im Journal of Antimicrobial Chemotherapy (2016; doi: 10.1093/jac/dkw216) hervor. Von mehr als 4.300 unter­suchten Patienten an mehreren deutschen Universitätskliniken waren 416 bei der Aufnahme mit multiresistenten Darmbakterien besiedelt, wie das Deutsche Zentrum für Infektionsforschung (DZIF) am Montag in Braunschweig mitteilte. Diese Häufigkeit war bisher in Deutschland nicht bekannt.

Besonders oft fanden die Wissenschaftler demnach Escherichia- coli-Bakterien, soge­nannte ESBL-Enterobakterien. Diese Keime gehören zur normalen menschlichen Darmflora, für Kranke und Schwache sind sie aber eine Gefahr. Sie können Infektionen in anderen Organen hervorrufen wie zum Beispiel eine Harnwegsinfektion. Eine durch multiresistente Bakterien hervorgerufene Infektion ist sehr viel schwieriger zu thera­pieren, weil viele Antibiotika nicht mehr anschlagen.

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Multiresistente Erreger sind seit Jahren ein zunehmendes Problem vor allem in Kranken­häusern. Nach offiziellen Schätzungen erkranken jährlich 400.000 bis 600.000 Patienten an Krankenhausinfektionen. 10.000 bis 15.000 sterben jedes Jahr daran. Die Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene (DGKH) geht sogar von fast einer Million Infektionen und mindestens 30.000 Todesfällen aus. Meistens handelt es sich um den Methillicin-resistenten Staphylococcus aureus (MRSA). Dieser Bakterienstamm kann schwere bis tödliche Infektionen verursachen.

Die Forscher haben nun an sechs Unikliniken Patienten auf multiresistente Darmkeime untersucht. „Dass fast jeder zehnte Patient mit multiresistenten Keimen besiedelt ist, wenn er in der Klinik ankommt, war für uns überraschend", erklärte Axel Hamprecht von der Uniklinik Köln, die die Studie gemeinsam mit der Berliner Charité koordinierte.

Die multiresistenten Darmbakterien, die unter anderem gegen Cephalosporine resistent sind, haben sich in den vergangenen Jahren weltweit ausgebreitet. Cephalos­­porine sind Antibiotika, die ähnlich wie das Penicillin den Aufbau der bakteriellen Zellwand hemmen und die Bakterien auf diese Weise töten. Die neueren Cephalosporine der dritten Generation wirken gegen ein breites Spektrum an Bakterien und gehören zu den am häufigsten eingesetzten Antibiotika.

Doch die Bakterien setzen sich zur Wehr und haben im Laufe der Zeit ein Enzym erworben, das diese Antibiotika unwirksam macht.Die Häufigkeit der multiresistenten Keime war demnach von Klinik zu Klinik unterschiedlich. Es zeigte sich jedoch, dass Patienten nach der Einnahme von Antibiotika und Reisende außerhalb Europas gefährdeter sind. Bakterien sind sehr anpassungsfähig. Durch Veränderungen im Erbgut können die Erreger unempfindlich gegenüber bestimmten Antibiotika werden. Der übermäßige Einsatz von Antibiotika beim Menschen und in der Tiermast sowie eine unsachgemäße Einnahme der Medikamente fördert solche Resistenzbildungen. © afp/aerzteblatt.de

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Avatar #614726
Georg Häcker
am Donnerstag, 15. September 2016, 14:13

Krankenhausinfektionen und multiresistente Erreger

mit großem Interesse haben wir die o. g. Meldung im Deutschen Ärzteblatt gelesen, in der eine Inzidenzstudie zur Resistenz von Enterobakterien erwähnt und kommentiert wird.
Sehr mit Recht widmet das Ärzteblatt den Themen Krankenhausinfektionen und multiresistente Erreger große Aufmerksamkeit. Es ist jedoch unglücklich, dass auch in dieser Meldung die beiden Themen in unzulässiger Weise vermengt, und dabei leider die Sachlage inkorrekt dargestellt wird.
Die gängigen Schätzwerte für Krankenhausinfektionen werden richtig genannt, es wird jedoch nicht zwischen den sehr viel häufigeren Infektionen durch nicht-multiresistente und solchen durch multiresistente Erreger unterschieden. Wer die Meldung liest, muss den Eindruck gewinnen, 400.000 – 600.000 Patienten infizierten sich jährlich im Krankenhaus mit multiresistenten Keimen. Dies ist jedoch die geschätzte Gesamtzahl an Krankenhausinfektionen. Davon sind mindestens 90 % nicht durch multiresistente Erreger hervorgerufen; die Zahl an Krankenhausinfektionen durch multiresistente Erregern liegt sehr viel niedriger (Schätzung: 30-50.000 1).
Krankenhausinfektionen und multiresistente Erreger sind beides wichtige, jedoch nicht identische medizinische Probleme unserer Zeit. Es ist immer wieder zu konstatieren, dass die beiden Sachverhalte miteinander vermengt werden. Die ganz besondere Bedeutung der absoluten Zahl nosokomialer Infektionen einerseits sowie von Infektionen durch multiresistente Erreger (eine wichtige Größe hinsichtlich der Behandelbarkeit der Infektion) andererseits gebietet es jedoch, die beiden Sachverhalte konsequent und individuell zu betrachten, um keine voreiligen oder falschen Schlussfolgerungen zu ziehen. Dem DÄB kommt hier eine außerordentliche Verantwortung in dieser Diskussion zu; daher halten wir eine entsprechende Richtigstellung für ganz besonders wichtig.

Prof. Dr. med. Georg Häcker, Vizepräsident
Prof. Dr. med. Mathias Herrmann, Präsident
Deutsche Gesellschaft für Hygiene und Mikrobiologie

1.Gastmeier P, Geffers C, Herrmann M, et al. [Nosocomial infections and infections with multidrug-resistant pathogens - frequency and mortality]. Dtsch Med Wochenschr. 2016;141(6):421-426.


Avatar #93082
Narkoleptiker
am Montag, 5. September 2016, 22:18

Search and Destroy

als Weg gegen diese Keime scheint in Deutschland nicht gewünscht zu sein.

Ich war kürzlich in der Charitè, bei der OP-Aufklärung fragte ich nach einem Screening. Der Arzt wirkte überrascht. Leider wurde nie ein Abstrich gemacht. Verstanden habe ich das nicht.

Zum Glück bin ich ohne Infektion rausgekommen. Auf der Station gab es mehrere Isolationszimmer.

Die Putzfrau kam einmal am Tag und war verdammt schnell fertig. Das WC habe ich nur benutzt, wenn ich vorher selbst noch desinfiziert habe.

Nach 10 Tagen war es vorbei, wieder draußen, keine Infektion in der Wunde. Uff.
Avatar #563548
Johanna_Ute
am Mittwoch, 17. August 2016, 10:20

Achtung: Studienpopulation sind Patienten an Unikliniken

Somit fallen die Zahlen erwartungsgemäß höher aus, da Patienten an Unikliniken häufig mehr Risiken haben, somit ist auch das Risiko mit MRE kolonisiert zu sein höher.
Avatar #107994
Adolar
am Montag, 15. August 2016, 21:48

Oh, welche Überraschung!!!!

Ein wesentlicher Kampf auf den Stationen besteht doch inzwischen darin, postoperativ Infektionen zu bekämpfen, und dieser Kampf zu Lasten des Patienten und der Kassen nimmt stetig zu. Das wissen doch alle. Da die Krankenhäuser aber auch auf diese Weise Betten belegen können und bezahlt bekommen, stört es anscheinened niemanden, wenn nicht richtig geputzt wird. Fast rund um die Uhr kommen außerdem alle möglichen Leute von der Straße in die Patientenzimmer gelaufen, das kann auch nicht sein. Aber Pat. wäre ja auch ohne MRSA sovieso irgendwann gestorben, insofern macht es keinen wesentlichen Unterschied.
LNS
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