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Medizin

Paracetamol in der Schwangerschaft: Studien sehen nachteilige Folgen für die Kinder

Dienstag, 16. August 2016

dpa

Bristol – Kinder, deren Mütter in der Schwangerschaft Paracetamol eingenommen hatten, zeigten in einer prospektiven Beobachtungsstudie in JAMA Pediatrics (2016; doi:10.1001/jamapediatrics.2016.1775) im Grundschulalter häufiger Verhaltens­auffälligkeiten. In einer Studie in Epidemiology (2016; doi: 10.1097/EDE.0000000000000540) wurden im Vorschulalter Hinweise auf eine verminderte Intelligenz gefunden.

Paracetamol gilt als sicheres Arzneimittel in der Schwangerschaft. Nach derzeitigem Kenntnisstand ist weder das Risiko von Fehlbildungen erhöht, noch gibt es Hinweise auf eine vermehrte Feto- oder Neonataltoxizität. Die Fachinformationen raten trotzdem zu einem zurückhaltenden Einsatz. Ein Ratschlag, der jedoch nicht immer befolgt wird. Etwa jede zweite Schwangere soll auf das Medikament zurückgreifen, das in der Regel rezeptfrei in der Apotheke erhältlich ist.

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Der häufige Einsatz ist umstritten, da Paracetamol die Plazentaschranke überwindet und auf das Gehirn des ungeborenen Kindes einwirkt. Welche Folgen dies hat, ist unklar. Tierexperimentelle Studien zeigen, dass Mäuse, die nach der Geburt – aber in einer Phase, in der sich das Gehirn noch entwickelt – mit Paracetamol exponiert werden, häufiger kognitive Störungen zeigen.

Ob Paracetamol auch beim Menschen die Entwicklung des Gehirns beeinträchtigen kann, ist seit einiger Zeit Gegenstand epidemiologischer Untersuchungen. Vor zwei Jahren hatten Beate Ritz und Mitarbeiter von der Fielding School of Public Health in Los Angeles in JAMA Pediatrics (2014; 168: 313-320) die Daten der Danish National Birth Kohorte ausgewertet, die 65.000 Lebendgeburten begleitet.

Sie kamen zu dem Ergebnis, dass Kinder, deren Mütter in der Schwangerschaft Paracetamol eingenommen hatten, im Alter von sieben Jahren zu 29 Prozent häufiger Ritalin oder andere ADHS-Medikamente verschrieben bekommen hatten und zu 13 Prozent häufiger ADHS-Symptome zeigten. Hospitalisierungen wegen einer hyperkinetischen Störung waren zu 37 Prozent häufiger als bei Kindern, deren Mütter kein Paracetamol eingenommen hatten.

In einer aktuellen Untersuchung hat das Team die Daten von 1.491 Teilnehmerinnen der dänischen Kohorte ausgewertet, deren Kinder im Alter von 5 Jahren an einem Intelli­genz­test teilnahmen. Ergebnis: Wenn die Mütter während der Schwangerschaft Paracetamol eingenommen hatten, ohne an Fieber zu leiden, war der Performance IQ, der die praktische Intelligenz prüft, um 3,4 Punkte niedriger als wenn die Frauen in der Schwangerschaft kein Paracetamol eingenommen hatten.

Die Studie zeigte jedoch auch, dass die Kinder von Frauen, die in der Schwangerschaft an Fieber litten und kein Paracetamol eingenommen hatten, einen um 4,3 Punkte niedrigeren Performance IQ aufwiesen. Und bei Kindern von Frauen, die in der Schwangerschaft Fieber mit Paracetamol behandelt hatten, hatten keinen signifikant verminderten IQ.

Evie Stergiakouli von der Universität Bristol hat jetzt die Daten der Avon Longitudinal Study of Parents and Children (ALSPAC) befragt, die seit Anfang der 90er Jahre eine Kohorte von Kindern seit der Schwangerschaft ihrer Mütter begleitet. Als die Kinder sieben Jahre alt waren, wurden die Mütter in einem „Fragebogen zu Stärken und Schwächen“ (SDQ) nach möglichen Erziehungsproblemen gefragt.

Die Antworten zeigen, dass die Kinder häufiger Verhaltensprobleme (Risk Ratio 1,42; 95-Prozent-Konfidenzintervall 1,25-1,62) und eine Hyperaktivität (Risk Ratio 1,31; 1,16-1,49) zeigten, wenn ihre Mütter während der 18. oder 32. Schwangerschaftswoche eine Einnahme von Paracetamol angegeben hatten. Die Einnahme in der 32. Woche war außerdem mit einer erhöhten Rate von emotionalen Problemen der Kinder (Rate Ratio 1,29; 1,09-1,53) assoziiert. Ein postnataler Einsatz von Paracetamol war dagegen nicht mit Verhaltensstörungen verbunden.

Assoziationen sind in epidemiologischen Studien nicht gleichbedeutend mit einer Kausalität. Es besteht immer die Möglichkeit, dass andere Faktoren als die Einnahme von Paracetamol für die Verhaltensstörungen verantwortlich sind oder den niedrigeren IQ erklären. Epidemiologen versuchen möglichst viele dieser Faktoren auszuschließen. In der britischen Studie gehört dazu auch der sozioökonomische Status. Es bleibt aber die Möglichkeit, dass andere Ursachen nicht erkannt wurden. Dazu gehört beispiels­weise die Möglichkeit, dass der gleiche genetische Faktor zu einer Minderung der Intelligenz führt und die Neigung zum Einsatz von Paracetamol fördert.

Auch fehlt ein plausibler Wirkungsmechanismus. Stergiakouli vermutet, dass Parace­tamol ein endokriner Disruptor ist, was eine leicht erhöhte Rate von Kryptorchismus in einer anderen Studie erklären könnte. Andere Forscher hatten die Vermutung geäußert, dass Paracetamol im Gehirn auf Cannabinoid-Rezeptoren wirkt, die dort einen wichtigen Einfluss auf die pränatale Entwicklung haben. Beides sind jedoch unbewiesene Hypothesen.

Auch Stergiakouli ist klar, das die Studien die schädliche Wirkung von Paracetamol nicht beweisen können. Sie könnten Ärzte jedoch veranlassen, auf eine unkritische Verordnung des Mittels in der Schwangerschaft zu verzichten. © rme/aerzteblatt.de

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Avatar #106067
dr.med.thomas.g.schaetzler
am Donnerstag, 18. August 2016, 18:46

Fragwürdige Publikation!

Zumindest die Veröffentlichung von E. Stergiakouli von der Universität Bristol, die jetzt die Daten der Avon Longitudinal Study of Parents and Children (ALSPAC) auswertete, die seit Anfang der 90er Jahre eine Kohorte von Kindern seit der Schwangerschaft ihrer Mütter begleitet, bleibt fragwürdig. Als die Kinder sieben Jahre alt waren, wurden die Mütter in einem „Fragebogen zu Stärken und Schwächen“ (SDQ) nach möglichen Erziehungsproblemen gefragt.

Prof. Dr. Christof Schaefer vom Pharmakovigilanzzentrum Embryonaltoxikologie der Charité-Universitätsmedizin Berlin kritisiert m. E. zu Recht: "Es wird damit unterstellt, dass in der Studie ein kausaler Zusammenhang bewiesen wurde, was nicht der Fall ist“, sagt er im Gespräch mit Medscape und betont: „An den Empfehlungen für Schwangere wird diese Studie nichts ändern.“ Soziale Faktoren als Ursache wurden auch nicht sicher ausgeschlossen. Vgl. http://deutsch.medscape.com/artikelansicht/4905190

"Association of Acetaminophen Use During Pregnancy With Behavioral Problems in Childhood - Evidence Against Confounding" von Evie Stergiakouli et al. Eine Evidenz g e g e n mögliche Störfaktoren und "bias" wird auf geradezu grotesk unlogische Weise damit begründet, dass Paracetamol - Gebrauch des Partners keinen negativen Einfluss auf "Verhaltensprobleme" in der Kindheit habe. Demnach dürfte geradezu verstärkter Paracetamol - Konsum des Partners bei "Verhaltensproblemen" in der Kindheit eher protektiv wirksam sein???

Schlussfolgerungen der Originalarbeit: "Conclusions and RelevanceChildren exposed to acetaminophen prenatally are at increased risk of multiple behavioral difficulties, and the associations do not appear to be explained by unmeasured behavioral or social factors linked to acetaminophen use insofar as they are not observed for postnatal or partner’s acetaminophen use. Although these results could have implications for public health advice, further studies are required to replicate the findings and to understand mechanisms."

Da fehlt nur noch der Hinweis, dass Schwangere, die regelmäßig Kaviar, Wildlachs und Champagner (in Tropfen-Form, versteht sich) durch das Hauspersonal gereicht bekommen, wesentlich häufiger wohlhabenden Nachwuchs groß ziehen können.

Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler FAfAM Dortmund (z. Zt Bergen aan Zee, NL)
LNS

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