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Medizin

Schilddrüsenkrebs: IARC warnt vor Überdiagnose in mehreren Ländern

Freitag, 19. August 2016

dpa

Lyon – Die Einführung von Ultraschall und anderen bildgebenden Verfahren hat in den letzten Jahren in mehreren Ländern zu einem deutlichen Anstieg der Diagnosen von Schilddrüsenkrebs geführt, die nach einer Analyse der Internationalen Agentur für Krebsforschung (IARC) im New England Journal of Medicine (2016; 375: 614-617) zu einer erheblichen Übertherapie von indolenten Tumoren geführt hat.

Am deutlichsten war der Anstieg in Südkorea. Dort kamen in den Jahren 1993 bis 1997 auf 100.000 Erwachsene 12,2 Diagnosen. Im Zeitraum 2003/07 waren es 59,9 Fälle, also fast fünfmal so viel. Der Grund war die Einführung einer landesweiten Früher­kennung, an der sich viele Erwachsene beteiligten. Die Zahl der Todesfälle ist im gleichen Zeitraum nicht zurückgegangen. In Südkorea sterben jährlich nur etwa 300 bis 400 Menschen an Schilddrüsenkrebs. Bei den meisten Diagnosen handelt es sich um Überdiagnosen, die nicht selten zu unnötigen Behandlungen wie der kompletten Entfernung der Schilddrüse führen.

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Mediziner aus Südkorea und den USA hatten bereits vor zwei Jahren im New England Journal of Medicine (2014; 371: 1765-1767) auf den epidemischen Anstieg der Überdiagnose hingewiesen. Salvatore Vaccarella vom IARC und Mitarbeiter schätzen, dass zwischen 1993 und 2007 in Südkorea bei Frauen 77.000 und bei Männern 8.200 zusätzliche Fälle von Schilddrüsenkrebs diagnostiziert wurden. Die Analyse von Daten aus elf anderen Ländern zeigt, dass das Phänomen keineswegs auf Südkorea beschränkt ist. Auch in anderen reicheren Ländern sind die Diagnosezahlen gestiegen. 

Die IARC-Forscher schätzen die Zahl der Überdiagnosen des Schilddrüsenkarzinoms bei Frauen auf 228.000 Fälle (1988-2007). In Italien waren es 65.000 Fälle, in Frankreich 46.000 und in Japan 36.000 Fälle. Für Australien errechnen die Forscher 10.000, in England und Schottland 7.400 und in den vier skandinavischen Ländern zusammen 5.800 Überdiagnosen – jeweils nur bei den Frauen (bei Männern ist die Zahl sehr viel geringer). In allen Ländern beträgt der Anteil der Überdiagnosen an allen Diagnosen bei Frauen zwischen 40 Prozent (Japan) und 83 Prozent (Südkorea).

Die Zahlen stammen aus der Zeit vor 2007. Sie können in den letzten Jahren weiter gestiegen sein, da neben dem Ultraschall zunehmend auch Computertomographie und Kernspintomographie eingesetzt werden, wo Schilddrüsentumore als Zufallsbefund entdeckt werden. Werden sie einer weiteren Abklärung zugeführt, steht am Ende nicht selten eine totale Thyreoidektomie eventuell sogar begleitet von Neck Dissection oder eine Radiotherapie.

Deutschland war in die Studie nicht einbezogen. Die Erkrankungsraten haben laut dem Robert Koch-Institut jedoch ebenfalls stark zugenommen. Im Jahr 2012 wurde die Diagnose bei 4.390 Frauen und 1.820 Männern gestellt. An dem Krebs gestorben sind in dem Jahr 419 Frauen und 330 Männer. Aus den Daten geht nicht hervor, wie hoch die Rate der Überdiagnosen ist.

© rme/aerzteblatt.de

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