NewsMedizinSchizophrenie: Cannabis-Konsumenten erleiden häufiger Rezidive
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Medizin

Schizophrenie: Cannabis-Konsumenten erleiden häufiger Rezidive

Dienstag, 23. August 2016

dpa

London - Schizophrenie-Patienten, die nach der ersten Episode ihrer Psychose ihren Cannabis-Konsum fortsetzten, erlitten in einer prospektiven Beobachtungsstudie in Lancet Psychiatry (2016; doi: 10.1016/S2215-0366(16)30188-2) deutlich häufiger ein Rezidiv als Patienten, die abstinent wurden. Besonders riskant könnte die Cannabis-Variante „Skunk“ sein, deren Gehalt an Tetrahydrocannabinol (THC) besonders hoch ist. 

Zu den aktiven Wirkungen der Cannabis-Drogen können psychotische Symptome und kognitive Störungen gehören. Nach dem Rausch normalisiert sich die Hirnfunktion, doch viele Psychiater vermuten, dass ein häufiger Cannabis-Konsum die Entwicklung einer dauerhaften Psychose begünstigt. Auffällig ist ein hoher Cannabis-Konsum von Patienten, die mit der ersten Episode einer Schizophrenie hospitalisiert wurden.

Anzeige

Ein kausaler Zusammenhang ist freilich nicht erwiesen, und nach der sogenannten Selbstmedikationshypothese könnte der Cannabis-Konsum ein (letztlich fehlge­schlagener) Versuch der Patienten sein, ihre Symptome durch Cannabis zu lindern. Nach dieser Hypothese sollten Patienten, die nach der Entlassung aus der Klinik weiterhin Cannabis konsumieren, ein vermindertes Risiko auf ein Rezidiv der Psychose haben.

Das Gegenteil war allerdings der Fall in einer Gruppe von 256 Patienten, die Psychiater aus dem Süden Londons nach der ersten Episode ihrer Psychose betreuten. Die Patienten wurden in der Klinik intensiv nach ihrem Cannabis-Konsum befragt. Ein zweites Interview fand bei einer erneuten Hospitalisierung statt. Wie Tabea Schoeler vom King’s College und Mitarbeiter berichten, trat die zweite Episode der Patienten früher ein, wenn sie ihren Cannabis-Konsum nach der Entlassung aus der Klinik fortgesetzt hatten. Besonders riskant scheint hier der Konsum von „Skunk“ zu sein. Es handelt sich um eine Variante der Cannabis-Droge, die aus Pflanzen mit einem besonders hohen THC-Gehalt hergestellt wird. 

Patienten, die täglich „Skunk“ konsumierten, hatten in einer multivariaten Analyse ein 3,28-fach erhöhtes Risiko auf ein Rezidiv. Bei ihnen war es in einem Zeitraum von etwa zwei Jahren 1,77-fach häufiger zu mehreren Rezidiven gekommen und sie benötigten 3,16-fach häufiger eine intensive psychiatrische Therapie. Diese Risiken bestanden, wenn auch etwas abgeschwächt, auch bei Patienten, die regelmäßig ihre Medikamente eingenommen hatten.

Die Ergebnisse schließen nicht völlig aus, dass Patienten, bei denen die Medikamente nicht die erhoffte Wirkung erzielten, eher geneigt waren, den Drogenkonsum fortzu­setzen. Rachel Rabin von der Universität Toronto erscheint es jedoch wahrscheinlicher, dass der Drogenkonsum den Rückfall begünstigt hat. Für diesen kausalen Zusammen­hang spricht nach Ansicht der Editorialistin, dass Patienten, die THC-ärmere Varianten wie Haschisch konsumierten, ein geringes Rückfall-Risiko hatten. Haschisch hat einen niedrigeren THC-Gehalt. Die Konzentration von Cannabidiol (CBD) ist dagegen höher. CBD werden antipsychotische Eigenschaften nachgesagt.

Allerdings erkrankten in der Studie auch Haschisch konsumierende Patienten häufiger an einem Rückfall als solche, die keine Drogen einnahmen. Die Odds Ratio war jedoch geringer als bei „Skunk“-Konsumenten und nicht signifikant. Eine wissenschaftliche Evidenz für eine ärztliche Empfehlung zum illegalen Haschisch-Konsum kann aus den Studienergebnissen sicher nicht abgeleitet werden. Rabin argumentiert aber, dass Haschisch das geringere Übel sein kann, wenn ein fortgesetzter Cannabis-Konsum zu erwarten ist. © rme/aerzteblatt.de

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

LNS

Nachrichten zum Thema

17. September 2020
Berlin – Im Rahmen einer offiziellen Gründungsveranstaltung wurde gestern der Bundesverband pharmazeutischer Cannabinoidunternehmen e. V. (BPC) in Berlin vorgestellt. Der Verband, der sich als
Bundesverband pharmazeutischer Cannabinoidunternehmen gegründet
1. September 2020
Berlin – Die Einfuhr von medizinischem Cannabis nach Deutschland ist in den vergangenen Jahren stark gestiegen. Das geht aus der Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der FDP-Fraktion im
Einfuhr von medizinischem Cannabis deutlich gestiegen
20. August 2020
Frankfurt am Main – Die Cannabisagentur des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) beauftragt die Cansativa GmbH mit Logistik- und Dienstleistungen für den Großhandel mit dem
BfArM erteilt Zuschlag für den Vertrieb von Cannabis
18. August 2020
Bath/England – Eine Behandlung mit Cannabidiol, einem nicht psychoaktiven Bestandteil der Cannabis-Pflanze, kann Patienten mit einer Cannabis-Abhängigkeit den Verzicht auf die Droge erleichtern, wie
Cannabisabhängigkeit: Cannabidiol kann Abstinenz erleichtern
13. August 2020
Ottawa – Die Inhaltsstoffe der Cannabisdroge, die über die Plazenta in den fetalen Kreislauf gelangen, könnten die vorgeburtliche Entwicklung stören. Zu den möglichen Folgen gehört nach einer Studie
Cannabiskonsum in der Schwangerschaft könnte Autismusrisiko erhöhen
6. August 2020
Berlin – Die Unabhängige Patientenberatung (UPD) warnt vor Wissenslücken bei Verbrauchern, die Gesundheitsprodukte oder Lebensmittel mit Cannabidiol (CBD) kaufen. Vielen seien die Risiken nicht
Patientenberatung warnt vor Informationsdefiziten bei CBD-Produkten
8. Juli 2020
New York – Die Legalisierung von Cannabis war im US-Staat Colorado mit einem Anstieg der Verkehrsunfälle assoziiert, während im Staat Washington laut einer Analyse in JAMA Internal Medicine (2020;
VG WortLNS LNS

Fachgebiet

Stellenangebote

    Anzeige

    Weitere...

    Aktuelle Kommentare

    Archiv

    NEWSLETTER