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Ärzte fordern gesetzliche Maßnahmen gegen überzuckerte Lebensmittel

Mittwoch, 24. August 2016

/dpa

Berlin – Ärzte verschiedener Fachrichtungen haben Konsequenzen aus der jüngsten Untersuchung der Verbraucherorganisation Foodwatch gefordert. Laut dieser heute erschienenen Marktstudie enthalten 59 Prozent der untersuchten Limonaden, Eistees und Energydrinks mehr als fünf Prozent Zucker. 37 Prozent der Getränke haben sogar einen Zuckergehalt von über acht Prozent. Das entspricht sechseinhalb Zuckerwürfeln auf 250 Milliliter. „Erfrischungsgetränke machen nicht frisch, sondern krank“, urteilte der Foodwatch-Ernährungsexperte Oliver Huizinga bei der Vorstellung der Studie.

„Wir brauchen mehr Schutz vor Zucker für Kinder und Jugendliche, denn Zucker macht dick und krank, er verursacht Diabetes Typ II, Gefäßerkrankungen, orthopädische Pro­bleme und Karies. Das ist wissenschaftlich bewiesen“, sagte der Präsident des Berufs­ver­bandes der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ), Thomas Fischbach. Er betonte, die Kin­der- und Jugendärzte forderten seit Jahren „die Lebensmittelampel, eine Zuckerabgabe, ein Werbeverbot für süße Getränke und die Verringerung des Zuckergehalts in Lebens­mitteln“.

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„Die Ergebnisse der Studie sind erschreckend“, sagte der Präsident der Deutschen Dia­be­tes Gesellschaft (DDG), Baptist Gallwitz. Sie zeigten, dass die Mehrheit der Hersteller am Übergewicht verdiene und Krankheitsfolgen wie Diabetes, Herzkreislauf- und Krebs­er­­­krankungen in Kauf nehme. Die Fachgesellschaft fordert daher die Bundesregierung auf, dem Beispiel anderer Länder zu folgen und eine Steuer oder Herstellerabgabe auf stark zuckerhaltige Getränke einzuführen.

Die DDG verweist auf das Vorgehen Großbritanniens: Dort müssen Hersteller ab 2018 eine gestaffelte Abgabe zahlen, sofern Getränke die Fünf-Prozent-Grenze für Zucker erreichen beziehungsweise überschreiten.

Großbritannien ist aber nicht das einzige Land, das Maßnahmen erlässt, um den Ver­brauch von Zuckergetränken zu verringern. Auch Finnland, Frankreich, Belgien, China, Ungarn, Mexiko und einige US-amerikanische Städte erheben Steuern auf zugesetzten Zucker. „Jetzt sollte endlich auch die Bundesregierung aktiv werden, um die bedrohliche Adipositas-Welle zu stoppen“, forderte Dietrich Garlichs, Geschäftsführer der DDG. Der Vorschlag der Fachgesellschaft sieht vor, stark zuckerhaltige Getränke mit dem vollen Mehrwertsteuersatz von 19 Prozent zu besteuern, gesunde Lebensmittel hingegen durch Wegfall der Mehrwertsteuer zu entlasten. „Damit würde man eine Preisspreizung errei­chen, die gesünderes Konsumverhalten belohnt und ein Umdenken bei den Herstellern anstößt“, so Garlichs.

Der Präsident der Bundes­ärzte­kammer, Frank Ulrich Montgomery, nannte die Ergebnisse der Studie „alarmierend“. „Sehr viele Menschen trinken stark gezuckerte Limonaden, ohne sich der gesundheitlichen Folgen wie Übergewicht oder Diabetes bewusst zu sein“, sagte er. Eine Kennzeichnung könnte die Unterscheidung zwischen gesunden und unge­sunden Lebensmitteln erleichtern. Gerade Kinder und Jugendliche werden nach Ansicht von Montgomery zum Konsum von ungesunden, überzuckerten Getränken und Snacks verführt. Daher sei es wichtig, das Bewusstsein für eine gesunde Ernährung so früh wie möglich zu fördern, betonte er. „Wir müssen bereits in den Kindergärten und Schulen vermitteln, dass gesunde, frische Lebensmittel ein Genuss sind. Diese Erfahrung ist die beste Grundlage, um sich auch als Erwachsener bewusst zu ernähren“, so der BÄK-Präsident.

Politiker sind sich nicht einig
In der Koalition ist die Zuckersteuer umstritten. Der Vorsitzende des Gesundheitsaus­schuss, Edgar Franke (SPD), sagte der Bild-Zeitung, eine derartige Steuer sei „sinnvoll“. Der CDU-Gesundheitspolitiker Dietrich Monstadt sagte dem Blatt, er halte eine Zucker­ab­gabe „für sehr sinnvoll und notwendig“. Wenn nicht gegengesteuert werde, „besteht die Gefahr, dass in zehn Jahren jeder vierte Deutsche ein Diabetiker ist“. Dagegen erklärte Unionsfraktionsvize Gitta Connemann (CDU), die Verbraucher „mit Verboten à la Veggieday oder Zuckersteuer zu lenken, lehnen wir strikt ab“.

Landwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) lehnte nach Angaben eines Sprechers eine politische Steue­rung etwa durch eine Strafsteuer ebenfalls ab. Dies ändere in der Regel nichts am Ernährungsverhalten der Menschen. Die Meinung von Schmidt sei: „Jeder soll und darf essen, was ihm schmeckt, aber das in Maßen“, sagte der Sprecher. Es komme immer auf die Dosis an.

Das betonte auch der Spitzenverband der Lebensmittelindustrie BLL. „Eine Zuckerab­gabe ist nichts anderes als eine Strafsteuer für Zucker, die jeder wissen­schaftlichen Grundlage entbehrt“, erklärte BLL-Hauptgeschäftsführer Christoph Minhoff. Im Rahmen einer ausgewogenen Ernährung sei „jedes Lebensmittel in Maßen erlaubt“.

„Keine zuckerhaltigen Getränke mehr an Schulen“, fordert die Organisation diabetesDE – Deutsche Diabetes-Hilfe. Sie setzt sich seit 2012 im Rahmen der Kampagne „Diabetes Stoppen – jetzt!“ für ein Verkaufsverbot zuckerhaltiger Getränke an Schulen ein. Das gleichzeitige Aufstellen von Trinkwasserstationen könne Übergewicht in der Schule ver­meiden helfen, argumentiert diabetesDE.

Foodwatch hatte für die Studie 463 Getränke untersucht. Getestet wurden unter ande­rem Limonaden, Energy Drinks, Eistees und Saftschorlen. Am schlechtesten schnitten den Angaben zufolge Energy Drinks und Limonaden ab. Das zuckrigste Produkt im Test war laut Foodwatch ein Energy Drink, der 16 Prozent Zucker enthält. Das entspreche 78 Gramm oder 26 Zuckerwürfeln pro 500-Milliliter-Dose.

Nur 55 der getesteten Getränke sind laut Foodwatch zuckerfrei. Von diesen enthielten aber 89 Prozent Süßstoffe, was ebenfalls problematisch sein könne.

Nach Angaben der Organisation liegt der durchschnittliche Pro-Kopf-Verbrauch an zuckergesüßten Getränken in Deutschland bei mehr als 80 Liter pro Jahr.

Die Welt­gesund­heits­organi­sation empfiehlt in ihrer jüngsten Richtlinie aus dem Jahr 2015 im Mittel nicht mehr als sechs Teelöffel Zucker in verarbeiteten Lebensmitteln pro Tag, das entspricht 25 Gramm. Das reduziere das Risiko von Übergewicht, Fettsucht und Karies. In der Realität liege die Zuckeraufnahme durch Lebensmittel in Deutschland be­reits bei 90 Gramm pro Tag, sagte Andreas Pfeiffer, Ernährungswissenschaftler am Ber­liner Uniklinikum Charité. Getränke seien nur ein Teil davon und fielen vor allem bei Kin­dern ins Gewicht. Zucker sei aber auch in Produkten wie Joghurt versteckt, warnte er. © hil/dpa/afp/aerzteblatt.de

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