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Politik

Politik bremst die Akademisierung der Gesundheitsberufe

Montag, 29. August 2016

/dpa

Berlin/Düsseldorf – Die Akademisierung der Gesundheitsberufe wird zum Streitthema: Die Ge­sund­heits­mi­nis­terin des Landes Nordrhein-Westfalen, Barbara Steffens (Bünd­nis 90/Grüne) und die Hochschule Fresenius als Trägerin von Studiengängen kritisieren die Bundesregierung scharf – diese wolle die volle Anerkennung der Hochschulausbildung in Hebammenkunde, Ergotherapie, Physiotherapie und Logopädie um zehn Jahre verschie­ben und gefährde damit die notwendige Weiterentwicklung wichtiger Gesund­heitsberufe, so der Vorwurf.

Am 17. August hatte das Bundeskabinett einem von Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Her­mann Gröhe (CDU) vorgelegten „Bericht über die Ergebnisse der Modellvorhaben zur Einführung einer Modellklausel in die Berufsgesetze der Hebammen, Logopäden, Physiotherapeuten und Ergotherapeuten“ zugestimmt. Dieser Bericht empfiehlt die Verschiebung.

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„Mit mehr als fünf Millionen Beschäftigten ist die Gesund­heits­wirt­schaft ein bedeutender Beschäftigungszweig. Jeder achte Erwerbstätige arbeitet im Ge­sundheitsbereich und leis­tet damit einen wichtigen Beitrag zur Gesundheits­ver­sor­gung – sei es im unmittel­ba­ren Umgang mit den Patienten, in der Forschung oder bei der Herstellung von Arznei­mitteln und Medizinprodukten“, lobte Gröhe zunächst.

Seit 2009 ermöglichten das Ergo­therapeutengesetz, das Hebammengesetz, das Gesetz über den Beruf des Logopäden sowie das Masseur- und Physiotherapeutengesetz, die Berufe über ein Studium zu er­ler­nen. Die Erprobung dieser akademischen Erstaus­bildung wurde wissenschaftlich be­glei­tet. Gröhes Bericht für das Bundeskabinett fasst jetzt die Evaluierungen aus acht Bun­des­ländern mit 25 Modellstudiengängen zusammen.

Übereinstimmend kommen alle Auswertungen zu dem Ergebnis, dass es dauerhaft wün­schenswert und machbar ist, primärqualifizierende Studiengänge für die vier beteiligten Berufsgruppen einzurichten. Aber der Bericht empfiehlt, diesen Prozess weitere zehn Jahre zu untersuchen und dabei auch ins Auge zu fassen, welche finanziellen Aus­wirkungen eine akademische Ausbildung von Hebammen, Physio­thera­peuten und Co. ha­ben könnte.

„Erfolgreiche Modellstudiengänge dürfen nicht weitere zehn Jahre auf volle Aner­kennung und rechtliche Sicherheit warten müssen“, erklärte Steffens. Sie betonte, die Modell­stu­dien­gänge seien erfolgreich erprobt, beliebt und trügen dazu bei, dass in wichtigen Ge­sund­heitsberufen gut qualifizierter Nachwuchs ausgebildet werde. Steffens forderte, „was für die Studiengänge der Pflegeberufe möglich ist, muss auch für die Therapieberufe und die Hebammenkunde umgesetzt werden!“

Die Hochschule Fresenius als Anbieter von Studiengängen in den Gesundheitsberufen zeigte sich nach eigenen Worten „enttäuscht und entsetzt“. „Die Modellphase soll um wei­tere zehn Jahre verlängert werden. Das ist wie: ein gutes Zeugnis erhalten und trot­zdem sitzenbleiben“, hieß es aus der Hochschule. „Wenn das tatsächlich umgesetzt wird, würde das den Hochschulen, den Lehrenden und den Studierenden erheblichen Scha­den zufügen“, warnte Birgit Schulte-Frei, Dekanin des Fachbereichs Gesundheit und Soziales an der Hochschule.

Deutschland würde sich mit einer solchen Entscheidung international ins Abseits stellen, denn überall in Europa würden Therapeuten an Hochschulen ausgebildet. „Es hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass die zunehmende Komplexität im Gesundheitssystem und der sich verändernde Versorgungsbedarf Kompetenzen erfordern, welche nur in einem Hochschulstudium vermittelt werden können“, sagte Schulte-Frei.

Der Bericht des Bundesministeriums für Gesundheit mit seiner Verschiebeempfehlung und das positive Votum des Kabinetts dazu bedeuten noch nicht, dass dies so umgesetzt werden muss, denn: Der Bundestag entscheidet. Im September werden die Abgeord­ne­ten erstmals darüber beraten. Bis Sommer 2017 müssen sie zu einem Ergebnis kommen. 

Erste Stimmen aus dem Bundestag gibt es bereits zum Thema: So lehnt der CDU/CSU- Abgeordnete und Physiotherapeut Roy Kühne die Verlängerungsmaßnahme ab. Er fordert eine Experten­kommission unter Einbeziehung des Deutschen Bundestages, der Verbände und des Bundesministeriums für Gesundheit. „Europaweit ist eine fortschreitende Akademi­sierung der Gesundheitsfachberufe beobachtbar, Deutschland läuft Gefahr, zum Schlusslicht in Europa zu werden“ warnte er. © hil/aerzteblatt.de

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Avatar #697854
Dr.Bayerl
am Mittwoch, 7. September 2016, 13:24

Verehrte(r)FGFs wir sitzen doch im gleichen Boot!

Lesen sie hier im Ärzteblatt bitte die Schließung der Altenheime z.T. durch den Staatsanwalt. Hier arbeitet das Pflegepersonal doch fachlich völlig selbständig und wer hier Vorgaben macht, ist die gewinnorientierte Geschäftsleitung, nicht der Arzt, der hier helfen könnte. Das ist nichts neues, gewinnt aber an Brisanz, weil jetzt auch das frühzeitige Ableben aus Kostengründen propagiert wird. Natürlich spart "irgendeiner" Geld wenn ein Rentner, der ein Leben lang eingezahlt hat FRÜHER stirbt. Das ist todernst gemeint.
Ich spreche aus der klinischen Realität, der täglichen Praxis.
Deshalb sollten wir ZUSAMMENHALTEN, wir haben den gleichen Feind, den Dollar und diejenigen, die über den Dollar zu bestimmen haben.
Andererseits, wenn ich eine Schwester bitte, für mich Blut abzunehmen, antwortet sie mir hier in Deutschland 2016, das ist ärztliche Tätigkeit, bitte selbst machen, heh??? und getrennte Visiten kommen auch schon in Mode, völlig bescheuert.
Mich fragte eine 70-jährige die nur wegen einer Leistenhernie im Krankenhaus war auf der Visite völlig verstört, ob sie denn dieses zweiseitige umfangreiche Formular ausfüllen müsse, das ich nicht kannte, es war nicht das Krankenblatt, sondern eine separater "wissenschaftlicher Fragebogen" unter anderem über ihre Sexualpraktiken. Es war eine nicht abgesprochene Aktion der Pflege, die keine Zeit zum Blutabnehmen hat.
Ich konnte sie beruhigen und hab ihr den Bogen abgenommen.
Das viel zitierte "Patienteninteresse" war hier die Leistenhernie
und ihre optimale Beseitigung bei Personalmangel.

Freundlichen Gruß
Avatar #716483
FGFs
am Mittwoch, 7. September 2016, 12:56

Verehrte(r) Dr.Bayerl

Ich gebe ihnen Recht in dem puncto Verantwortung. Aber eine notwendige Zusammenarbeit kann nur in einem Austausch stattfinden. Dieser Austausch bedingt, dass beide Parteien sich auf fachlicher Ebene auf Augenhöhe gegenüberstehen (natürlich im Sinne des Patienten, dies ist außer Frage). Ob Verantwortung abgegeben werden will/kann/muss ist hier vorerst nebensächlich. Doch fachliche Expertise muss bewiesen werden. Spezifische therapeutische Verfahren können und werden nicht von Orthopäden oder Allgemeinmedizinern erforscht. Wer also soll dies tun? Wir ziehen heute einen Großteil der Evidenz aus dem Ausland. Die Implementierung dieses Wissens ist müßig; eine weitere Aufschiebung ist sinnlos.
MfG
Avatar #697854
Dr.Bayerl
am Mittwoch, 7. September 2016, 11:12

Verehrte(r)FGFs im Gegenteil

Ihr Punkt 2. ist eine Kommunikationsbremse für die NOTWENDIGE Zusammenarbeit.
Jeder will heute "Häuptling" und unabhängig sein. Da geht es keineswegs um den Patient.
Im Ausland war ich oft genug, da funktioniert das durchaus ganz unideologisch und freundlich.
Es kann doch keine berufstdifferenten Hypothesen in der Medizin geben.
Es ist immer noch so, dass derjenige der (juristisch) die Verantwortung tragen muss, auch das letzte Wort behalten muss.
Das ist heute bereits mehr als arrodiert, weil der Arzt zunehmend zum Empfehlsempfänger degradiert wird.
Selbst der "beratende" Krankenhaushygieniker trägt KEINE Verantwortung, ist Ihnen das noch nicht aufgefallen?
Das ist sicher kein Zufall.
Avatar #716483
FGFs
am Mittwoch, 7. September 2016, 09:34

Verständnis

Jeder Mensch der gegen eine Akademisierung anredet hat grundlegendes nicht verstanden.

1. Eine Verbesserung der Lehre kann ausschließlich über kritischen Austausch mit dem bestehenden Wissen geschehen. Wie soll dies ohne Forschung und Hypothesenbildung auf wissenschaftlichem Niveau möglich sein? Über Bezugswissenschaften die von dem speziellen praktischen Wissen wenig bis keine Ahnung haben?

2. Die Akademisierung treibt den nahezu nicht stattfindenden interdisziplinären Austausch voran. Die klassische Weisungsgebundenheit ist ein prähistorisches Phänomen, welches weder Zeitgemäß, noch zielführend ist; aktuell findet kein Dialog sondern ein Monolog von Seiten des Arztes statt.

3. Im Internationalen Austausch ist die derzeitige Situation anmaßend bis peinlich. Selbst in der Türkei sind Therapeuten besser gestellt als in Deutschland. In Holland ist mittlerweile der M.Sc. voraussetzung für eine Therapeuten Tätigkeit und in den Vereinigten Staaten ist der PHD als Physiotherapeut der Abschluss den man anstrebt wenn man etwas auf sich hält.

Kritiker sollten sich vorerst mit der Thematik befassen und den Stand der Dinge berücksichtigen.
Avatar #697854
Dr.Bayerl
am Dienstag, 30. August 2016, 09:55

ich habe jahrelang Schwesternunterricht erteilt

die müssen nicht zu wenig, sondern für ihren praktischen Beruf ZU VIEL lernen.
Mit Akademisierung ist doch seit Jahren die Tendenz offen erkennbar, die Weisungsbefugnis des Arztes immer weiter einzuschränken.
Das war ja immer schon nicht ganz einfach mit "Schwester Oberin".
Die volle Haftung des Arztes wurde dagegen nie auch nur einen Millimeter eingeschränkt.
Diese Entwicklung ist NICHT mit einem Interesse des Patienten zu rechtfertigen.
Das sollte der einzige Maßstab sein.
Deshalb ist eine Denkpause überfällig und bei all diesen "Reformbestrebungen"
zukünftig die haftenden Ärzte NICHT vergessen.
Avatar #650928
Ghennersdorf
am Dienstag, 30. August 2016, 08:41

Warum nicht einfach nur mehr und besser lernen statt studieren?

Man kann die "akademisierung" von Physiotherapie etc. eigentlich nur unter dem Gesichtspunkt des Besserverdienens sehen. Verständlich zwar, aber unnütz von der Sache her. Bessere lehr- und Ausbildungsgänge sind da wichtiger..
LNS

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