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Medizin

Suizidversuche und Gewaltdelikte bei Kindern: Diese psychischen Erkrankungen der Eltern erhöhen das Risiko

Donnerstag, 1. September 2016

/ S. Hofschlaeger pixelio.de

Manchester – Bestimmte psychische Krankheitsbilder der Eltern erhöhen das Risiko ihrer Kinder für einen Suizid oder Gewaltdelikte. Am gefährdetsten sind Kinder von Eltern mit antisozialer Persönlichkeitsstörung, Cannabis-Missbrauch oder eigenen Suizidversuchen. Zu diesem Schluss kommt eine Studie, die ein großes Spektrum psychischer Krankheitsbilder von Alzheimer über Schizophrenie bis Angststörungen untersucht hat. Die Ergebnisse wurden in JAMA Psychiatry (2016; doi: 0.1001/jamapsychiatry.2016.1728) publiziert.

Die Forscher um Roger T. Webb von der University of Manchester untersuchten mehr als 1,7 Millionen Menschen ab ihrem 15. Lebensjahr in Dänemark über maximal 30 Jahre. Einen ersten Suizidversuch hatten etwa 2,6 % davon hinter sich (Durchschnitts­alter: 20,6, 46,7 % männlich), 3,2 % waren aufgrund eines Gewaltdelikts verurteilt worden (Durchschnittsalter: 21,6, 90 % männlich). Jeder zehnte gehörte zu beiden Gruppen.

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Folgende psychische Krankheitsbilder der Eltern wurden untersucht: (Kinder gesamt: n für Gewaltdelikt = 44.472; n für Suizidversuch: 55.404)

  • psychische Störungen
  • Alzheimer, vaskuläre Demenz
  • Substanzmissbrauch (u.a. Alkohol- und Cannabis-Missbrauch)
  • Schizophrenie
  • Gemütsstörungen (u.a. bipolare Störung, Depression)
  • Angst- und somatoforme Störungen
  • Persönlichkeitsstörung (u.a. Borderline, antisoziale Persönlichkeitsstörung)
  • Suizidversuch

Beide Vorkommnisse kamen häufiger bei Kindern vor, deren Mutter oder Vater eine der untersuchten psychischen Erkrankungen hatte (siehe Kasten). Litten Eltern an einer antisozialen Persönlichkeitsstörung, so stieg das Risiko um das drei- bis vierfache im Vergleich zu Kindern, deren Eltern diese psychische Krankheit nicht hatten.

Für Cannabis-Missbrauch oder eigene Suizidversuche waren die Wahrschein­lich­keiten, dass die Kinder selbst suizidal wurden oder Gewaltdelikte begangen, ähnlich hoch (Incidence Rate Ratio (IRR): 3,31 bis 4,05). Hatten beide Elternteile eine psychische Störung oder einen Suizidversuch hinter sich, so verdoppelte sich das Risiko der Kinder für einen Suizidversuch oder Gewaltdelikte im Vergleich zu Kindern, bei denen nur Mutter oder Vater betroffen war. Am niedrigsten war das Risiko der Kinder von Müttern oder Vätern mit Gemütsstörungen. Vor allem die bipolare Störung ging mit einem vergleichsweise niedrigen Risiko für Gewaltdelikte einher (IRR: 1,35), für Alzheimer gab es keinen signifikanten Zusammenhang (IRR:1,18). Die Suizidversuche stiegen aber auch bei Kindern, deren Eltern Alzheimer hatten (IRR: 1,79).

Mädchen werden stärker beeinflusst als Jungs
Die Forscher beobachteten einen Unterschied zwischen gewalttätigen Mädchen und Jungen. Beim weiblichen Geschlecht wirkte sich die psychische Gesundheit der Eltern etwa um ein Drittel stärker aus (IRR: etwa 2 versus 3). Bei den kindlichen Suizid­versuchen hingegen konnten die Autoren keinen Genderunterschied feststellen.

Kommentar zur Studie
Die Studie weist ein paar Einschränkungen auf, schreiben die Autoren selbst sowie weitere Forscher um David A. Brent von der Western Psychiatric Institute and Clinic in Pittsburgh in einem Kommentar. Denn nicht alle möglichen Einflussparameter wurden untersucht.

Zwar floss der sozioökomische Status der Eltern in die Ergebnisse mit ein. Deren eigene eventuell kriminelle Vergangenheit und soziale wie auch umweltbedingte Einflüsse wurden bei der Auswertung jedoch nicht berücksichtigt. Der Einfluss psychisch kranker Eltern auf Suizidversuche und Gewaltdelikte ihrer Kinder könnte daher überbewertet sein, vermuten die Kommentatoren.

Sie nennen Misshandlung und Trennung der Eltern als Beispiele. Aber auch der Drogen- und Alkoholkonsum der Eltern während der Schwangerschaft wirke sich aus. So erklären sie auch, dass Cannabis­missbrauch unter den Top 3 beobachtet wurde. Zudem haben Eltern mit einem Drogenmissbrauch ein erhöhtes Risiko, selbst als Kind misshandelt worden zu sein.

Psychiatern empfehlen die Autoren, auch die Kinder ihrer psychisch kranken Patienten zu untersuchen. Die biologische Ursache für die beobachtete Häufung in Familien mit psychisch kranken Eltern führen die Forscher um Webb auf genetische, epigenetische, soziale wie auch Umwelteinflüsse zurück. © gie/aerzteblatt.de

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