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Politik

Apotheker und Onkologen kritisieren Ausschreibung von Zytostatika

Mittwoch, 7. September 2016

/dpa

Berlin – Apotheker sowie verschiedene ärztliche Berufsverbände und Fachge­sell­schaf­ten haben die Ausschreibung von Zytostatika durch mehrere große Krankenkassen kri­tisiert. „Mit einer solchen Ausschreibung dringen die Kassen nicht nur in die Entschei­dungs­kompetenz des Arztes ein, sondern auch in das besonders geschützte Ver­trauens­verhältnis von Arzt und Patient“, kritisierte der Vorstandsvorsitzende des Berufs­ver­ban­des der Niedergelassenen Hämatologen und Onkologen in Deutschland (BNHO), Stephan Schmitz, heute vor Journalisten in Berlin.

Die Kritik richtet sich dagegen, dass mehr und mehr Krankenkassen Exklusivverträge mit Apotheken über die Zubereitung und Lieferung von Zytostatika abschließen. Dieses Vor­gehen hatte das Bundessozialgericht im November 2015 für rechtmäßig erklärt. Ähnlich wie bei den Rabattverträgen erhalten dabei die Apotheken den Zuschlag, die den nie­drigs­ten Preis verlangen. Der Präsident des Verbandes der Zytostatika herstellenden Apo­thekerinnen und Apotheker (VZA), Klaus Peterseim, erklärte, dass es etwa 300 Spe­zialapotheken in Deutschland gebe, die die aufwendige Herstellung von Zytostatika vor­nehmen könnten.

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Der Vorsitzende des Deutschen Apothekerverbandes (DAV), Fritz Becker, befürchtet, dass die Ausschreibungen zu einer Reduzierung dieser Apotheken führen werden – „mit massiven Auswirkungen auf die Ausfallsicherheit des gesamten Versorgungssystems“. „Zytostatika-Apotheken müssen ein kostspieliges Reinraumlabor unterhalten. Aber wel­che Apotheke, die für zwei Jahre von der Versorgung der Versicherten einer oder aller großen Krankenkassen ausgeschlossen ist, kann diese Einrichtung auf Dauer vorhal­ten?“, fragte Becker. Die Folge sei klar: Von Ausschreibungsrunde zu Ausschreibungs­run­de werde es immer weniger Apotheken geben, die sich an der Versorgung beteiligen könnten. Und irgendwann habe auch die Krankenkasse kaum noch Auswahl unter den Anbietern.

Ausschreibungen führen zu Versorgungsproblemen
Im Extremfall könne es dazu kommen, dass in einem Bundesland nur noch eine einzelne Spezialapotheke für die Versorgung zur Verfügung stehe, sagte Becker. Dieses Unter­neh­men müsse dann über große Entfernungen innerhalb kürzester Zeit liefern. „Man braucht nicht viel Vorstellungskraft, um zu verstehen, dass schon ein alltäglicher Stau auf der Autobahn zeitkritisch ist und die Versorgung von Patienten gefährden kann“, mahnte Becker.

Onkologe Schmitz betonte, dass die Haltbarkeit von Zytostatika bei acht Stunden liege. „Wenn das Medikament dann aber vielleicht erst nach 20 Stunden bei uns ankommt, ist seine Haltbarkeit bereits abgelaufen, und wir dürfen es nicht mehr verwenden“, so Schmitz. Denn schließlich liege die Verantwortung für die Behandlung bei den Ärzten, wie auch die Haftung.

Schmitz stört zudem noch etwas anderes. „Durch die Ausschreibungen greifen die Kran­kenkassen in den Behandlungsprozess ein“, kritisierte er. Denn heute würden die nieder­ge­lassenen Onkologen die Zytostatika in der Regel erst bestellen, wenn sie mithilfe ei­nes aktuellen Blutbildes des Patienten festgestellt hätten, dass dieser überhaupt thera­pie­fähig ist. Liege die Apotheke, aus der das Medikament dann geliefert wird, weit ent­fernt, müsse der schwerkranke Patient Stunden auf das Medikament warten oder noch einmal wiederkommen. Würden die Ärzte das Zytostatikum hingegen bereits einen Tag vorher bestellen, wozu die Ausschreibungen sie nötigten, könnten sie es nicht ver­wen­den, wenn das Blutbild des Patienten am fraglichen Tag zu schlecht sei. „Dadurch wür­den jedes Mal ein paar tausend Euro verloren gehen“, sagte Schmitz.

Zusammenarbeit der Professionen wird gestört
VZA-Präsident Peterseim wies noch auf ein weiteres Problem hin: „Heute arbeiten eine Arztpraxis und die Apotheke, die die Zytostatika liefert, eng zusammen. Beide telefo­nie­ren mehrmals am Tag miteinander.“ Auch im Nationalen Krebsplan sei vorgesehen, dass die Professionen eng zusammenarbeiten sollen. „Diese Zusammenarbeit wird durch die Ausschreibung zerschlagen“, so Peterseim. Zudem müssten die Arztpraxen dann nicht mehr nur mit einer Apotheke zusammenarbeiten, sondern mit mehreren.

Zusammen mit fünf weiteren onkologischen Berufsverbänden und Fachgesellschaften ha­­ben BNHO, DAV und VZA ein Positionspapier erarbeitet, in dem sie ein En­de der Aus­schreibungen von Zytostatika fordern. Der DAV-Vorsitzende Becker schlug vor, dass die Politik ein Verbot der Zytostatika-Ausschreibungen im anstehenden Arzneimittel­versor­gungs­stärkungsgesetz aufnehmen könnte. In jedem Fall müsse der Gesetzgeber bald handeln. Denn „es kann nicht sein, dass die Krankenkassen die Zytostatika-Versorgung kaputtsparen“, meinte Becker.

DKG macht Gefahr auch für Klinikapotheken aus
Auch die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) kritisierte die Ausschreibungen. „Kassenartenspezifische Krebsmittellieferanten und damit kassengesteuerte Krebs­me­di­zin kann und darf es niemals geben“, erklärte der Hauptgeschäftsführer der DKG, Georg Baum. „Wir teilen die Sorge der öffentlichen Apotheken, weisen aber darauf hin, dass sich die Probleme in den Krankenhausapotheken genauso widerspiegeln würden. Wenn jede Krankenkasse die Versorgung ausschreibt, werden wir eine Fülle unterschiedlicher Verträge haben.“ Das bedeute aber neben Chaos und Bürokratie vor allem, dass die Ver­sorgungsqualität sinke.

„Patienten müssten unterschiedlich behandelt werden“, befürchtete Baum. „Bei einem ist die Vertragsfirma lieferfähig, bei einem anderen muss möglicherweise eine Behandlung ausfallen, weil eine zeitgerechte Lieferung des Zytostatikums nicht möglich war – ein un­halt­barer Zustand.“ Die jetzige Versorgungssituation sei hochwertig und werde den Be­lan­gen krebskranker Menschen gerecht. Ausschreibungen seien für einen so sensiblen Bereich kein geeignetes Mittel.

AOK wirft Apothekern und Ärzten Desinformation vor
Der Vorstandsvorsitzende des AOK-Bundesverbandes hingegen befürwortete die Aus­schrei­bungen und kritisierte deren Gegner. „Mit falschen Behauptungen und geschickter Desinformation versuchen einzelne Apotheker und Onkologen sowie ihre Verbände der­zeit, die vom Gesetzgeber gewünschten Ausschreibungen im Bereich der Zytostatikaver­sorgung zu Fall zu bringen“, erklärte Martin Litsch. „Wie schon zur Einführung der Arznei­mittel­rabattverträge werden auf dem Rücken der Patienten gezielt Ängste geschürt.“

Dabei sei es „kompletter Unsinn“, dass durch Ausschreibungen Chaos entstehe oder die Versorgungsqualität sinke. Das Gegenteil sei der Fall. „Die qualitativ hochwertige Versor­gung der Krebspatienten ist auch im Rahmen der Ausschreibungen gewähr­leistet“, meinte Litsch. „Denn durch sie gibt es endlich mehr Transparenz und Ordnung in einem bislang weitgehend undurchsichtigen Markt. Zudem verkürzen wir damit die Lieferwege, heben die Qualitätsstandards gegenüber der Regelversorgung und kappen die Riesen­gewinnspannen der Apotheker, auch der Krankenhausapotheken, für die Versicher­ten­ge­meinschaft.“ Dass dieses Vorgehen nicht im Sinne der Lobbygruppen der Apotheker und Onkologen sei, liege auf der Hand. Zudem seien die Krankenhausapotheken von den Ausschreibungen der AOK überhaupt nicht betroffen. © fos/aerzteblatt.de

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Avatar #691359
Staphylococcus rex
am Dienstag, 13. September 2016, 00:39

Zytostatika sind keine Fertigarzneimittel

und die Zubereitung von Zytostatika ist mit dem Mischen einer Salbe nicht vergleichbar.

Erstens müssen Zytostatika wirklich steril sein (und nicht nur keimarm) da die betroffenen Patienten oftmals keine Abwehr mehr besitzen. Zweitens sind diese Stoffe hochtoxisch, beim Portionieren von Trockensubstanzen muss der Personalschutz gewährleistet sein. Beides geht nur mit Reinstraum und entsprechenden Vorhaltekosten, dies wiederum verlangt langfristige Planungssicherheit.

Wenn also Krankenkassen durch ihre Ausschreibungen hier Unruhe schaffen, dann werden die Apotheken nur das anbieten, was Erträge bringt, dies auf Kosten der Patienten. Zytostatika sind nicht mein Fachgebiet, deshalb kann ich nicht sagen, welche Summe für die Herstellung angemessen ist, aber als Faustregel könnte man sagen, die 2/3 Perzentile wäre sicher angemessen (2/3 sind billiger, 1/3 ist teurer). Wenn die Kassen unbedingt Geld sparen wollen, dann dann sollte man dort den Erstattungsbetrag ansetzen und dann kann jeder selbst entscheiden, ob er die teure Apotheke in der Nähe will oder die preiswerte in 50 km Entfernung. Ausschreibungen sind aus meiner Sicht nur bei Fertigarzneien gerechtfertigt, wo kein Zeitdruck vorliegt.

Da Krankenhäuser über DRG bezahlt werden, sind Krankenhausapotheken nicht an derartige Ausschreibungen gebunden. Da aber bei onkologischen Stationen oft auch niedergelassene Onkologen in der Nähe tätig sind, ist es für die Apotheken dann doch eine Mischkalkulation. Und da Geschäftsführer von Krankenhäusern gern den Kostendruck an externe Dienstleister weiter reichen, kann ich mir vorstellen, dass auch eine Krankenhausapotheke für das Krankenhaus zum Selbstkostenpreis arbeitet und die Gewinne versucht im ambulanten Sektor zu erwirtschaften.
Avatar #101371
Pledge Of Secrecy
am Donnerstag, 8. September 2016, 15:17

Räumliche Nähe der Apotheke ist Pflicht - Lieferzeit binnen 1 Stunde

Krankenhausversorgende Apotheken sollten innerhalb 1 Stunde das Krankenhaus beliefern können. Dies hat das Bundesverwaltungsgerichts 2012 entscheiden. § 14 Abs. 5 ApoG setzt daher eine gewisse räumliche Nähe zwischen Apotheke und Krankenhaus voraus. Schon bei der Novellierung des Apothekengesetzes im Jahr 1980 hat der Gesetzgeber festgestellt, dass eine nicht ortsnahe Arzneimittelversorgung von Krankenhäusern zu Risiken für die Arzneimittelsicherheit führen kann. Gemäß § 14 Abs. 5 Satz 2 Nr. 3 ApoG setzt die Genehmigung eines Versorgungsvertrags voraus, dass die Apotheke Arzneimittel, die das Krankenhaus zur akuten medizinischen Versorgung besonders dringlich benötigt, unverzüglich zur Verfügung stellt. Unverzüglichkeit im Sinne der Vorschrift verlangt, dass die benötigten Medikamente im Eilfall zeitnah und ohne vermeidbare Verzögerungen im Krankenhaus bereitstehen müssen. Um die ordnungsgemäße Arzneimittelversorgung der Patienten auch in dringlichen Bedarfssituationen zu gewährleisten, kommt es auch nicht darauf an, dass Medikamente von der Apotheke im Sinne von § 121 BGB »ohne schuldhaftes Zögern« zur Anlieferung bereitgestellt und auf den Weg gebracht werden. Erforderlich ist vielmehr, dass das benötigte Arzneimittel in möglichst kurzer Frist im Krankenhaus zur Verfügung steht.

BVerwG, Urteil vom 30. August 2012, 3 C 24.11
Quelle: http://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=44294
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