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Medizin

Mittelohrentzündung: Gel liefert Antibiotika direkt im Ohr ab

Donnerstag, 15. September 2016

Boston - Eine lokal wirksame Alternative zu oralen Antibiotika bei einer Mittelohrent­zün­dung könnte bei Kleinkindern von Vorteil sein. Mit einem Katheter ließen sich Antibiotika über gelbasierte Ohrentropfen direkt in das Ohr von Chinchillas befördern. Sie durch­dran­gen auch das Trommelfell. Damit wollen US-Forscher das Risiko für Neben­wir­kun­gen und Resistenzen gegenüber einer systemischen Gabe reduzieren. Die Ergebnisse publizierten Rong Yang und seine Kollegen vom Boston Children's Hospital und dem Boston Medical Center in Science Translational Medicine (DOI:10.1126/scitranslmed.aaf4363).

Mittelohrentzündungen (Otitis media) gehören zu den häufigsten Krank­hei­ten im Säuglings- und Kleinkindalter. Die 5- bis 10-tägige Einnahme von An­ti­biotika stellt gerade bei dieser Altersgruppe eine Herausforderung dar und ist mit Nebenwirkungen wie Durchfall, Erbrechen, Hautreaktionen und Resistenzentwicklung verbunden. Zwar ist die Idee, die Antibiotika in Form von Tropfen direkt in das Ohr zu applizieren nicht neu. Doch viele Medikamente können das Trommelfell nicht durch­drin­gen. Das von den Autoren entwickelte Hydro­gel-System macht genau dies mög­lich. Es besteht aus Lipiden, die die Antibiotika verteilt über eine Woche abgeben.

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Hydrogel /Carla Schaffer AAAS

In den Nagetieren konnte Yang so eine bakterielle Infektion mit Haemophilus influenzae bekämpfen. Das Antibiotikum wirkte direkt im Mittel­ohr und konnte im Blut nicht nachgewiesen werden. Innerhalb von drei Wochen hatte sich auch das Hydrogel im Ohr aufgelöst. Die Forscher wollen jetzt in einem nächsten Schritt mögliche Neben­wirkungen auf das Hören überprüfen.

Antibiotika bei Otitis media einsparen
„Nur wenige Kinder benötigen bei einer akuten Mittelohrentzündung tatsächlich ein Anti­biotikum – dennoch wird es prophylaktisch oft verschrieben“, kommentierte Thomas Zahnert, Direktor der Klinik und Poliklinik für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde am Universitätsklinikum Dresden die Ergebnisse.

Für Deutschland sei das Verschreibungsverhalten in den vergangenen Jahren deutlich restriktiver geworden, so dass der Verbrauch um 50 % niedriger liegt als in den USA. Wahrscheinlich könnten auch in Deutschland nochmals über 50 % eingespart werden, wenn man sich Vergleichszahlen aus den Niederlanden ansieht“, schätzt der Experte der Deutschen Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie. Nur im Alter bis sechs Monaten, bei Fieber über 39 Grad und falls sich nach 24 bis 48 Stun­den Komplikationen ergeben, empfiehlt er Antibiotika.

„So könnte es auch in den Leitlinien für akute Mittelohrentzündung stehen, die momen­tan überarbeitet wird", kündigt Zahnert an. Haemophilus influenzae ist in Deutschland sel­tener anzutreffen als in den USA. „Gegen die in Deutschland häufiger vorkommenden Pneumokokken wirkt das in der Studie verwendete Antibiotikum Ciprofloxacin jedoch schlechter als gegen Haemophilus influenzae.“

Strukturiertes Vorgehen bei akuter Otitis media

Die akute Otitis media (AOM) ist eine der häufigsten entzündlichen Erkrankungen des Säuglings- und (Klein-)Kindalters und dritthäufigster Grund für Antibiotikaverordnungen in dieser Altersgruppe (1).

Der HNO-Experte bezweifelt zudem, ob das Verfahren für Kleinkinder tatsächlich prakti­ka­bel sein wird. Immerhin wurde für das Auftragen des Gels auf das Trommelfell den Tie­ren unter Narkose ein Katheter in den Gehörgang eingeführt. „Eventuell wäre ein etwas flüssigeres Gel, dass sich ohne Katheter im Gehörgang und dem Trommelfell verteilt eine gute Lösung für Kleinkinder mit Ohrenschmerzen“, schlägt Zahnert vor.

Vergleichbare Tropfen, die das Trommelfell durchdringen seien bisher nicht verfügbar. Antibiotische Tropfen könnten bisher nur bei Entzündungen des Gehörgangs oder bei einer Otits media mit Perforation des Trommelfells eingesetzt werden. © gie/aerzteblatt.de

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