NewsMedizinWarum Hutterer häufiger an Allergien und Asthma erkranken als Amische
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Medizin

Warum Hutterer häufiger an Allergien und Asthma erkranken als Amische

Mittwoch, 14. September 2016

dpa

Chicago – Die Kinder der Amischen, einer zurückgezogenen Religionsgemeinschaft im ländlichen Amerika, erkranken vier bis sechsmal seltener an Asthma und anderen Allergien als die Kinder von Hutterern, die ebenfalls abgeschieden leben, aber im Gegensatz zu den Amischen eine industrielle Landwirtschaft betreiben. Eine Studie im New England Journal of Medicine (2016; 375: 411-421) führt die Unterschiede auf den höheren Endotoxin-Gehalt im Hausstaub der Amischen zurück, der in Mausmodellen das angeborene Immunsystem zu einer Schutzreaktion veranlasst.

Die Amische in Indiana und die Hutterer in North Dakota haben vieles gemeinsam. Die Angehörigen der protestantischen Religionsgemeinschaften sind im 17. und 18. Jahrhundert aus der Schweiz (Amische) oder Südtirol (Hutterer) nach Amerika ausgewandert. Ihr ethnischer Hintergrund ist deshalb ähnlich.

Anzeige

Beide Gemeinschaften leben in ländlichen Regionen mit einer geringen Belastung durch Luftschadstoffe von den Erzeugnissen der Landwirtschaft, ihre Ernährung ist ähnlich reich an Fetten, Salzen und Milchprodukten, die Kinder sind schlank, die Impfquoten sind hoch, ihre Eltern rauchen nicht und in beiden Gemeinschaften wird viel Wert auf saubere Wohnungen gelegt. Dennoch leiden bei den Hutterern 21,3 Prozent der Schulkinder an Asthma gegenüber nur 5,2 Prozent bei den Amischen. Auch die Prävalenz positiver Allergietests ist mit 33,3 versus 7,2 Prozent deutlich höher.

Die Ursache vermuten Forscher in der unterschiedlichen Form der Viehzucht in den beiden Gemeinschaften. Die Amischen betreiben eine traditionelle Landwirtschaft ohne Traktoren und Maschinen, während die Hutterer keine Berührungsangst mit moderner Technik haben. Bei den Amischen befinden sich die Viehställe in der Nähe der Wohnung, die Kinder dürfen darin spielen. Bei den Hutterern befinden sich die High-Tech Viehställe oft fern der Wohnhäuser und Kinder haben in ihnen nichts zu suchen.

Die Unterschiede wurden auch in den Staubproben deutlich, die das Team um Anne Sperling von der Universität Chicago in den Schlaf- und Esszimmern sammelte: Bei den Amischen waren die Endotoxin-Konzentrationen 6,8-fach höher als bei den Hutterern. Bei den Endotoxinen handelt es sich zumeist um Bestandteile von Bakterien, die bei einer traditionellen Landwirtschaft über Kleidung und Schuhe mit in die Wohnungen getragen werden.

Diese Endotoxine (und andere Staubbestandteile) bilden einen ständigen Reiz für das Immunsystem der Kinder, was offenbar die Entwicklung einer Allergie verhindert. Die Konzentration der eosinophilen Granulozyten, die eine allergische Reaktion anzeigen, war bei den Kindern der Amischen deutlich niedriger. Dafür war die Zahl der neutrophilen Granulozyten erhöht. Diese Zellen sind Bestandteil der angeborenen Immunantwort, deren ständige Aktivierung offenbar die Entwicklung einer Allergie verhindert. Auch die Monozyten, deren Konzentration bei den Hutterern vermindert war und die seltener HLA-DR-Merkmale trugen, scheinen an der Vermeidung von Allergien beteiligt zu sein. 

Auch das Profil der Genaktivierung in den Abwehrzellen unterschied sich. Bei den Kindern der Amischen wurden die Gene TNFAIP3 und IRF7 vermehrt abgerufen, was laut Sperling für eine Aktivierung des angeborenen Immunsystems spricht, die Abwehrzellen der Hutterer-Kinder aktivierten TRIM8, was vielleicht die allergische Reaktion fördern könnte. 

Die Forscher haben die Immunreaktion in einem Mäusemodell der Allergie näher untersucht. Der Hausstaub der Hutterer erhöhte bei den Tieren die Allergiebereitschaft. In den Bronchien der Tiere stieg die Konzentration der eosinophilen Granulozyten, die Reaktion der Atemwege auf Allergene war erhöht. Der Hausstaub aus den Wohnungen der Amischen hatte eine gegenteilige Wirkung.

Die Tiere entwickelten keine Eosinophilie und die Reaktionsbereitschaft der Atemwege war normal. Dieser Schutz wurde jedoch nicht bei genetisch modifizierten Mäusen erzielt, denen die Proteine MyD88 und Trif fehlten. Beide sind Bestandteil der angeborenen Immunabwehr, die Antigene über Toll-like-Rezeptoren aufspüren und dann eine Abwehr über neutrohile Granulozyten veranlassen.

Damit belegt die Studie, dass die höhere Endotoxin-Konzentration im Hausstaub der Amischen für den Schutz vor Allergien verantwortlich ist, wie dies seit längerem von der Hygiene-Hypothese vermutet wird. Die Richtung dürfte jetzt allerdings nicht dahin geben, der hiesigen Bevölkerung eine Lebensweise der Amischen zu empfehlen. Eine mögliche Idee könnte die Entwicklung von Nasensprays sein, die den gleichen Schutz vermittelt, ohne dass dafür auf die Annehmlichkeiten eines urbanen Lebens verzichtet werden muss. © rme/aerzteblatt.de

Themen:

Kommentare

Die Kommentarfunktion steht zur Zeit nicht zur Verfügung.
LNS
LNS

Fachgebiet

Stellenangebote

    Weitere...

    Aktuelle Kommentare

    Archiv

    NEWSLETTER