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Medizin

Neuer Windpocken-Impfstoff schützt auch über 80-Jährige vor Zoster

Donnerstag, 15. September 2016

Cambridge - Ein neuer gentechnisch produzierter und durch ein Adjuvans verstärkter Impfstoff gegen das Varizella-Zoster-Virus hat in einer Phase III-Studie bei Senioren im Alter von (teilweise weit) über 70 Jahren eine hohe Schutzwirkung erzielt, ohne dass es zu einem Anstieg von schweren Komplikationen gekommen wäre. Die Ergebnisse wurden im New England Journal of Medicine (2016; 375: 1019-1032) veröffentlicht.

An einem Herpes zoster, der durch eine Reaktivierung des Varizella-Zoster-Virus ausgelöst wird, erkranken vor allem ältere Menschen. Die Inzidenz steigt bis ins hohe Alter an, in dem es auch häufiger zu Komplikationen wie der postherpetischen Neuralgie kommt.

Die Entwicklung von Impfstoffen für Senioren wird durch eine mit dem Alter zunehmende Immunseneszenz erschwert. Der erste und bisher einzige zugelassene Impfstoff Zostavax von Sanofi Pasteur und MSD erreicht bei gesunden Personen über 50 Jahre nur eine Schutzwirkung von etwa 50 Prozent, die mit zunehmendem Alter weiter abnimmt. Außerdem scheint die Schutzwirkung auf wenige Jahre beschränkt zu sein. Da Zostavax ein Lebendimpfstoff ist, darf er bei Menschen mit starker Immunschwäche nicht eingesetzt werden. 

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Der Konkurrent GSK hat einen gentechnischen Impfstoff entwickelt, der nur Teile des Virus (das Glykoprotein E) enthält und deshalb auch bei abwehrgeschwächten Patienten nicht replikationsfähig ist. Um die Immunogenität zu verstärken, enthält die Vakzine HZ/su als zweite Komponente das Adjuvans AS01B, das auch bei Impfstoff-Neuent­wicklungen gegen Malaria, Hepatitis B, HIV und Tuberkulose eingesetzt wurde, bisher aber nicht in kommerziell erhältlichen Impfstoffen.

Der Impfstoff wurde in zwei Phase III-Studien untersucht. In der ersten Studie „ZOE-50“, an der 15.411 Personen im Alter über 50 Jahre teilnahmen, erzielte der neue Impfstoff eine erstaunlich gute Schutzwirkung von 97,2 Prozent (NEJM 2015; 372: 2087-2096). Jetzt liegen auch die Ergebnisse der Parallelstudie „ZOE-70“ vor, an der 13.900 Senioren im Alter von über 70 Jahren teilnahmen. Jeder fünfte war über 80 Jahre, der älteste Teilnehmer sogar 96 Jahre alt. 

Erneut übertraf die Schutzwirkung die Erwartungen. Wie das Team um Thomas Heinemann von Genocea Biosciences in Cambridge/Massachusetts mitteilt, erkrankten in der mittleren Nachbeobachtungszeit von 3,7 Jahren nur 23 von 6.950 geimpften Senioren (0,9/1.000 Personenjahre) an einem Herpes zoster. In der Placebogruppe erkrankten 223 von 6.950 Personen (9,2/1.000 Personenjahre). Die Schutzwirkung betrug 89,8 Prozent mit einem  95-Prozent-Konfidenzintervall von 84,2 bis 93,7 Prozent, wobei es kaum Unterschiede zwischen der Altersgruppe 70 bis 79 Jahre (Schutzwirkung 90,0 Prozent) und 80 plus (89,1 Prozent) gab. 

Der neue Impfstoff schützte auch vor einer postherpetischen Neuralgie. Die Effektivität betrug in einer gemeinsamen Auswertung beider Studien 88,8 Prozent (68,7 bis 97,1). Ein gewisser Nachteil ist die hohe Rate von Reaktionen an der Einstichstelle von 79,0 Prozent gegenüber 29,5 in der Placebo-Gruppe, die vermutlich auf das Adjuvans zurückzuführen ist. Die Reaktion scheint aber tolerierbar zu sein, da nur wenige Teilnehmer die Auffrischung ablehnten. Ernsthafte Komplikationen sind nicht aufgetreten. 

Ein einziger Todesfall bei einem 90-jährigen Teilnehmer dürfte durch die vorbestehende Thrombozytopenie auf dem Boden einer akuten myeloischen Leukämie begünstigt worden sein. Der Tod an einer neutropenischen Sepsis trat 97 Tage nach der ersten Impfdosis ein und zeigt, dass Impfungen eine medizinische Maßnahme sind, die nicht kritiklos ohne Anamnese der Patienten durchgeführt werden dürfen.

© rme/aerzteblatt.de

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