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Politik

Tag der Patientensicherheit: Fehlerhafte Medikamentengabe großes Risiko

Freitag, 16. September 2016

/dpa

Berlin – Fehler bei der Medikamentengabe sind nach Angaben des Aktionsbündnisses Patientensicherheit (APS) die häufigste Ursache von unerwünschten Nebenwirkungen. Diese verursachten fünf Prozent aller Krankenhauseinweisungen und verliefen bei zwei Prozent der Betroffenen tödlich, erklärte das Bündnis im Vorfeld des morgigen Tages zur Patien­ten­sicherheit.

Etwa die Hälfte solcher unerwünschten Nebenwirkungen seien auf falsche Medikation zurückzuführen und damit grundsätzlich vermeidbar. Mit dem internationalen Aktionstag will das Bündnis mehr Bewusstsein bei Patienten, Ärzten, Apothekern und Pflegern für die Risiken schaffen.

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Da der Medikationsprozess sehr komplex sei, seien Fehler beim Verabreichen von Arz­nei­­en leider nicht immer vermeidbar, sagte die Erste Vorsitzende des Aktionsbünd­nisses, Hedwig Francois-Kettner. Insbesondere ältere Menschen, die oft mehrere Medikamente parallel einnähmen, seien gefährdet. Erhebungen in deutschen Pflegeeinrichtungen wie­sen darauf hin, dass jeder Heimbewohner im Schnitt eine neue unerwünschte Arznei­mittel­­wirkung pro Jahr erleide, davon seien 60 Prozent vermeidbar. „Wenn alle zusam­men­arbeiten, können wir vielen Patientenschäden vorbeugen.“

Die Direktorin des Philipp Klee-Instituts für Klinische Pharmakologie, Petra A. Thürmann, verwies vor allem auf eine noch verbesserungswürdige Kommunikation zwischen Pfle­gern, Apothekern und Ärzten. Eine aktuelle Studie unter 1.000 Heimbewohnern habe ge­zeigt, dass bei einem besseren Austausch und Schulungen der Beteiligten die Zahl der ver­meidbaren Nebenwirkungen deutlich gesunken sei. Wichtig sei, dass die Pfleger die wichtigsten Symptome einer Nebenwirkung erkennen würden, dass sie diese Information an den betreuende Arzt und Apotheker weitergäben und dass dieser das pflegerische Urteil ernst nehme.

Eine Auswertung des wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) hatte gestern gezeigt, dass Ärzte älteren Patienten immer seltener Medikamente verschreiben, die für sie po­ten­ziell wenig geeignet sind oder ihnen sogar gefährlich sein können. Der Anteil der AOK-ver­sicher­­ten Patienten ab 65 Jahren, die mindestens ein für sie potenziell riskantes Medi­ka­ment von der sogenannten Priscus-Liste erhielten, ist demnach von 29 Prozent im Jahr 2006 auf knapp 19 Prozent im Jahr 2015 gesunken. Die Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ) wies darauf hin, dass in Deutschland rund 0,6 Prozent aller internistischen Notaufnahmen als durch Medikationsfehler bedingt einge­schätzt werden.

„Arzneimittel sind in vielen Fällen entscheidend für den Heilungsprozess – zugleich be­stehen gesundheitliche Gefahren durch unsachgemäße Einnahme“, erklärte Bundes­ge­sundheitsminister Hermann Gröhe (CDU), der die Schirmherrschaft für den morgigen Ak­ti­onstag übernommen hat. Er verwies auf den neuen Aktionsplan zur Arzneimittel­the­ra­pie­sicherheit, den das Bundeskabinett im August beschlossen hat, sowie auf den Medi­ka­tionsplan, auf den jeder Versicherte, der mindestens drei verordnete Arzneimittel er­hält, ab Oktober Anspruch hat. Letzterer sei „gerade für ältere, chronisch und mehrfach erkrankte Menschen ist das eine große Hilfe“.

Der „Internationale Tag der Patientensicherheit“ wird vom BMG gefördert. Der Tag wurde erstmals 2015 vom Aktionsbündnis Patientensicherheit (APS) und seinen internationalen Partnern ausgerufen.

© kna/dpa/may/EB/aerzteblatt.de

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Herz1952
am Montag, 19. September 2016, 14:47

Rabattverträge sind schuld

Dr. Henning Fischer hat es in der "Ärztezeitung online" richtig dargestellt, dass diese den größten Einfluss auf die Fehlmedikation haben.

Auch die Beipackzettel sollen Schuld sein, dass Medikamente nicht genommen werden. Aber jedes Medikament kann auch unerwünschte Nebenwirkungen haben, manchmal hilft da nur: absetzten, wenn es das Leben schwerer macht und die Nebenwirkung die Wirkung übertrifft.

Aber, was mit den Rabattverträgen angerichtet wird, das kann man nur mit Ignoranz der Krankenkassen gegenüber den Patienten erklären.

Ich möchte gar nicht wissen, welche Wirkstoffdifferenzen meine Generika haben (erlaubt sind zwischen 85% und 125 %. Zur Ehrenrettung der großen Generikahersteller sei gesagt, dass sie meistens unter 5 % Differenz liegen.

Aber schon alleine die ständig wechselnden Verpackungen, gleiche Größen der Tabletten, nur mit "Lupe" erkennbare Unterschiede unterschiedlicher Wirkstoffe, nicht Teilbarkeit trotz Teilungsrille, nicht Verfügbarkeit eines sichereren Medikaments mit dem gleichen Wirkstoff eines "Schrottmedikaments" eines anderen Herstellers, das kann nerven.

Das alles nur wegen ein paar Euro im Jahr.

Die Ausschreibungen ohne Kontrolle der Verlässlichkeit eines Lieferanten erinnert mich an öffentliche Ausschreibungen im Baugewerbe. Angebote für den gleichen Auftrag zwischen 200.000 Euro und 500.000 Euro. Der billigste musste genommen werden. Entsprechenden Pfusch gab es dann und der Bau wurde letztlich doppelt so teuer und die Baufirma insolvent.

Leider entscheiden über die Medikamente nur Manager, die von der Sachlage nichts verstehen.

Das wäre ungefähr so, als hätte ich die medizinische Leitung einer Klinik (ein bisschen "smile").
LNS

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