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Medizin

Vegan oder vegetarisch: Zu wenige Mediziner berücksichtigen Ernährungs­gewohnheiten

Dienstag, 27. September 2016

/ Timo Klostermeier pixelio.de

Berlin – Vegane Ernährung will gut überlegt sein – so lautet das Fazit der Fachtagung der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE), die an der Universität Hohenheim stattfand. „Die Annahme, bei veganer Ernährung automatisch gesund zu leben, ist falsch“, betont Peter Grimm, Geschäftsführer der Sektion Baden-Württemberg der DGE. Wer tierische durch pflanzliche Produkte ersetzt, riskiere seine Gesundheit. Während der Schwangerschaft und der Stillzeit rät die DGE von einer veganen Ernährung ab, ebenso im Kindes-und Jugendalter.

Viele der angebotenen vegetarischen oder veganen Lebensmittel seien hoch verarbei­tete, mit Zusätzen versehene Fertigprodukte, beschreibt Grimm das aktuelle Super­markt­­angebot. Ein gesundheitliches Problem sieht der Ernährungs­wissen­schaftler vor allem bei der defizitären Nährstoffzufuhr. „Pflanzliche Ersatzprodukte liefern beispielsweise kein Vitamin B12, einige essenzielle Aminosäuren fehlen und auch langkettige n3-Fett­säu­ren.“ Zu den kritischen Nährstoffen gehören zudem: Riboflavin, Vitamin D, Calcium, Eisen, Jod, Zink und Selen.

Der Ernährungsmediziner Jörg-Dieter Schulzke von der Charite – Universitätsmedizin Berlin schilderte das Problem der rein pflanzlichen Kost im Vorfeld der Tagung der Viszeralmediziner aus einem anderen Blickwinkel. Noch zu wenige Mediziner würden die Ernährungsgewohnheiten der meist gut aufgeklärten Veganer und Vegetarier berück­sichtigen. „Es ist Aufgabe des Arztes, Patienten, die sich vegetarisch oder vegan ernähren, entsprechend zu beraten“, so Schulzke. Genauso, wie das für jede andere Form der Diät gilt.

Hier sieht Schulzke allerdings ein Problem. Ähnlich wie beim Phänomen der Adipositas würden viele Kollegen auch den Aspekt der Ernährung in der alleinigen Verantwortung des Patienten ansiedeln. Die Zahl der geprüften Ernährungsmediziner sei zu gering, und bei den Diätassistenten auf den Stationen der Kliniken spare man Personal ein.

Etwa 10 bis 20 Prozent der Bevölkerung sind Teilzeit-Vegetarier oder-Veganer, zusätz­liche 3 Prozent ernähren sich ausschließlich vegetarisch, 0,3 Prozent zählen zu den Vollzeit-Veganern. Eine typische Lifestyle-Geschichte in der westlichen Welt sei das, meint Schulzke. „Die meisten sind jung, gebildet, vermögend und bestens informiert über mögliche Nährstoffdefizite, die sie supplementieren müssen.“ Ein verminderter Vitamin-B12-Spiegel konnte in Studien daher auch nicht beobachtet werden.

Vitamin-B12-Defizite fänden sich erst nach mehreren Jahren, da die Leberspeicher einen langanhaltenden Vorrat des Vitamins von fünf, eventuell sogar sieben Jahren bieten. Im Zweifelsfall könnte übersupplementiertes Vitamin B12 keinen Schaden anrichten. Ein Vitamin-B12-Defizit geht hingegen mit schweren neurologischen Schäden einher, vor allem bei Neugeborenen, deren Speicher noch nicht gefüllt sind.

„Zink ist bei Unter­suchun­gen zu Auswirkungen einer veganen Ernährung das Spurenelement, für das am häufigsten ein Defizit gefunden wird“, so Schulzke. Unterschätzt wird seiner Meinung nach aber am häufigsten der Jod-Mangel – nicht nur bei einer veganen Ernährung. Vor allem Westeuropäer, die sich nicht vegetarisch ernähren, sind betroffen.

Ein jährlicher Kontrollbesuch beim Arzt reiche aus. Dieser könne nicht alle potenziellen Defizite mit Tests erfassen, räumt Schulzke ein. „Ein Serum-Calcium-Defizit lässt sich kaum messen, da das Parathormon den Spiegel konstant regelt.“ Eine Langzeit­aus­wirkung sei daher extrem schwierig in Studien zu beobachten.

Ähnlich schwierig gestaltet sich die Bestimmung eines Mangels an Aminosäuren. Dafür müsste der Arzt eine Biopsie durchführen, was bei einem normalen Screening nicht inbegriffen ist. Eine ausgewogene kalorische Ernährung aus Mais, Soja und Getreidesorten reicht aber aus, um einen Proteinmangel auszuschließen. © gie/aerzteblatt.de

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