NewsÄrzteschaftBundes­ärzte­kammer: Medizinische Alterskontrolle bei Flüchtlingen nur in Ausnahmefällen
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Ärzteschaft

Bundes­ärzte­kammer: Medizinische Alterskontrolle bei Flüchtlingen nur in Ausnahmefällen

Freitag, 30. September 2016

Berlin – Die Bundes­ärzte­kammer (BÄK) will Alterskontrollen für unbegleitete minder­jährige Flüchtlinge nur in Ausnahmefällen erlauben. „Radiologische Untersuchungen und Blutentnahmen sind wie andere medizinische Maßnahmen Eingriffe in die körperliche Unversehrtheit“, erklärte Ulrich Clever, Menschenrechtsbeauftragter der BÄK, am Freitag bei der Vorstellung einer Stellungnahme der Zentralen Ethikkommission bei der Bundes­ärzte­kammer. Medizinische Altersfeststellungen bei jungen Geflüchteten sollten daher „die absolute Ausnahme“ bleiben.

Wenn überhaupt, sollten sie nur auf Antrag des Flüchtlings selbst oder auf gerichtliche Anordnung vorgenommen werden. Clever warnte, dass die Betroffenen ohnehin häufig von Krieg und Flucht gezeichnet seien. „Die Untersuchungen könnten eine weitere Psychotraumatisierung zur Folge haben.“

In ihrer Stellungnahme sprach sich die Ethikkommission dafür aus, dass die Alters­schätzung zunächst sozialpädagogisch erfolgen sollte. Bei der Abwägung zwischen der Genauigkeit der Schätzung einerseits und möglichen Risiken andererseits sollte die Gesundheit der jungen Flüchtlinge Vorrang haben. Zudem könne durch keine der gängigen medizinischen Untersuchungen das Alter mit hinreichender Zuverlässigkeit festgestellt werden, erklärte der Kommissionsvorsitzende Dieter Birnbacher.

Anzeige

Minderjährige aus Krisenregionen, die unbegleitet nach Deutschland kommen, werden in der Regel asylrechtlich anerkannt und in Jugendhilfeeinrichtungen, Pflegefamilien oder Wohngemeinschaften betreut. Allerdings können viele junge Flüchtlinge keine Angaben zu ihrem genauen Lebensalter machen. Die Behörden handhaben die Altersschätzungen sehr unterschiedlich. In manchen Regionen werden alle Flüchtlinge, die ein Alter unter 18 Jahren angeben, ohne Altersschätzung in Obhut genommen. In anderen werden diejenigen, bei denen Zweifel bestehen, regelmäßig einer Altersschätzung unterzogen.

Angewandt werden dabei entweder eine sozialpädagogische Altersschätzung der psychischen Reife, eine körperliche Untersuchung oder beides. Zwar können Flüchtlinge eine medizinische Altersschätzung ablehnen. Dies führt in der Regel jedoch zur Annahme der Volljährigkeit.

Schweden hatte unlängst angekündigt, im kommenden Jahr medizinische Tests zur Alterskontrolle für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge einzuführen. Gerichtsmediziner sollen in bestimmten Fällen mit einer Röntgenuntersuchung der Weisheitszähne und des Kniegelenks feststellen, ob minderjährige Flüchtlinge wirklich jünger als 18 Jahre sind. Der Test soll freiwillig sein. © afp/aerzteblatt.de

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

LNS

Nachrichten zum Thema

21. September 2020
Berlin – Deutsche Flüchtlingshelfer im Mittelmeer haben den italienischen Behörden Schikane vorgeworfen. Das Rettungsschiff „Sea-Watch 4“ werde unter „fadenscheinigen Bedingungen“ am Auslaufen im
Italien setzt „Sea-Watch 4“ in Palermo fest
21. September 2020
Lesbos – Die akute Krise der obdachlos gewordenen Migranten auf der griechischen Insel Lesbos ist nach Aussagen des stellvertretenden Migrationsministers Notis Mitarakis erst einmal vorbei. „Wir haben
Rund 10.000 Migranten im neuen Zeltlager auf Lesbos
17. September 2020
Athen – Die internationale Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen (MSF) kritisiert die Anwendung von Zwangsmaßnahmen bei der Umsiedlung von Geflüchteten auf der griechischen Insel Lesbos. Die Polizei
Ärzte ohne Grenzen kritisiert Zwangsmaßnahmen bei der Umsiedlung von Geflüchteten in Moria
14. September 2020
Insel Lesbos – Vier Tage nach dem Großbrand im Flüchtlingslager Moria haben die ersten Migranten auf der Insel Lesbos ein neues provisorisches Zeltlager bezogen. Nach Behördenangaben von gestern
Erste Flüchtlinge beziehen provisorisches Lager auf Lesbos
11. September 2020
Berlin – Der CDU-Außenpolitiker Norbert Röttgen geht nicht davon aus, dass es nach dem Brand in Moria eine gesamteuropäische Reaktion geben wird. Die Blockadehaltung einzelner EU-Mitglieder in der
Röttgen glaubt nicht an gesamteuropäische Lösung nach Moria-Brand
11. September 2020
Lesbos – Das Flüchtlingscamp Moria auf der griechischen Insel Lesbos war 2015 ursprünglich für knapp 3.000 Menschen ausgelegt. Zuletzt lebten dort mehr als 12.000. Mehrere Brände haben das Lager nun
„In Moria herrscht eine extrem gefährliche Stimmung“
10. September 2020
Berlin/Athen – Nach dem Brand im griechischen Flüchtlingslager Moria herrscht in Deutschland weiter Uneinigkeit darüber, ob im Alleingang Migranten aufgenommen werden sollen. Die Bundesregierung
LNS

Fachgebiet

Stellenangebote

    Anzeige

    Weitere...

    Aktuelle Kommentare

    Archiv

    NEWSLETTER