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Medizin

Diabetes: Forscher verbessern die Blutglukosemessung

Mittwoch, 12. Oktober 2016

Blutzuckermessung / iStockphoto

Boston – Ein neues mathematisches Modell könnte die Genauigkeit der Messung der mittleren Glukosekonzentration um 50 Prozent verbessern. Denn das glykierte Hämoglobin (HbA1c-Wert), das der Arzt anhand einer Blutprobe misst, kann vom realen Wert abweichen. Der aktuelle Standard birgt eine Fehlerquote von mehr als 15 mg/dl für einen von drei Patienten, schreiben die Autoren von der Harvard Medical School und vom Diabetes Center in Boston in ihrer aktuellen Publikation in Science Translational Medicine (2016; doi: 10.1126/scitranslmed.aaf9304). Ein wichtiger Faktor, der die Werte beeinflusst, sei die variable Lebenszeit der Erythrozyten. Auch Guido Freckmann, Leiter des Instituts für Diabetes-Technologie in Ulm ist sich sicher, dass dieser bekannte Faktor oft unterschätzt wird.

Rote Blutkörperchen (RBC) haben eine Lebensdauer von 90 bis 120 Tagen. Abhängig davon transportieren sie unterschiedlich viel Glukose. An Hämoglobin von Menschen, dessen Erythrozyten eine verkürzte Lebensdauer aufweisen, ist entsprechend weniger Glukose gebunden als an Erythrozyten mit einer normalen Lebensdauer.

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Trotz eines Unterschiedes im HbA1c können die abgeleiteten mittleren Blutglukosewerte gleich sein, erklärt der Autor John Higgins von der Harvard Medical School in Boston. Basierend auf dieser Erkenntnis haben die Forscher ein mathematisches Modell erstellt, mit dem die Umrechnung zwischen HbA1c-Wert und mittlerer Blutglukosekonzentration verbessert wird. Den Patienten-spezifischen Korrekturfaktor nennen die Forscher MRBC. Bei 200 Menschen mit Diabetes konnten die Autoren für Abweichungen der abgeleiteten mittleren Blutglukosekonzentration von mindestens 15 mg/dl die Fehlerquote von 1/3 auf 1/10 reduzieren.

Die Richtigkeit der Korrektur bestätigten die Autoren mittels einer kontinuierlichen Glukosemessung (CGM). Jedoch wurde ein Teil des Datensatzes der Studie zwischen November 2008 und Oktober 2013 erhoben. „Hier stellt sich die Frage, wie gut die CGM-Systeme gemessen haben, deren Qualität sich in den letzten Jahren deutlich verbessert hat“, gibt der Physiker Stefan Pleus vom Institut für Diabetes Technologie zu bedenken.

Das Fazit der Experten aus Deutschland fällt dennoch positiv aus: „Die Studie unter­sucht eine interessante Möglichkeit, mit Hilfe eines Modells und CGM die individuelle mittlere Lebensdauer von Erythrozyten zu ermitteln, mit der der individuelle HbA1c-Zielwert korrigiert werden könnte“, erklärt Freckmann. Die angebotene Lösung sei aber noch theoretisch und müsse für eine Umsetzung in die Praxis weiterentwickelt werden.

Noch höhere Fehlerquelle in Deutschland vermutet
Weiterhin sei speziell in Deutschland zu beachten, dass die Qualitätskontrolle der HbA1c-Methoden nach Richtlinie der Bundes­ärzte­kammer zur Qualitätssicherung laboratoriumsmedizinischer Untersuchungen eine Abweichung von +/- 18 Prozent zuläßt.

Ursachen für eine veränderte Lebenszeit von Erythrozyten:

Beispiele für falsch tiefe Werte:

  • Schwangerschaft
  • Blutungen
  • Bluttransfusion
  • Eisensupplementierung
  • ernährungsbedingt (Fett, Alkohol)

Beispiele für falsch hohe Werte:

  • Eisenmangelanämie, Infekt-, Tumor-, Immunsuppressiva
  • genetisch bedingte Hyperglykierung bei bestimmter ethnischer Zugehörigkeit
  • Alter des Menschen
  • Organtransplantation

Quelle: Heinemann et al. 2014

„Diese Quote ist im Vergleich zu den USA, den Niederlanden und vielen anderen Ländern mit 6 Prozent sehr hoch“, kommentiert der Diabetologe. Er geht daher hierzulande von einem eher höheren Fehler aus. Die Autoren der Praxisleitlinie der Deutschen Diabetes Gesellschaft von 2015 haben diese Fehlerquellen bereits berücksichtigt. Die Praxisleitlinie gibt einen HbA1c-Bereich von 39 bis 48 mmol/mol (5,7 bis 6,5 Prozent) an, in dem die Diagnose nach herkömmlichen Kriterien, also mit venöser Plasma-Glukosemessung, durchgeführt werden soll. Weiterhin wird dort auf methodenabhängige Variationen verwiesen, die die Verwendbarkeit des HbA1c-Wertes zur Diabetes-Diagnose einschränken können.

„Die angeführte Untersuchung und die Praxisleitlinie legen nahe, dass die HbA1c-Messung aufgrund der analytischen Unsicherheit nicht immer zur Diagnose ausreicht“, schlussfolgert Freckmann. Eine Veränderung der Erythozytenbildung oder des Abbaus beeinflusst die Lebensdauer der Erythrozyten. „Wir empfehlen vor allem bei Patienten mit Verdacht auf eine veränderte Erythrozytenlebensdauer, die Diagnose auf die venöse Plasma-Glukosemessung zu stützen und nicht auf die HbA1c-Messung.“ (siehe Kasten) © gie/aerzteblatt.de

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