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Medizin

„Kick and Kill“ Wie englische Forscher HIV heilen wollen

Mittwoch, 5. Oktober 2016

Modell eines HI-Virus /dpa

London – In England wurde der erste von etwa 50 Teilnehmern einer Studie behandelt, die eine HIV-Infektion im Zeitfenster der primären Virämie heilen will. In den britischen Medien wurde der Beginn mit einem positiven Ausgang verwechselt, doch Ergebnisse der RIVER-Studie werden vermutlich erst im Jahr 2018 vorliegen.

Die RIVER-Studie (Research in Viral Eradication of HIV Reservoirs) ist ein Projekt von CHERUB (Collaborative HIV Eradication of viral Reservoirs: UK BRC), einem Zusammenschluss verschiedener britischer Forscher, die nach Wegen suchen, eine HIV-Infektion zu beenden. Dies ist bisher nur bei dem sogenannten Berliner Patienten eher zufällig gelungen.

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Der Patient hatte im Rahmen einer Leukämie-Behandlung eine Knochenmarktrans­plantation mit Stammzellen erhalten, die aufgrund eines veränderten CCR5-Gens resistent gegen eine Infektion mit HIV waren. Andere Ansätze haben bislang versagt. Das Mississippi-Baby und auch die Teilnehmer der VISCONTI-Kohorte wurden nach einer Latenzzeit, in der keine Viren im Blut nachweisbar waren, wieder HIV-positiv.

Das Problem besteht darin, dass die antiretroviralen Medikamente zwar die Replikation des HI-Virus stoppen können. Es gibt jedoch einige CD4-Zellen und vermutlich noch andere Immunzellen, die die HIV-Gene in ihr Erbgut aufgenommen haben, die Gene jedoch nicht dauerhaft ablesen. Diese Zellen werden von den antiretroviralen Medika­menten nicht erreicht, die nur die Umsetzung der Gene in Viren verhindern.

Die „stummen“ Zellen sind vermutlich auch für das Versagen der bisherigen Impfstoffe verantwortlich. Da sie das Virus nicht aktiv produzieren, gibt es auf ihrer Oberfläche auch keine Antigene, die von den Antikörpern erkannt werden, deren Bildung die Impfstoffe veranlassen.

Der Einsatz des Histon-Deacetylase-Inhibitors Vorinostat soll dies ändern. Histon-Deacetylasen verstärken durch die Entfernung von Acetylgruppen die „Wicklung“ der DNA um die Histoneiweiße im Zellkern. Die dort „eingepackten“ Gene können nicht abgelesen werden. Der Histon-Deacetylase-Inhibitor Vorinostat lockert die Bindung und steigert damit das Ablesen von Genen. Studien haben gezeigt, dass unter der Behand­lung mit Vorinostat die Replikation von HI-Viren deutlich ansteigt. Die „Schläferzellen“ exprimieren dann die Virusantigene auf ihre Oberfläche, die von Antikörpern erkennbar werden können, deren Bildung zuvor ein Impfstoff veranlasst hat.

Dies erklärt das Design der RIVER-Studie, an der übrigens nur Patienten in der Früh­phase der Infektion teilnehmen dürfen. Voraussetzung ist, dass die Diagnose nicht länger als vier Wochen zurückliegt und ein früherer HIV-Test vor maximal 12 Wochen noch negativ ausgefallen war. Dahinter steckt die Idee, dass in der Anfangsphase der Infektion das Virusreservoir, gemeint sind die stummen Zellen ohne aktive Replikation, noch begrenzt ist, was die Erfolgschancen der „Kick and Kill“-Strategie verbessern soll.

Alle etwa 50 Teilnehmer der Studie erhalten eine antiretrovirale Therapie mit vier antiretroviralen Wirkstoffen, die über die gesamte Dauer der Studie von 42 Wochen fortgesetzt werden soll. Nach 22 Wochen erhält die Hälfte der Teilnehmer, die auf eine aktive Behandlung randomisiert wurden, den Impfstoff ChAdV63.HIVconsv, der sich in früheren klinischen Studien als sicher (aber als alleinige Strategie ineffektiv) erwiesen hat. Danach folgen zehn Dosierungen von Vorinostat. Acht Wochen nach der ersten Impfung erfolgt eine Auffrischung mit dem Impfstoff MVA.HIVconsv. Das soll die Immunantwort auf die infizierten Zellen noch einmal verstärken.

Der Histon-Deacetylase-Inhibitor soll die stumme Zelle zur Replikation anstoßen („kick“). Die durch den Impfstoff angeregten Antikörper sollen dann die virusproduzierenden Zellen erkennen und zur Elimination durch zytotoxische T-Zellen freigeben („kill“). Im Hintergrund verhindert die fortgesetzte antiretrovirale Therapie, dass weitere Zellen infiziert werden.

Ob die Strategie aufgeht, lässt sich nach der Behandlung des ersten Patienten natürlich noch nicht feststellen. Die Studie, die an sechs Zentren in England durchgeführt wird, soll Ende 2017 beendet sein. Anfang 2018 ist dann mit Ergebnissen zu rechnen. Die Leitung der Studie hat Sarah Fiedler vom  Imperial College London übernommen.

© rme/aerzteblatt.de

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