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Ausland

Sterbehilfe-Streit erreicht US-amerikanische Hauptstadt

Freitag, 7. Oktober 2016

Washington – Trotz gravierender Bedenken von Ärzten und Kirchenführern hat der Gesund­heits­­ausschuss im Rat des Bundesdistrikts Washington in dieser Woche für einen Gesetzentwurf zur Legalisierung des ärztlich-assistierten Suizids gestimmt. Mit einer knappen Mehrheit von 3 zu 2 Stimmen nahm der sogenannte „Death with Dignity Act“ eine wichtige Hürde und macht Washington zum jüngsten Schauplatz einer Ausein­ander­setzung, die überall in den USA geführt wird.

Der von Ratsmitglied Mary M. Cheh eingebrachte Entwurf bildet ein entsprechendes Gesetz Oregons ab, das 1997 als erster US-Bundesstaat ärztlich-assistierte Selbst­tötung erlaubte. Demnach müssen Patienten mental bei vollem Bewusstsein sein und über eine Diagnose verfügen, die ihnen eine tödliche Krankheit mit einer Lebens­erwartung von höchstens einem halben Jahr attestiert. Zwei Ärzte müssen dies unab­hängig voneinander im Abstand von mindestens 14 Tagen bescheinigen. Der zustän­dige Arzt darf anschließend ein tödliches Medikament verschreiben und während des Suizids anwesend sein, das Mittel jedoch nicht selbst verabreichen. In Deutschland verbietet das Berufsrecht Ärzten die Beihilfe zum Suizid, ist grundsätzlich jedoch nicht strafbar.

Michael Scott von der D.C. Catholic Conference, die die öffentlichen Interessen der katholischen Kirche in Washington vertritt, sprach von einem „unverantwortlichen und gefährlichen Gesetz“, das niemals in Kraft treten dürfe. „Die Legalisierung der Sterbe­hilfe stellt eine tödliche Bedrohung der armen, kranken, behinderten und verwundbaren Brüder und Schwestern dar“, kritisierte Scott. Dies treffe insbesondere auf Menschen zu, „die über keine ausreichende Krankenversicherung oder Gesundheitsversorgung verfügen“.

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Die Vorsitzende des Gesundheitsausschusses, Yvette Alexander, trug ihren Kollegen ihrerseits eine lange Liste von Bedenken vor. Ihr Fazit: „Es sind einfach nicht genügend Sicherungen eingebaut.“ Ihre größte Sorge sei, dass Patienten zu diesem Schritt gedrängt werden könnten. De facto sähe das Gesetz keine Kontrolle der Medikamente vor, die den Tod des Patienten herbeiführten. Darüber hinaus fänden sich Ärzte plötzlich in einer Situation wieder, in der sie gegen den hippokratischen Eid handeln müssten.

Alexanders Ratskollegin Brianne Nadeau argumentierte ähnlich. Vor allem Arme, die nicht über finanzielle Mittel für Alternativen zur Sterbehilfe verfügten, könnten in ihrer Verzweiflung zu der Überzeugung gelangen, „dies sei ihre beste Option“.

Diese Argumente überzeugten die Mehrheit jedoch nicht. Cheh, die den Entwurf einge­bracht hatte, führte aus, das Gesetz gebe den Patienten „den Respekt, den sie an der Schwelle zum Tod verdienen“. Mit Hilfe der neuen Regelung könnten sie selbst ent­scheiden, wie sie sterben wollten.

Der unabhängige Abgeordnete David Grosso, der von beiden Seiten als Zünglein an der Waage umworben wurde, sprach von der „schwierigsten Entscheidung seines Lebens“. Am Ende habe er sich „aus Prinzip“ dazu durchgerungen, „dass Erwachsene dazu in der Lage sein sollten, sagen zu können, was sie mit ihren Leben und Körpern machen“.

Der Gesundheitsausschuss hatte im Vorfeld seiner Beratungen am Mittwoch ein Gutachten in Auftrag gegeben, das ermitteln sollte, wie viele Bürger im Bundesdistrikt von dem Sterbehilfegesetz Gebrauch machen könnten. Ein Mitarbeiter der Stadt sagte, man gehe von weniger als zehn Personen im Jahr aus. Ein Argument mehr für die Gegner des Gesetzes, wie Donna Smith von der Organisation „Compassion & Choices“. Wenn Selbstmord moralisch verkehrt sei, „ist die Beihilfe zum Selbstmord gewiss moralisch falsch“.

Der Entwurf muss nun noch zwei Hürden nehmen: Eine Abstimmung im gesamten Stadtrat am 18. Oktober und die stille Zustimmung des US-Kongresses, der Gesetze des District of Columbia aufheben kann.

Bürgermeisterin Muriel Bowser äußerte sich zu dem Streit bislang nicht – ihre Beraterin in Gesundheitsfragen stellte sich gegen das Gesetz. Neben Oregon ist ärztlich-assis­tierter Suizid auch in Kalifornien, Washington State, Vermont und Montana erlaubt. © kna/aerzteblatt.de

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