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Medizin

Adipositas, Diabetes und Drogen gefährden Zunahme der Lebenserwartung

Freitag, 7. Oktober 2016

dpa

Seattle – In den meisten Ländern der Erde ist die Lebenserwartung der Menschen seit den 1980er Jahren deutlich gestiegen. Der neue Global Burden of Disease (GBD)-Bericht für das Jahr 2015 führt dies vor allem auf den Rückgang der Infektions­erkrankungen zurück. Die im Lancet auf 257 Seiten veröffentlichte Bestandsaufnahme der Weltgesundheit sieht jedoch erhebliche Gefahren für die Zukunft. Übergewicht, hoher Blutzucker, Alkohol und Drogenmissbrauch würden in vielen Ländern die Fortschritte infrage stellen.

Das Institute for Health Metrics and Evaluation (IHME) unter der Leitung von Christopher Murray, das im wesentlichen von der Gates-Stiftung gefördert wird, legt ihre bislang umfangreichste Untersuchung vor. Am den sechs GBD 2015-Berichten haben laut Lancet 1.870 Experten aus 127 Ländern mitgearbeitet. Herausgekommen sind vier Publikationen zum allgemeinen Gesundheitszustand sowie zwei zur Mütter- und Kindersterblichkeit. Die Daten wurden mit früheren Untersuchungen verglichen, die von der Welt­gesund­heits­organi­sation in Auftrag gegeben worden waren.

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Die Lebenserwartung der Weltbevölkerung ist seit 1980 um mehr als zehn Jahre auf 69,0 Jahre bei Männern und 74,8 Jahren bei Frauen gestiegen. Ein wichtiger Grund ist der Rückgang der Todesfälle an übertragbaren Krankheiten insbesondere im letzten Jahrzehnt. Insgesamt sind im Jahr 2015 weltweit schätzungsweise 56 Millionen Menschen gestorben. Davon entfielen schätzungsweise 1,2 Millionen auf Aids und 730.500 auf die Malaria. Die Zahl der Aids-Todesfälle ist seit 2005 um 33,5 Prozent zurückgegangen, an der Malaria starben 37 Prozent weniger als 2005.

Noch immer sterben 5,8 Millionen Kinder vor Erreichen des sechsten Lebensjahres. Das sind allerdings nur halb so viele wie im Jahr 1990. Damals waren es noch 12,1 Millionen. Dabei ist noch nicht berücksichtigt, dass die Geburtenrate in vielen Ländern stark angestiegen ist. Global gesehen gehören Kinder deshalb zu den Gewinnern der letzten 25 Jahre, was vermutlich der besseren Behandlung von Infektionskrankheiten zu verdanken ist.

Der GBD 2015-Bericht hebt hier den Rückgang von Durchfallerkrankungen und Malaria hervor, aber auch Todesfälle an Masern sind in vielen Ländern seltener geworden. Dennoch wurde das ehrgeizige Millennium-Entwicklungsziel (MDG) der Weltgesund­heitsorganisation, die Kindersterblichkeit zwischen 1990 und 2015 um zwei Drittel zu senken, nicht erreicht. In einigen Ländern südlich der Sahara stirbt noch immer mehr als jedes zehnte Kind vor dem sechsten Geburtstag. Das SDG-Ziel (Sustainable Development Goal) der WHO von weniger als 25 Todesfällen pro 1.000 Lebendgeburten im Jahr 2030 scheint hier noch in unerreichbarer Ferne.

Der Anteil der Müttersterblichkeit an allen Todesfällen ist zwar gering. Doch auch 2015 starben noch immer mehr als 275.000 Frauen in der Schwangerschaft oder bei der Geburt, obwohl diese Todesfälle im Prinzip alle verhindert werden könnten.

Die GBD 2015-Studie unterteilt die Länder anders als frühere Untersuchungen nicht mehr allein nach der Wirtschaftsleistung. Der neue sozio-demografische Index (SDI) berücksichtigt neben dem Einkommen auf die Ausbildung und die Zahl der Kinder. 

Interessant sind die regionalen Unterschiede. Unter den Ländern mit einem hohen SDI hatte Nordamerika 2015 die niedrigste krankheitsfreie Lebenserwartung (healthy life expectancy). Sie lag bei Männern nur bei 67,11 Jahren und bei Frauen bei 69,8 Jahren. Das ist weniger als in Westeuropa. Auch die Kindersterblichkeit ist in den USA und Kanada vor dem Hintergrund des dortigen SDI zu hoch. Als Gründe nennt der Bericht neben dem Typ 2-Diabetes auch den Drogenkonsum (vor allem Opiate und Kokain). Grönland hat zudem ein ausgeprägtes Problem mit Alkohol und Suiziden.

Auch in Westeuropa sind nicht alle Länder frei von Drogenproblemen. In Schottland und Norwegen ist er für viele vorzeitige Todesfälle verantwortlich. Im Finnland und Dänemark haben die Menschen dagegen eher Probleme mit einem zu hohen Alkoholkonsum. In Schottland und Wales liegt die Kindersterblichkeit über dem erwarteten SDI-Niveau. 

Eine positive Entwicklung sieht der GBD 2015-Bericht in der Zahl der Schlaganfälle, an denen in Europa deutlich weniger Menschen starben als vor 25 Jahren. Dies könnte, so die Autoren, an der Vermeidung von Risikofaktoren wie Rauchen und Hypertonie liegen. Aber auch die in vielen Ländern eingerichteten Stroke Units könnten einen Einfluss gehabt haben.

In Osteuropa sind Suizide, Leberzirrhose sowie Alkohol- und Drogenkonsum verbreitet. Speziell in Russland ist der Alkohol für zehnmal mehr Erkrankungen und Todesfälle verantwortlich als in anderen Ländern. Russland hat allerdings große Fortschritte in der Müttersterblichkeit gemacht, während die Entwicklung der Kindersterblichkeit enttäuschend ist.

Das Problem von Australien scheint der Drogenkonsum zu sein. Es ist neben den USA das einzige unter den Ländern mit einem hohen SDI, in dem die Folgen des Drogenkonsums zu den zehn häufigsten Erkrankungen gehören.

In den Ländern südlich der Sahara gehört Aids noch immer zu den häufigsten Todesursachen. Die verbesserten Behandlungsmöglichkeiten haben aber dazu geführt, dass die Lebenserwartung wieder ansteigt. Bei den Frauen ist sie innerhalb eines Jahrzehnts um mehr als zehn Jahre gestiegen. Auch die Kindersterblichkeit ist deutlich zurückgegangen: In 16 Ländern wurde das MDG-Ziel einer jährlichen Reduktion um 4,4 Prozent sogar übertroffen. Namibia and Simbabwe konnten auch die Müttersterblichkeit senken.

Nordafrika und der Nahe Osten leiden vor allem unter den Folgen der Bürgerkriege in Afghanistan, dem Irak, dem Libanon und in Syrien. Die Lebenserwartung syrischer Männer ist gegenüber 2005 um mehr als 11 Jahre gefallen. In anderen Ländern ist dagegen der Diabetes zu einem Problem geworden. In der Hälfte der Länder – darunter Ägypten, der Irak und Kuwait – gehört der Diabetes zu den drei wichtigsten Ursachen für Behinderungen. Marokko und Algerien werden dagegen in dem Bericht gelobt, weil sie sowohl die Mütter- als auch die Kindersterblichkeit senken konnten.

Lateinamerika gehört zu den Gewinnern. Die krankheitsfreie Lebenserwartung ist dort deutlich gestiegen. Die Ausnahme bilden einige Länder der Karibik, insbesondere Haiti, die sich noch nicht von den Folgen eines Erdbebens erholt haben. In anderen Ländern sind Diabetes und Gewalttaten zu einem Problem geworden. In einigen Ländern darunter Antigua, Barbados und Puerto Rico gehen doppelt so viele gesunde Lebensjahre verloren als aufgrund der SDI zu erwarten wäre.

Die Länder Südasiens konnten die Zahl der Schlaganfälle (Indien und Pakistan) und der unteren Atemwegsinfektionen (Bangladesch, Nepal) senken. Indien hat immer noch mit einer hohen Zahl von Tuberkulose-Erkrankung zu kämpfen. Bangladesch leidet unter den Folgen von Überschwemmungen. Indien hat weltweit die höchste Kindersterblichkeit. Im Jahr 2015 starben 1,3 Millionen Kinder vor dem sechsten Geburtstag. Bangladesch konnte die Müttersterblichkeit deutlicher senken als erwartet. Indien und Nepal fielen dagegen zurück.

In China erkranken weniger Menschen an Diabetes, koronarer Herzkrankheit oder Depression als aufgrund des SDI zu erwarten wäre. Dagegen ist die Zahl der Erkrankungen und vorzeitigen Todesfälle an Leberzirrhose noch immer dreimal höher als erwartet (was an der starken Verbreitung von Hepatitis B liegen dürfte). Dagegen wurden Fortschritte in der Kindersterblichkeit gemacht: 30 von 33 Provinzen liegen über den Erwartungen.

© rme/aerzteblatt.de

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Avatar #106067
dr.med.thomas.g.schaetzler
am Sonntag, 9. Oktober 2016, 17:30

DÄ-Titel: irreführend unf falsch

Dass die Lebenserwartung der Weltbevölkerung seit 1980 um mehr als zehn Jahre auf 69,0 Jahre bei Männern und 74,8 Jahren bei Frauen gestiegen ist, lässt sich nicht als lineare Funktion fortsetzen. Dagegen stehen Umweltproblematik, Überbevölkerung, Versorgungs- und Ressourcenknappheit, Migration, Genetik, Epigenetik und exogene bzw. endogene Einflüsse der Entropie.

Dies scheint aber bei dem im Wesentlichen von der Bill & Melinda-Gates-Stiftung geförderten Institute for Health Metrics and Evaluation (IHME) unter der Leitung von Christopher Murray noch nicht angekommen zu sein. Wesentlich für die Limitierung der weltweiten Lebenserwartung sind auch nicht "Adipositas, Diabetes und Drogen", die laut irreführendem Titel im Deutschen Ärzteblatt allein die Zunahme der Lebenserwartung gefährden würden, sondern weitaus mehr, als sich alle Schönredner zusammenreimen.

Alkohol- und Zigaretten-, Zucker- und Kohlenhydratkonsum, Bewegungsmangel, Fehlernährung, aber auch Endothelschäden, neue Krankheitserreger, Umweltbelastungen, Armut, Hunger und Not, Mangelversorgung, Kriege, Terrorismus, Fundamentalismus und der globale Verteilungskampf um die ökonomische und politische Vorherrschaft, ja selbst die Spaltung zwischen Arm und Reich oder der Zugang zu sauberem Trinkwasser und unbelasteten Nahrungsmitteln können zusätzlich die Lebenserwartung verringern oder "quality of life"-Ansprüche schmälern.

Musterbeispiel USA: Die immer weiter aufgehende Schere zwischen der Unterschicht mit stark sinkender Lebenserwartung kann gar nicht mehr durch die wesentlich höhere Lebenserwartung der Oberschicht kompensiert werden, so dass die allgemeine Lebenserwartung aktuell stagniert und sinkt.

Paradox ist auch folgendes: Konzerne, die ihre Geschäftspolitik im Informatik-Zeitalter nahezu ausschließlich auf Konsumentinnen und Konsumenten in postindustriellen Gesellschaften mit hoher Innovationgeschwindigkeit ausgerichtet haben, tragen eher zur Verschwendung der "Habenden" als zur Umverteilung für die "Nicht-Habenden" bei, und limitieren damit die Lebenserwartung einer globalen Unterschicht von Unterprivilegierten. Sie sollten dies nicht auch noch durch Förderung von wissenschaftlichen Einrichtungen verschleiern, welche versuchen, die Lebenserwartung schön zu reden.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund


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