NewsVermischtesPsychopharmaka-Tests mit Heimkindern in den 1960ern
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Vermischtes

Psychopharmaka-Tests mit Heimkindern in den 1960ern

Dienstag, 11. Oktober 2016

Schleswig – Ein Arzt soll Psychopharmaka in den 1960er Jahren in Schleswig an Heim­kin­dern getestet haben. Dies geht aus Untersuchungen der Pharmazeutin Sylvia Wagner hervor. Sie hat Archive und historische Fachzeitschriften ausgewertet und nach eigenen Angaben Belege für bundesweit etwa 50 Versuchsreihen gefunden, darunter auch zwei Fälle in Schleswig-Holstein. Es sei „klar erkennbar, dass das Versuche waren“, sagte Wagner NDR 1 Welle Nord.

In der Schleswiger Jugendpsychiatrie des damaligen Landeskrankenhauses erprobte dem­nach ein mittlerweile gestorbener Arzt zwei Medikamente. Mit dem Neuroleptikum Haloperidol gab es laut NDR einen Versuch mit 65 Kindern und Jugendlichen ab drei Jahren, bei de­nen „Zustände geistig-seelischer Behinderung im Sinne des Schwach­sinns“ festge­stellt worden waren. Er wolle untersuchen, ob Haloperidol auch bei „psychomotorischen Erre­gungen“ seiner Patienten eine Wirkung habe, hielt er in seiner Publikation dazu fest.

1969 testete der Mediziner an 30 Kindern den Wirkstoff Encephabol, der eine Leis­tungs­steigerung des Gehirns bei „antriebsarmen Kindern (...) mit Hirnschäden“ bewirken sollte. Das Mittel kommt bis heute bei Demenzerkrankungen oder Konzentrations­störun­gen zum Einsatz.

Anzeige

In beiden Fällen habe eine Gruppe das Präparat erhalten und eine andere nicht, sagte Wagner. „Es wurden EEG-Untersuchungen gemacht und Blutbildkontrollen, die Leber­wer­te wurden untersucht, Harnwerte bestimmt. Das sind ganz klar keine therapeu­tischen Maßnahmen, sondern Versuchsbedingungen.“ In beiden Fällen habe sie keine Hinweise auf Einwilligungen gefunden.

Eines der ehemaligen Heimkinder erinnerte sich im NDR, damals Säfte und Tabletten er­halten zu haben, ohne sich krank zu fühlen: „Du bist festgehalten worden, Nase zuge­hal­ten, Tablette rein.“ Anschließend sei er „nicht mehr Herr seiner Sinne“ gewesen, sagte der Mann.

Die Landesregierung kündigte bereits eine Aufarbeitung der Schleswiger Fälle an. We­gen fehlender Akten ist die exakte Zahl der Betroffenen nach Angaben des Sozialminis­teriums aber unklar. Die von Sozialministerin Kristin Alheit (SPD) um die Aufarbeitung gebetene frühere Landespastorin Petra Thobaben habe aber bereits mit etwa 15 Be­troffenen Kontakt gehabt, sagte ein Ministeriumssprecher heute.

Wem als Kind in den 1950er bis 1970er Jahren in einer Kinder- oder Jugendpsychiatrie Unrecht widerfahren ist, der kann ab 2017 auf eine Entschädigung hoffen. „Es wird Geld­leistungen im Umfang von bis zu maximal 9.000 Euro pro Fall geben und Rentenersatz­leis­tungen bis zu 5.000 Euro. Damit erreichen wir eine Gleichstellung im System“, sagte Sozial-Staatssekretärin Anette Langner. © dpa/aerzteblatt.de

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

LNS

Nachrichten zum Thema

19. September 2019
Karlsruhe – Der Streit um Schadenersatz im Skandal um minderwertige Brustimplantate aus Industriesilikon stellt den Bundesgerichtshof (BGH) vor schwierige Fragen. Im Revisionsprozess zwischen der AOK
Bundesgerichtshof spricht beim Schadenersatz nach Silikonskandal von schwieriger Entscheidung
10. September 2019
Frankfurt/Main/Saarbrücken – Der unter Mordverdacht stehende Krankenpfleger aus dem Saarland hat auch am Klinikum in Frankfurt-Höchst gearbeitet. Der Mann sei von April bis September 2014 angestellt
Krankenpfleger unter Mordverdacht war in Frankfurt-Höchst beschäftigt
4. September 2019
Memmingen – Die Polizei ermittelt gegen drei schwäbische Apotheker wegen verbotener Arzneimittelherstellung. Wie die Beamten gestern berichteten, bestehe aufgrund einer Mitteilung des Landratsamtes
Ermittlungen gegen Apotheker wegen verbotener Arzneimittelherstellung
2. September 2019
Frankfurt am Main – Nach den Mordermittlungen gegen einen Krankenpfleger in Saarbrücken untersucht die Staatsanwaltschaft Frankfurt am Main, ob der Mann womöglich auch dort Straftaten begangen haben
Krankenpfleger unter Mordverdacht: Untersuchung auch in Frankfurt
30. August 2019
Saarbrücken/ Völklingen – Die Staatsanwaltschaft Saarbrücken ermittelt gegen einen Krankenpfleger wegen fünffachen Mordes und zweifachen Mordversuchs. Der Mann soll Patienten nicht verordnete
Ermittlungen gegen Krankenpfleger wegen fünffachen Mordes
6. August 2019
Göttingen/Braunschweig –Gut vier Jahre nach seinem Freispruch im Prozess um den Göttinger Transplantationsskandal verlangt ein Arzt gut 1,2 Millionen Euro Schadenersatz vom Land Niedersachsen. Eine
Transplantationsmediziner fordert nach Freispruch rund 1,2 Millionen Euro
2. August 2019
Düsseldorf – Wegen Titelmissbrauchs ist ein Schönheits-Operateur heute vom Amtsgericht Düsseldorf verurteilt worden. Das Gericht bestätigte nach einer mündlichen Verhandlung einen Strafbefehl gegen
LNS LNS

Fachgebiet

Anzeige

Weitere...

Aktuelle Kommentare

Archiv

NEWSLETTER