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Politik

Innovationen im Gesundheitswesen: „Wir müssen mutiger werden“

Freitag, 14. Oktober 2016

Hermann Gröhe /Schwarz

Bochum – „Wir werden unser leistungsfähiges Gesundheitssystem nicht mit weniger, son­dern nur mit mehr Innovationen erhalten können“. Das hat Bundesgesundheits­mi­nis­ter Hermann Gröhe vor wenigen Tagen im Hörsaal der Hochschule für Gesundheit in Bo­chum betont. Mehr als 100 Akteure des Gesundheitswesens waren einer Einladung der Industrie- und Han­dels­kammern in Nordrhein-Westfalen zum „Gesundheitspolitischen Dialog“ gefolgt, um mit dem Minister über die Zukunft der medizinischen Versorgung zu diskutieren.

„Wir fragen uns hier in Deutschland allerdings viel zu oft: Schaffen wir noch den nächs­ten Innovationssprung oder muss man, um die Versorgung zu leisten, bei Innovationen erstmal auf die Bremse treten?“, kritisierte Gröhe und stellte noch mal klar: „Wir werden für die großen Herausforderungen Innovationen brauchen. Wir müssen mutiger werden.“

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Enorme Sehnsüchte an die Forschung gerichtet
Als Innovationstreiber nannte er den demografischen Wandel und den medizinischen Fortschritt. „Krankheiten, die früher nicht behandelbar waren, sind es jetzt. Und die Menschen warten auf weitere Durchbrüche in der Medizin“, so Gröhe weiter. Sie wollten endlich wissen, wie Alzheimer entsteht und behandelt werden kann. „Es sind enorme Sehnsüchte an die Forschung gerichtet.“

Was die Forschung hin zu einer immer stärker spezialisierten Medizin angeht, gibt es in seiner Gesundheitspolitik einen roten Faden: „Wie kriegen wir aus der hervorragenden Einzelleistung die beste Leistung für die Gemeinschaft? Denn bei aller Spezialisierung der Medizin muss immer wieder überlegt werden, wie sich das mit der Mannschafts­ver­sorgung überein bringen lässt“, zog der Ge­sund­heits­mi­nis­ter Vergleiche zum Fußball. Für ihn spielt dabei der Gedanke der Digitalisierung und Vernetzung von Akteuren im Gesundheitswesen eine große Rolle, der sich daher durch alle Gesetze der Großen Koalition zieht.

Digitalisierung und Vernetzung als roter Faden durch alle Gesetze
Als Beispiel nannte er das Versorgungsstärkungsgesetz (VSG), das bei der Behandlung einer Krankheit die gesamte Lebenssituation der Patienten berücksichtigt. „Was in der Pflege bereits gut funktioniert, muss endlich auch in der Behandlung mehrfach und chro­nisch Kranker möglich sein“, sagte der Minister. Der Kritik von Ärzten an den Terminser­vicestellen erteilte er in diesem Zusammenhang eine klare Absage: „Die Ärzte sehen sie als überflüssig an. Aber mehr als 10.000 Menschen bekommen durch die Servicestellen jeden Monat einen Termin.“ Auf Vernetzung setze das Kranken­haus­strukturgesetz. Nicht mehr jede Klinik könne und solle alles leisten.

Big Data ist ein Muss
Im E-Health-Gesetz sieht Gröhe nur einen ersten Schritt zur Vernetzung, dem jetzt wei­te­re folgen müssen. „Wenn Medizin präzise werden soll, dann sind Big Data und die massen­hafte Auswertung von Versorgungsdaten ein Muss.“ Auf technischer Seite müsse Interoperabilität möglich gemacht werden, um Daten zwischen Krankenhäusern, Arzt­pra­xen, Apotheken, Pflegeheimen, Therapeuten und Krankenkassen austauschen zu können. „Die Mauer um die eigene Insel wurde in der Vergangenheit noch liebevoller gepflegt als die Schnittstellen“, kritisierte der Minister. Durch das E-Health-Gesetz sei damit jetzt Schluss.

Problematisch ist seiner Ansicht nach, dass viele „Digital Health“-Start-ups mit neuen Geschäftsmodellen in den Markt drängen und auf ein etabliertes Gesundheitssystem treffen, das die Modelle zunächst nicht zulässt. „Genehmigungskultur und Start-ups müssen noch zueinander finden“, sagte Gröhe.

„Denn wenn wir eine App haben, die eine Insulinpumpe steuert, brauchen wir eine an­dere Sicherheit als bei einer App, die nur ein paar Schritte zählt.“ Zudem stellten die Krankenkassen bei einer App zurecht die Frage nach dem Mehrwert, wenn sie dafür bezahlen sollen. Trotz dieser Hürden will Gröhe die Digitalisierung im Gesundheitswesen vorantreiben. Denn ohne sie sei die Expertise einer Uniklinik zum Beispiel nicht in die Uckermark zu bekommen.

Forscher und Anwender nicht optimal aufeinander eingespielt
Anne Friedrichs schilderte in diesem Zusammenhang, dass es bereits gute digitale Pro­jekte gibt – wie etwa eine Anwendung, die Schlaganfall-Patienten ermöglicht, das Spre­chen zu trainieren. „Damit kann der Patient gemütlich zuhause üben und nicht erst dann, wenn der Therapeut mal einen Termin frei hat“, erklärte die Präsidentin der Hochschule für Gesundheit in Bochum.

Sie forderte ebenfalls, die Forschung und Entwicklung von digitalen Anwendungen zu forcieren, denn gerade für junge Menschen, die bereits als „digital natives“ aufwachsen, seien sie völlig normal: „Die gucken uns dumm an, wenn wir’s nicht tun.“ Allerdings sollten nur Anwendungen entwickelt werden, die dem Patienten wirklich helfen. Forscher und Anwender seien jedoch allzu oft „nicht optimal aufeinander eingespielt“.

„Paper Day“ zur Sicherheit eingeführt
Dieter Castrup von der Knappschaft Bahn See erklärte, dass die Knappschaft bereits seit Jahren umsetzt, was der Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter heute fordert: Mit dem Gesund­heitsnetz Prosper in Bottrop habe man bereits 1999 angefangen, Gesundheits­daten zu sammeln, auszuwerten und wieder in die Versorgung einfließen zu lassen. Heute seien Behandlungsdaten in Echtzeit und sektorenübergreifend digital abrufbar. Dadurch könnten Ärzte und Apotheker zum Beispiel sehen, welche Medikamente ein Patient ein­nimmt. „Das System ist interoperabel und passt damit zum E-Health-Gesetz“, betonte der Abteilungsleiter Versorgungsmanagement.

Konzernvorstand Heinz Werner Bitter vom Evangelischen Verbund Ruhr warnte hingegen vor den Folgen der Digitalisierung. „Hacker-Angriffe auf Krankenhäuser nehmen zu. Wir haben daher inzwischen einen ‚Paper Day‘ eingeführt“, sagte er. Einmal im Monat wird in den drei Krankenhäusern des Verbunds auf Papier und damit so gearbeitet, als ob die EDV stillsteht.

Von Big Data zu Smart Data
Peter-Carsten Kilian erinnerte daran, dass bereits viele Daten zur medizinischen Versor­gung vorliegen. „Wir brauchen die Auswertungen der Krankenkassen und Kassen­ärztli­chen Vereinigungen. Denn hier sehen wir die Versorgungsrealität“, sagte der Leiter Stra­tegische Planung vom Arzneimittelhersteller Medice Arzneimittel Pütter in Iserlohn. „Bei den Kassen ist aber keine echte Bereitschaft da, mit uns zusammen­zuarbeiten“, kriti­sier­te Kilian.

Ähnlich äußerte sich auch Jörg Holstein. „Wir sprechen heute eher von Smart Data statt Big Data“, erklärte der geschäftsführende Gesellschafter des Bochumer Software-Entw­icklers Visus. Dabei geht es darum, große Datenmengen mit spezieller Software so aus­zu­werten, dass sich zum Beispiel nachweisen lässt, wie Patienten auf einzelne Medi­ka­men­te regieren.

„Smart Data ermöglicht, Zusammenhänge zu erkennen. Dadurch kann man in der spe­zi­a­lisierten Medizin noch individualisierter arbeiten“. Einig waren sich alle Diskussions­teil­nehmer schließlich darin, dass der Mensch trotz aller Digitalisierung und Innovation wei­terhin die zentrale Rolle im Gesundheitswesen einnehmen muss. Die Technik soll ihn lediglich entlasten, aber nicht ersetzen.

© ts/aerzteblatt.de

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