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WHO-Generaldirektor: Sechs Kandidaten bewerben sich um Nachfolge

Freitag, 14. Oktober 2016

Die Suche nach der Nachfolge von WHO-Generaldirektorin Margaret Chan hat begonnen. Sie tritt im Mai 2017 ab. /dpa

New York/Kopenhagen – Im Mai nächsten Jahres wird die Vollversammlung der Weltge­sundheitsorganisation (WHO) einen neuen Generaldirektor bestimmen. Sechs Kandida­ten sind im Augenblick im Rennen um dieses höchste Amt in der WHO. Er oder sie löst ab Juli 2017 die bisherige Amtsinhaberin Margaret Chan ab, die die WHO seit 2006 leitet.

Bis zum 22. September hatten die WHO-Mitgliedstaaten Gelegenheit, Kandidaten vor­zuschlagen. Sechs Kandidaten sind es geworden: Tedros Adhanom Ghebreyesus (Äthiopien), Flavia Bustreo (Italien), Philippe Douste-Blazy (Frankreich), David Nabarro (UK), Sania Nishtar (Pakistan) and Miklós Szócska (Ungarn). Nach Vorausscheidungen in diesem Herbst und im Frühjahr 2017 wird sich die WHO-Vollversammlung zwischen drei noch verbleibenden Kandidaten entscheiden.

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Die Fachzeitschrift Lancet hat den Kandidaten zehn Fragen zu ihren Plänen und Vor­stellungen für die künftige Arbeit der WHO und der Entwicklung der globalen Gesundheit vorgelegt:

  • Was wären Ihre Prioritäten als Generaldirektor der WHO?
  • Die WHO kann nicht alles leisten. Was sollte die WHO nicht tun?
  • Was sind die drei größten Herausforderungen für die Gesundheit der Menschen weltweit?
  • Was würden Sie unternehmen, um diesen Herausforderungen zu begegnen?
  • Was bedeuten die „Sustainable Development Goals“ für Sie und wie kann die WHO ihren größten Beitrag leisten, um sie zu erreichen?
  • Die WHO hat bei ihrem Umgang mit der Ebolakrise an Glaubwürdigkeit eingebüßt. Was muss die WHO tun, um wieder Vertrauen bei den Bürgern und den Regierungen zu gewinnen?
  • Braucht die WHO Reformen? Wenn ja, welche?
  • Was sind die größten Herausforderungen für die WHO in den nächsten fünf Jahren? Wie wollen Sie diesen begegnen?
  • Sollte die WHO beim Thema Gesundheit vorangehen oder lediglich die Wünsche der Mitgliedstaaten umsetzen?
  • Welche besonderen Fähigkeiten bringen Sie mit, um WHO-Generaldirektor zu werden?

Zur Erinnerung: Die „Sustainable Development Goals" sind politische Ziele der Vereinten Nationen, die den sogenannten Millenniums-Entwicklungszielen folgen und Anfang Januar in Kraft getreten sind. Sie beziehen sich auf den Zeitraum bis zum Jahr 2030.

Tedros Adhanom Ghebreyesus, Äthiopien
Der 1965 geborene Biologe und Epidemiologe Tedros Adhanom Ghebreyesus war von 2005 bis 2012 Ge­sund­heits­mi­nis­ter von Äthiopien und ist seither Außenminister des Landes. Wissenschaftlich hat er insbesondere zum Thema Malaria gearbeitet.

Als die drei größten Herausforderungen für die Gesundheit der Menschen weltweit be­zeichnet er den ungleichen Zugang der Weltbevölkerung zur medizi­nischen Grundver­sorgung. Rund 400 Millionen Menschen weltweit hätten praktisch keine medizinische Versorgung, so Ghebreyesus. Die zweite große Heraus­forderung seien die Antibiotika-Resistenzen und damit einhergehende Epide­mien. Die dritte Herausforderung seien Veränderungen, die der Klimawandel mit sich brächte.

Ghebreyesus verspricht, als WHO-Generaldirektor Länder dabei zu unterstützen, ihre Gesundheitsversorgung auszubauen beziehungsweise „hart erkämpfte Ziele“ zu erhal­ten. Im Kampf gegen Infektionswellen möchte er eine starke, koordinierte und schnelle weltweite Antwort auf diese Gefahren sicherstellen. Wie auch Deutschland setzt er beim Thema Antibiotika-Resistenzen auf eine One-Health-Lösung, die auch die Veterinär­­me­di­zin einbezieht. Beim Kampf gegen die Folgen des Klimawandels seien regionale „community based“-Lösungen nötig, so Ghebreyesus.

Flavia Bustreo, Italien
Flavia Bustreo bewirbt sich aus der WHO heraus für das Amt der Generaldirektorin. Sie ist im Augenblick Vizedirektorin für Familien-, Frauen- und Kinder­gesundheit und Vize­vorsitzende des WHO-Experten­gremiums der Impfinitiative Gavi. Sie hat mit ihrer bishe­rigen Tätigkeit die Strategie der Vereinten Nationen im Bereich Frauen- und Kinder­ge­sundheit sowie der Familienpolitik mitgeprägt. Ihre Arbeit bei der WHO konzentrierte sich in den vergangenen Jahren auch auf die Bekämpfung der Tuberkulose, insbe­son­dere der multiresistenten Tuberkulose. Bustreo hat in Padua, Italien, Medizin studiert.

Als größte Herausforderungen für die Gesundheit der Welt bezeichnet sie humanitäre Katastrophen, die in Verbindung stehen mit der Armut und den großen sozialen Unter­schieden weltweit. Eine zweite große Herausforderung sei, dass die internationale Ge­meinschaft im Augenblick nur sehr langsam auf die starken Verbindungen zwischen dem Klimawandel und der Gesundheit der Menschen reagiere. Eine dritte Heraus­forderung sei der demografische Wandel in vielen Ländern der Welt, also das zunehmende Durchschnittsalter der Menschen.

Bustreo möchte darauf reagieren, indem sie die weltweiten Frühwarninstrumente weiter reformiert und so eine schnelle Antwort auf internationale Gesundheitsheraus­forderun­gen möglich macht. Sie fordert außerdem eine Forschungsagenda, um die Auswirkun­gen des Klimawandels auf die Gesundheit transparenter zu machen. Beim Thema De­mografie setzt sie auf neue Konzepte, die ältere Menschen dabei unterstützen, länger als bislang am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben.

Philippe Douste-Blazy, Frankreich
Der in Lourdes geborene Mediziner Philippe Douste-Blazy übernahm 1988 mit 35 Jahren eine Professur für Epidemiologie, Prävention und Gesundheitswirtschaft in Toulouse. Er war Minister für Gesundheit und soziale Sicherheit und wechselte später unter Domini­que de Villepin ins Außenministerium. Von 2005 bis 2007 war er Außenminister Frank­reichs.

Als weltweit größte Herausforderungen für die Gesundheitssysteme sieht er das Risiko für Epidemien, die steigende Prävalenz nicht übertragbarer chroni­scher Erkrankungen wie Diabetes und eine abnehmen­de internationale Solidarität bei Gesundheitsfragen als Folge einer zunehmenden globalen Öko­nomi­sierung.

Er verspricht, bei den Frühwarnsystemen aus der Vergangenheit zu lernen, zum Beispiel aus der Ebolakrise. Gegen chronische Erkrankungen möchte er evidenzbasierte Hand­lungsleitlinien entwickeln, die einen Schwerpunkt im Bereich der Prävention haben. Außerdem will Douste-Blazy die Länder dabei unterstützen, Gesundheitssysteme aufzu­bauen, die allen Einwohnern einen Zugang zur Gesundheitsversorgung ermöglichen.

David Nabarro, UK
Nabarro studierte in Oxford und London Medizin und erhielt seine Approbation 1973. Er leitete die Maß­nahmen der Vereinten Nationen gegen den Cholera-Ausbruch 2010 in Haiti und war Koordinator der Vereinten Nationen bei der Ebolakrise 2014.

„Armut, soziale Ungleichheit und schwache Regierun­gen sind eine Gefahr für die Gesundheit der Men­schen“, sagte er. Diese werde untergraben, wenn die Bevölkerung keinen Zugang zu einem adäquaten Einkommen, ausgewogener Ernährung, Trinkwasser und sanitären Einrichtungen habe. Die zweite große Herausforderung seien Infektions­krankheiten und ihre epidemische Ver­breitung. Als dritte globale Herausforderung sieht der Brite die niedrige Priorität für Gesundheit und Gesundheitsversorgung in vielen Län­dern der Welt: Werde der Gesundheit nicht genügend Aufmerksamkeit geschenkt, dann steige die Wahrscheinlichkeit, dass die Menschen an schweren Krankheiten litten und in der Folge noch ärmer würden, als sie es schon sind, so sein Statement.

Als eine Folge möchte er sich als WHO-Generaldirektor auf drei Dinge fokussieren: die Agenda für 2030, den One-Health-Ansatz und politische Unterstützung für die Gesund­heitssysteme in den Ländern. Den One-Health-Ansatz zur Bekämpfung von Antibiotika-Resistenzen und Infektionskrankheiten bezieht er nicht nur auf die Zusammenarbeit mit der Veterinärmedizin, sondern auch auf den Austausch der Länder untereinander, den er weiter ausbauen möchte. „Es ist wichtig für die WHO sicherzustellen, dass die Politik der Gesundheit der Menschen genügend Aufmerksamkeit schenkt“, betonte er.

Sania Nishtar, Pakistan
Sania Nishtar studierte Medizin am Khyber Medical College in Pakistan. Zwischen 1994 und 2007 arbeitete sie als Kardiologin am Pakistan Institute of Medical Sciences. Zwischenzeitlich war sie am Guy's Hospital und dem King's College in London tätig. Nishtar gründete 1998 einen Think-Tank namens Heartfile in Islamabad, der die Politik berät. Seit 2014 ist sie Co-Vorsitzende der WHO-Kommission gegen Übergewicht bei Kindern.

Als globale Herausforderung sieht sie den Ausbruch und die epidemische Verbreitung von Infektions­krankheiten und die steigende Prävalenz nicht übertragbarer Erkrankun­gen. „Dieses, zusammen mit der langfristigen Bedrohung durch den Klimawandel, könnte die Fort­schritte bei der Gesundheitsversorgung des vergangenen Jahrhunderts ausradieren“, warnte sie.

Beim Kampf gegen Infektionskrankheiten und Antibiotikaresistenzen setzt sie auf bereits begonnene Programme der WHO und sieht hier eine große Bereitschaft der Mitglieds­län­der zur Zusammenarbeit und zur Umsetzung von Maßnahmen. „Eine globale Antwort auf die Herausforderungen durch die nicht übertragbaren Erkrankungen liegt dagegen in weiter Ferne“, sagte sie. Es sei eine Aufgabe der WHO, die Politik auf diese Heraus­for­de­rungen hinzuweisen und Maßnahmen einzufordern. „Von der WHO muss ein lauter Ruf nach mehr Zusammenarbeit zwischen Regierungen und anderen internationalen Partnern ausgehen“, schrieb sie.

Miklós Szócska, Budapest
Miklós Szócska studierte Medizin an der Semmelweis Universität in Budapest und appro­bierte 1989. Sein besonderes Interesse liegt im Management von Gesundheitseinrich­tun­gen: In diesem Bereich arbeitete er an der Harvard-Universität in Boston und machte eine PhD im Bereich „Change Management“ in Budapest. Er gründete – mit Unter­stütz­ung der Weltbank – in Budapest das „Health Services Management Training Centre“. Von 2010 bis 2014 war er für eine Wahlperiode Ge­sund­heits­mi­nis­ter von Ungarn.

Die Antwort auf die Frage nach den drei größten globalen Gesundheitsherausforde­run­gen hat Szócska mehrfach unterteilt: Zunächst seien da die Folgen des Klimawandels, der Wasserknappheit und damit einhergehender neuer Erkrankungen und Pandemien.
Wichtig sei zweitens ein zunehmend verantwortungsloses Handeln der Menschen. „Wir sollten über Konsumdenken, Marketing und Geschäftsmodelle im Bereich der Ernäh­rung aber auch der Medikamentenversorgung nachdenken“, forderte er. Geschäfts­modelle, die zunehmend kurzfristige ökonomische Ziele verfolgten, statt langfristige Werte umzu­setzen, gefährdeten die Gesundheit der Menschen.

Die dritte von ihm gesehene große Herausforderung bezeichnet er als paradox: Sie be­zieht sich auf die neuen großen Datenmengen und deren Verfügbarkeit im Gesundheits­wesen. Sie böten einerseits große Chancen für Forschung und Versorgung. „Auf der an­deren Seite birgt diese Entwicklung die Gefahr, dass unsere Genomdaten und Persön­lich­keitskennzeichen zu Marketingprodukten werden“, warnte er.

Er gibt zu: „Diese Herausforderungen an die Gesundheit sind größer, als eine einzelne Organisation jemals bewältigen kann“. Er werde das Amt daher dafür nutzen, effektive Partnerschaften zwischen Ländern und Organisationen voranzutreiben. Wichtig sei außerdem, neue Geschäftsmodelle für Gesundheitstechnologien und die Medizin all­gemein zu entwickeln, die nachhaltig seien. „Wir sollten außerdem die Herausforderung annehmen, für die Gesundheit wieder die Priorität bei politischen und ökonomischen Entscheidungen einzufordern“, so sein Appell. © hil/aerzteblatt.de

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