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Medizin

Placebo: Selbst die wissentliche Einnahme lindert Rückenschmerzen

Montag, 17. Oktober 2016

/ Joerg Kleinschmidt pixelio.de

Boston – Placebos helfen selbst Patienten, die sich der Scheinmedikation bewusst sind. Was sich zuvor bereits beim Reizdarmsyndrom zeigen ließ und in kleineren Pilotstudien auch für Patienten mit dem Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom und Depressionen, konnten Forscher in einer aktuellen Studie jetzt auch bei Rückenschmertzpatienten nachweisen. Die Ergebnisse wurden in Pain publiziert (doi:10.1097/j.pain.0000000000000700).

Lange Zeit gingen Forscher davon aus, dass die Wirkung von Placebo im Glauben der Patienten an die pharmakologische Wirksamkeit des wirkstofflosen Medikaments begründet liegt. Doch einige Studien zeigen, dass auch vorab informierte Patienten profitieren. Bei Schmerzen im unteren Lendenwirbelbereich berichteten die Probanden der Studie häufiger von einer Besserung der Schmerzen, wenn die traditionelle Behandlung mit einer Placebomedikation verabreicht wurde. Unter der traditionellen Behandlung verstehen die Autoren die Medikation, die die Teilnehmer auch schon vor der Teilnahme an der Studie zu sich nahmen.

„Es könnte das Ritual der Medikamenteneinnahme im Klinikumfeld sein, das die Symptome verändert und die entsprechenden Hirnregionen aktiviert,“ vermutet der Senior-Autor Ted Kaptchuk, Direktor des Programms für „Placebo Studies and the Therapeutic Encounter“ am Beth Israel Deaconess Medical Center und außerordentlicher Professor an der Harvard Medical School in Boston. (Original-Zitat: „Taking a pill in the context of a patient-clinician relationship - even if you know it's a placebo - is a ritual that changes symptoms and probably activates regions of the brain that modulate symptoms.“)

Zusammen mit Forschern aus Lissabon vom Instituto Superior de Psicologia Aplicada (ISPA) führten die Autoren die Studie mit fast 100 Probanden durch, die an chronischen Rückenschmerzen im unteren Lendenwirbelbereich litten. Fast 90 % der Teilnehmer nahmen bereits zuvor nicht steroidale entzündungshemmende Mittel (NSAIDS) gegen ihre Schmerzen ein und durften diese auch wie gehabt weiter nehmen. Patienten, die Opiode erhielten wurden hingegen von der Studie ausgeschlossen.

Zu Beginn erhielten alle eine 15-minütige Aufklärung über die Effekte von Placebos. Anschließend wurde eine Gruppe mit sichtbar beschrifteten Placebos therapiert (open-label placebo, OLP). Zwei Kapseln auf Basis mikrokristalliner Cellulose täglich lautete die Anweisung auf der Placebo-Pillen-Flasche. Den anderen Probanden verschrieb der Arzt keine Therapie zusätzlich zu den bereits vorhandenen Medikamenten (beispielsweise NSAIDS; TAU-Gruppe, treatment as usual).

Nach drei Wochen berichteten etwa 30 % der Teilnehmer mit normalen oder starken Schmerzen der Placebogruppe über eine deutliche Linderung. In der Gruppe, die außer der herkömmlichen Behandlung keine Placebopillen erhalten hatte, berichteten nur 9 bis 16 % über diesen Effekt. Bei den Betroffenen mit leichten Rückenschmerzen nahmen die Beschwerden in der TAU-Gruppe sogar um 25 % zu, während sie in der OLP-Gruppe um 16 % abnahmen. Die Teilnehmer, die die Scheinmedikation einnahmen, berichteten bei der telefonischen Befragung zudem häufiger, dass sie sich durch die Schmerzen weniger im Alltag behindert fühlen würden (29 % versus 0,02 %).

So erfolgreich sich selbst die bewusste Placebointervention in ersten Studien bei Rückenschmerzen oder dem Reizdarmsyndrom zeigt. „Einen Tumor werden wir mit dieser Methode nie verkleinern, ebenso wenig kann ein Placebo verstopfte Arterie wieder öffnen,“ räumt Kaptchuk ein. © gie/aerzteblatt.de

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