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Medizin

Oxytocin: Warum Weibchen schlechter mit Stress umgehen können

Freitag, 21. Oktober 2016

Aktivierte Oxytocin Rezeptor Interneurone in rot / Laboratory of Molecular Biology at Rockefeller University/ Cell

New York – Ähnlich wie bei Menschen bewältigen auch bei Mäusen die Männchen Stress besser als Weibchen. Eine mögliche Ursache dafür auf molekularer Ebene haben Forscher der Rockefeller University jetzt entdeckt. Im Mittelpunkt dabei stehen Oxytocin Rezeptor Interneurone (OxtrINs) und das von diesem Nervenzelltyp häufig exprimierte Corticotropin Releasing Hormon Bindeprotein (CRHBP). Derselbe durch Oxytocin induzierte Signalweg reduziert bei männlichen Mäusen Angst, während bei den weiblichen Mäusen das Sozialverhalten zunimmt. Ihre Ergebnisse publizierten die Forscher diese Woche in Cell (2016; doi: 10.1016/j.cell.2016.08.067). Die Erkenntnis könnte den Weg für neue Therapien von Angststörungen ebnen, schlussfolgern die Autoren.

Bei beiden Geschlechtern ist es der gleiche Typ Nervenzelle, der die Stressantwort steuert. Und dennoch können Männchen besser mit Stress umgehen als Weibchen. Bei den entscheidenden Nervenzellen handelt es sich um die OxtrINs, die zwei andere Nerven­zellen miteinander verschalten. Sie produzieren vor allem CRHBP, einen Anta­go­nisten des Stresshormons CRH.

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Tatsächlich waren männliche Mäuse weniger ängstlich, wenn Oxtr-Interneurone aktiviert waren. Sie verließen häufiger eine geschützte Versuchsumgebung als Kontrollmäuse, erklärt Nathaniel Heintz, Leiter des Laboratory of Molecular Biology und Forscher am Howard Hughes Medical Institute. Bei den weiblichen Mäusen hingegen ließ sich die Angst durch Stimulation dieses Nervenzelltyps nicht drosseln. Sie blieben in der sicheren Umgebung, egal, ob die Oxtr-Interneurone aktiviert waren oder nicht. „Es kommt selten vor, dass ein bestimmter Zelltyp durch ein und denselben Stimulus aktiviert wird und dennoch genderabhängig zu unterschiedlichen Verhaltensweisen führt“, sagt Heintz.

Signalweg

Weibchen:

Oxytocin stimuliert die Produktion von CRHBP auf OxtrIN – CRH bindet an CRHBP und kann nicht verhindern, dass CRH Stress verursacht, da zu viel CRH vorhanden ist – Angst und Stress werden nicht reduziert, soziales Verhalten nimmt zu.

Männchen:

Oxytocin stimuliert die Produktion von CRHBP auf OxtrIN – CRH bindet an CRHBP und verhindert so, dass CRH Stress verursacht – Angst und Stress nehmen ab, Sozialverhalten ändert sich kaum.

Abkürzungen:

Corticotropin-releasing-hormone-binding protein (CRHBP) – es reduziert Stress und Angst, indem es CRH bindet.

Corticotropin-releasing-hormone (CRH) – Antagonist zu CRHBP

Oxytocin receptor interneurons (OxtrINs)

Gleicher Signalweg, verschiedene Befindlichkeiten
Warum der gleiche Signalweg über das Corticotropin-Releasing-Hormon-Binding-Protein unterschiedliche Verhaltensweisen verursacht, konnten die Forscher ebenfalls beant­worten. Sie beobachteten in weiblichen Nervenzellen von Mäusen höhere Ausgangslevel des Antagonisten CRH, das den Umgang mit Stress und Angst positiv beeinflusst, wenn es nicht durch CRHBP blockiert wird. In männlichen Mäusen wurde das CRH-Level vermutlich auf einem niedrigeren Niveau gehalten.

Zwar ist bekannt, dass soziales wie auch emotionales Verhalten sich in den Geschlechtern unterscheidet. Autismus tritt beispielsweise häufiger bei Männern auf, während Verhaltensstörungen, die auf Angst beruhen, eher Frauen betreffen. Bei Frauen begünstigt Oxytocin die Mutter-Kind-Bindung und Teamarbeit. Die ursächlichen Mechanismen im Gehirn dafür waren bisher aber kaum bekannt.

Optogenetik-Versuche bei Mäusen
Mittels Optogenetik hatten die Forscher vom Howard Hughes Medical Institute untersucht, wie die männlichen OxtrINs​ auf verschiedene angstauslösende Situationen reagierten. Die Methode ermöglicht es, ausgesuchte Neuronengruppen schlagartig mittels Licht zu aktivieren und so Axone und Synapsen im intakten Gehirngewebe zu untersuchen.

© gie/aerzteblatt.de

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