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Politik

Morbi-RSA: BVA-Chef hofft auf baldigen Evaluationsauftrag

Dienstag, 25. Oktober 2016

Berlin – Experten für die Finanzierung der Krankenkassen sind sich immer mehr darüber einig, dass es möglichst bald eine Gesamtevaluation des morbiditätsorientierten Risiko­strukturausgleich (Morbi-RSA) geben müsse. „Ich hoffe, dass das Bundesgesund­heits­mi­nis­terium uns bald den Auftrag dazu gibt“, erklärte Frank Plate, Präsident des Bundes­ver­sicherungsamtes (BVA), auf der Tagung „Health 2016“ des Handelsblatts in Berlin.

In der aktuellen Diskussion um „Schummeln“ bei Diagnosen sowie Betreuungsstruktur­verträgen sieht der BVA-Chef keine heftigen Verwerfungen. So gehören Betreuungspau­schalen beispielsweise bei den Selektivverträgen in der Hausarztzentrierten Versorgung dazu, auch das Kodieren werde bereits im Sozialgesetzbuch als Pflicht der Ärzte thema­ti­siert. Aber auch er hält einheitliche bundesweite Kodiermaßstäbe für sinnvoll.

Plate sieht zudem keine unterschiedlichen Prinzipien bei der Kassenaufsicht auf Bundes- und Landesebene. „Die Linie der Aufsicht ist geschlossener, als es oft beschrieben wird. Wir haben eine regelmäßig tagende Arbeitsgruppe der Landes­aufsichten und dem BVA und auch dort beschäftigen wir uns mit diesen Themen.“ TK-Chef Jens Baas hatte vor zwei Wochen mit einem Zeitungsinterview für Aufsehen gesorgt, in dem er erklärte, alle Kassen würden bei Diagnosen „schummeln“, um mehr Geld aus dem Gesundheitsfonds zu erhalten.

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Auf der Konferenz lobten viele Experten die bisherige Funktionsweise des Morbi-RSA. Auch aus Kreisen der Gesundheitspolitik kam Zuspruch: „Auch wenn ich kein Freund vom Morbi-RSA war, funktioniert er doch einigermaßen gut“, erklärte Annette Wid­mann-Mauz (CDU), parlamentarische Staatssekretärin im Bundesgesundheits­minis­te­rium. „Auch im internationalen Vergleich hat der deutsche RSA eine überdurchschnittlich hohe Zielgenauigkeit“, sagte sie weiter. Ob es nun zu einem baldigen Auftrag der Politik zur Evaluation des RSA kommt, ließ sie offen, zeigte sich aber gesprächsbereit. „Man muss offen sein, den RSA weiterzuentwickeln. Wir werten derzeit die bereits vorgelegten Gutachten aus und entscheiden dann, ob wir etwas verändern müssen.“

RSA hat acht Reformbaustellen
Dass diese Veränderung kommen muss, machte eine Diskussionsrunde auf der Tagung deutlich. Jürgen Wasem, Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirates des BVA und Ge­sundheitsökonom an der Universität Duisburg-Essen, zeigte acht Reformbaustellen auf, die aktuell beim RSA diskutiert werden.

Dazu zählen die Wertung von Arzneimitteln bei der Therapie, die Problematik der Aus­lands­versicherten, der Empfänger von Erwerbminderungsrenten sowie die Krankengeld­zuweisungen. Als ein „unerschöpfliches Thema“ bezeichnete Wasem die Reform­baustelle der Krankheitslisten: Dabei werden Krankenkassen für ihre Versicherten zusätzliche Gel­der zugewiesen, wenn sie eine von 80 Diagnosen beim Arzt erhalten. Eine Reduzierung der Liste auf 30 bis 50 Krankheiten sei dabei keine zielführende Idee, meint Wasem.

Der Gesundheitsökonom stellte auch das Reformfeld „Regionalfaktor“ vor, das „ein ganz heiß diskutiertes Thema“ sei. Schnellschüsse seien aus seiner Sicht nicht möglich, es müsse „gründlich diskutiert“ werden, wie Unterschiede in der regionalen Kostenstruktur zustande kommen.

Als achte Reformbaustelle nannte Wasem den Hochrisikopool, der speziell teure Krankheiten abbilden soll. Dieser wurde vor einigen Jahren als „Entbüro­kra­tisierungsmaßnahme“ abgeschafft, damals auch auf Betreiben von Widmann-Mauz. Aus der Sicht von Wasem zeigen alle Einzelvorschläge, dass es sehr viele Variablen und damit viele Interdependenzen bei den Diskussionsvorschlägen gibt. Auch daher plädierte er für eine zügige Evaluation.

Trotz der unterschiedlichen Ergebnisse aller bislang vorgetragenen Studien sei man sich im Kern einig, erklärte auch IGES-Institutsleiter Karten Neumann: Das System müsse wei­ter­entwickelt werden und entsprechende wissenschaftliche und rechnerische Parameter für die bessere Abbildung von Morbidität gefunden werden. Auch der Chef des AOK-Bun­­des­ver­bands Martin Litsch sah, „dass wir eigentlich alle unglaublich nah bei­einander sind“.

Doch im Detail konnten sich in der Diskussion die verschiedenen Kassenarten weiterhin nicht auf eine Lesart verständigen, wie die unterschiedlichen Geschäftsergebnisse der Krankenkassen zustande kommen. Neumann plädierte dafür, stärker die wirtschaftlich er­folgreichste und schlechteste Kasse in jeder Familie zu prüfen und somit heraus­zufinden, wie viel Einfluss gutes Management auf das finanzielle Ergebnis hat.

Die großen Hoffnungen, dass aus der Gesundheitspolitik möglichst zügig ein Evaluie­rungs­auftrag zum Morbi-RSA raus geht, wurden allerdings am Ende der Runde getrübt: Während die gesundheitspolitische Sprecherin der Grünen, Maria Klein-Schmeink, sich vehement für eine Evaluation aussprach, erklärte CDU-Gesundheitspolitikerin Karin Maag, dass sie noch weitere Gutachten abwarten und erst in der kommenden Legislatur periode über einen Auftrag entscheiden wolle. © bee/aerzteblatt.de

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