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Ärzteschaft

Streit um die Osteopathie

Donnerstag, 27. Oktober 2016

Berlin/Boppard – Bei der Diskussion um das sogenannte dritte Pflegestärkungsgesetz ist hinter den Kulissen ein scharfer Streit zwischen Osteopathie-Verbänden auf der einen Seite und der Ärzteschaft sowie den Physiotherapeuten andererseits entbrannt.

Zusammengefasst geht es darum, dass die Osteopathie-Verbände sich dagegen wehren, dass das von ihnen vertretene Verfahren in den Katalog der krankengym­nastischen Behandlungstechniken aufgenommen und Pflichtgegenstand der Physiotherapie-Ausbildung wird. Sie fordern daher in einem gemeinsamen Positionspapier ein Berufsgesetz für Osteopathen.

Dieses Gesetz soll die Ausbildung und die Berufsausübung festschreiben und die Osteopathie als eigenen Heilberuf konstituieren. „Letztlich geht es den Verbänden um den Primärzugang, also um die Versorgung von Patienten ohne dass Ärzte oder Physiotherapeuten daran beteiligt sind“, warnt Matthias Psczolla, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Manuelle Medizin (DGMM).

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Die DGMM hatte bereits im Januar 2016 gemeinsam mit der Bundes­ärzte­kammer (BÄK) und der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie (DGOU) umrissen, welchen Stellenwert osteopathische Verfahren haben sollten und wie sie in die Behandlungskette aufgenommen werden könnten. „‘Osteopathische Therapie‘ ist eine Ergänzung und Erweiterung der ‚Manuellen Therapie‘, keinesfalls ein eigenes neues System oder gar ein völlig anderes Heilmittel oder eigenes Berufsfeld, das Ärzte und Physiotherapeuten nicht gemeinsam abdecken könnten“, heißt es darin.

„Der augenblickliche Verstoß der Osteopathie-Verbände dagegen ist ein scharfer Angriff gegen die Expertise von Ärzten und Physiotherapeuten, die man in der politischen Lobbyarbeit als unfähig darstellt, die Bevölkerung adäquat zu versorgen“, sagte Psczolla dem Deutschen Ärzteblatt.

Die manuelle Therapie ist bekanntlich im Heilmittelkatalog verankert. „Ein bewährtes System: Der Arzt stellt befundorientiert die medizinische Diagnose, schließt Kontraindikationen aus und verordnet ‚Manuelle Therapie‘ auf Rezept“, heißt es in der Stellungnahme von BÄK und Fachgesellschaften.

Dieses bewährte Verfahren sei allerdings bei der Erweiterung der manuellen Medizin – eben den osteopathischen Verfahren – so noch nicht möglich. Physiotherapeuten, die sich entsprechend fortbildeten, hätten aus juristischen Gründen im Augenblick nur die Möglichkeit, ihre Zusatzkenntnisse in „Osteopathischer Therapie“ als Heilpraktiker auszuüben. Dies sei paradox und nicht im Sinne der Patienten. Die Ärzteschaft plädiert daher sehr deutlich dafür, die Regelungen der manuellen Therapie auf die Osteopathie auszudehnen.

Teure Ausbildungsgänge zum Osteopathie-Heilpraktiker wären damit in ihrer Attraktivität eingeschränkt. Schlecht stehen die Chancen für Ärzteschaft und Physiotherapeuten in der Auseinandersetzung nicht: Im „Änderungsantrag 33“ der Fraktionen CDU/CSU und SPD zur Änderung der Ausbildungs- und Prüfungsverordnung für Physiotherapeuten heißt es: „Die ‚Osteopathie‘ wird in den Katalog der krankengymnastischen Behandlungs­techniken, die Pflichtgegenstand der Ausbildung gemäß Ausbildungs- und Prüfungsverordnung sind, im Umfang von 60 Stunden aufgenommen.“

Die Stellungnahme der DGMM zu dem Änderungsantrag fällt knapp und deutlich aus: „Diese Gesetzänderung wird in Art und Umfang ausdrücklich begrüßt, wenn man den völlig unbestimmten Begriff der ‚Osteopathie‘ durch den Begriff der ‚Osteopathischen Verfahren‘ ersetzt“, heißt es dort.

© hil/aerzteblatt.de

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Avatar #691359
Staphylococcus rex
am Sonntag, 13. November 2016, 19:12

Der Wirkmechanismus fast aller alternativmedizinischen Behandlungsmethoden

... ist das damit verbundene Ritual. Schon lange vor der Schulmedizin gab es eine Heilkunde. Durch das Zusammenspiel der Selbstheilungskräfte des menschlichen Körpers mit etwas Kräuterkunde, etwas Chirotherapie und einigen bewährten Ritualen kann man zahlreiche Krankheitszustände erfolgreich managen, insbesondere die aus dem psychosomatischen Formenkreis. Das ist die Arbeitsweise von Medizinmännern bei Naturvölkern und von Heilpraktikern in unserer „aufgeklärten Zivilisation“.

Die Macht von Ritualen sollte nicht unterschätzt werden, nicht umsonst gehören bei den großen Religionen neben den religiösen Dogmen die damit verbundenen Rituale zu den Kernelementen einer Religion. Selbst die katholische Kirche wirbt damit, dass ihre Rituale einen günstigen Einfluss auf psychische Erkrankungen haben: http://kath.net/news/40750

Wenn man bei einem alternativmedizinischen Therapiekonzept wissen möchte, ob neben dem Ritual spezifische Wirkmechanismen existieren, dann sollte man schauen ob es bei einer Abweichung von der „reinen Lehre“ einen Dosis-Wirkungseffekt gibt. Bei der Akupunktur wären das Abweichungen bei der Platzierung der Nadeln, bei der Homöopathie Abweichungen bei der „Potenzierung“ der Inhaltsstoffe. Welche Abweichungen bei der Osteopathie sinnvoll wären, kann ich nicht sagen, da das ganze Konzept aus meiner Sicht nicht schlüssig ist: https://de.wikipedia.org/wiki/Osteopathie_(Alternativmedizin) Das größte Problem bei der Suche nach derartigen Dosis-Wirkungseffekten dürfte die Verblindung sein. Tabletten kann man gleich gestalten, bei Ritualen muss zumindest der Ausführende über seine Tätigkeit genau Bescheid wissen.

Wenn aber das Ritual eine nebenwirkungsarme Therapieform ist, sollte es dann in die Schulmedizin eingebunden werden? Einfache Rituale sind ja bereits lange Bestandteil der Schulmedizin. Bei einem Händedruck bekommt man zusätzlich einen Überblick über die Motorik des Patienten. Die Blutdruckmessung dient nicht nur der Erfassung eines Messwerts (Blutdruck) sondern auch der Feststellung der Stimmungslage, der räumlichen und zeitlichen Orientierung sowie der aktiven Einbeziehung des Patienten in eine therapeutische Strategie. Diese einfachen Rituale sind also ein wichtiger Bestandteil der nonverbalen Kommunikation zwischen Arzt und Patient.

Bei ritualisierten Therapieformen bin ich dagegen ambivalent. Einerseits könnte man sagen, was dem Patienten hilft, das ist gut. Andererseits habe ich für einen Widerspruch keine Lösung: Damit das Ritual wirkt, muss der Therapeut von dessen Wirksamkeit überzeugt sein. Andererseits kann kein Ritual eine ernsthafte organische Erkrankung heilen, um also im richtigen Moment auf eine adäquate schulmedizinische Therapie zu wechseln, ist eine kritische Grundhaltung gegenüber dem Ritual erforderlich. Solange man nicht weiß, wie man gleichzeitig von einem Ritual überzeugt sein kann („der Arzt als Droge“) und gleichzeitig die notwendige professionelle Distanz wahren kann, solange würde ich von einer Vermischung von Schulmedizin und Alternativmedizin abraten.
Avatar #79783
Practicus
am Freitag, 11. November 2016, 21:43

Nur, weil es

... Kurse gibt, ist eine obskure Behandlungsmethode noch nicht wissenschaftlich anerkannt. In Akupunktur und Homöopathie kann man auch Kurse belegen und Diplome erwerben...
Bitte erst eine zumindest theoretische Erklärung für die Art der Wirkung und wie diese zustande kommt, ohne dass die die Grundlagen der Naturwissenschaft umgeschrieben werden müssen...
Wer heilt, hat nur dann recht, wenn er das auch beweisen kann!
Avatar #719544
PM13
am Donnerstag, 10. November 2016, 23:49

Was gut ist, setzt sich durch.

die Osteopathie hat sich in den letzten 100 Jahren sehr gut
durchsetzen und weiterentwickeln können. Viele Manualtherapeuten
bilden sich in Osteopathie weiter und belegen Postgraduierten-
kurse.Sicher nicht aus Langeweile oder um irgendwelche Titel zu
erringen.Der Spaß an der Arbeit,die Effektivität und die
Zufriedenheit der Patienten sind nicht mit dem abarbeiten von Verordnungen in der Physiotherapie vergleichbar.
Kreatives Arbeiten mit den Patienten ist ein Trend der sich nicht aufhalten lässt.Die Patienten suchen danach und finden
Behandler die gut sind. Die 60 Stunden Osteopathie in der Physiotherapie kann ich nur begrüßen denn es macht den jungen Kollegen garantiert Lust auf mehr.
Die Osteopathie in Kombination mit dem HP abzuwürgen wird wohl
nicht gelingen.

Was gut ist, setzt sich durch.
Avatar #719413
lnx09
am Montag, 7. November 2016, 10:41

Qualifizierte Aussagen

Während die Osteopathie im Ausland im Ausland anerkannt ist,
und auch bereits viele Osteopathen in Krankenhäusern mit Ärzten zusammen arbeiten, hat der deutsche Arzt angst?!
Scheinbar auch berechtigt.

Aber typisch eben. Studium absolvieren, und dann hinterm Schreibtisch verstecken, und ordentlich Antibiotika verordnen ist einfacher, als sich in qualifizierte Fortbildungen begeben.

Gott sei Dank, gibt es auch andersdenkende Ärzte.
Avatar #79783
Practicus
am Freitag, 28. Oktober 2016, 21:05

Alles

was an der Osteopathie nutzbringend ist, wurde schon vor ewigen Zeiten als Chirotherapie in den Leistungskataog der GKV aufgenommen.
Der Rest ist eher verwandt mit Fußreflexzonenmassage und Reiki... ein Skandal, dass dafür von der GKV höhere Stundensätze gezahlt werden als für Psychotherapie
Avatar #555822
j.g.
am Donnerstag, 27. Oktober 2016, 21:19

mystische 'Medizin'

Es sollte langsam zum Allgemeinwissen zählen, daß Osteopathie, Homöopathie, Irisdiagnostik und Vergleichbares noch weniger wirksam sind als Gesundbeten. Unbegreiflich, daß sich Krankenkassen und Ärztekammern mit dieser Materie (wohlwollend) beschäftigen.
Die teuren "Ausbilder" dieser Diszipline bewegen sich auf dem ethischen Niveau eines Inkassovereins.
LNS

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