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Politik

NRW: Landesregierung will Pharmaversuche in Kinderheimen aufklären

Donnerstag, 27. Oktober 2016

Düsseldorf/Köln – Die Medikamentenversuche an Minderjährigen in Einrichtungen der Ju­gend- und Behindertenhilfe in Nordrhein-Westfalen zwischen 1950 und 1970 sollen nach dem Willen der nord­rhein-westfälischen Landesregierung umfassend aufgeklärt werden. Daran müsse sich eine rasche Entschädigung der Opfer anschließen, erklärte NRW-Gesundheits­ministerin Barbara Steffens (Grüne) gestern im Gesundheitsaus­schuss des Düsseldorfer Land­tags. Die Regierung werde ein unabhängiges Experten­gre­mium einsetzen, um die Vor­würfe gegen Heime, Jugendhilfe und Pharmaunternehmen zu untersuchen.

Unterdessen kündigte auch der Landschaftsverband Rheinland (LVR), der als Landes­ju­gendamt seit 1963 die Aufsicht über alle Jugendhilfeeinrichtungen im Rheinland führte und damals eigene Einrichtungen betrieb, eine wissenschaftliche Aufarbeitung an. „Wir sind zutiefst erschüttert von den Berichten Betroffener“, erklärten LVR-Direktorin Ulrike Lubek und der Vorsitzende der Landschaftsversammlung Rheinland, Jürgen Wilhelm, in Köln.

„Derzeit schauen wir in eine riesengroße Blackbox, wir wissen noch nicht sehr viel“, sagte Steffens. Neben den Verantwortlichen müssten auch die Opfer ausfindig gemacht wer­den. Auch eine mögliche Mitverantwortung von Landesbehörden sei zu klären.

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Die Krefelder Pharmazie-Doktorandin Sylvia Wagner hatte aufgedeckt, dass es zwischen den 1950er und 1970er Jahren mindestens 50 Medikamentenversuchsreihen in deut­schen Kinderheimen gab. Dabei soll es vor allem um die Erprobung von Psychopharma­ka und Impfstoffen gegangen sein.

Steffens erklärte, in mindestens einem Fall gebe es Hinweise, dass ein Neuroleptikum auf ausdrücklichen Wunsch der Jugendhilfe eingesetzt wurde, um Kinder ruhiger und lernfähiger zu machen. Der Fall in Düsseldorf habe vor einigen Jahren bereits die Bun­desregierung beschäftigt. Konkrete Vorwürfe beziehen sich auch auf das katholische Kinderheim Franz-Sales in Essen, die Bodenschwinghschen Anstalten in Bielefeld-Bethel und die Rheinische Landesklinik für Jugendpsychiatrie in Viersen-Süchteln.

Laut LVR wird voraussichtlich ab Januar die von Bund, Ländern und Kirchen initiierte „Stiftung Anerkennung und Hilfe“ ihre Arbeit aufnehmen. Sie richtet sich an Menschen, die zwischen 1949 und 1975 in Einrichtungen für Behinderte und psychisch Kranke Unrecht erfahren haben. Die Stiftung soll Betroffene beraten und Geldleistungen zur Verfügung stellen.

© kna/aerzteblatt.de

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