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Medizin

Migräne: Placebos in Vergleichsstudie bei Kindern mit ausgezeichneter Wirkung

Freitag, 28. Oktober 2016

dpa

Cincinnati – Überraschendes Ergebnis einer randomisierten Doppelblindstudie zur Behandlung von Migräne-Kopfschmerzen bei Kindern und Jugendlichen: Nicht die von US-Pädiatern derzeit zur Prophylaxe bevorzugten Medikamente erzielten die beste Wirkung. Placebos waren laut der Publikation im New England Journal of Medicine (2016; doi: 10.1056/NEJMoa1610384) mindestens ebenso gut wirksam und deutlich besser in der Verträglichkeit.  

Mehr als sechs Millionen Kinder und Jugendliche in den USA leiden regelmäßig unter Kopfschmerzen. Die Pädiater stellen häufig die Diagnose einer Migräne und verordnen zur Kopfschmerz-Prophylaxe Medikamente, die sich in der Behandlung von Erwachse­nen bewährt haben. US-Pädiater berichteten in einer Umfrage über besonders gute Ergebnisse mit Amitriptylin, einem trizyklinischen Antidepressivum, oder mit Topiramat, einem Antiepileptikum.

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Der Childhood and Adolescent Migraine Prevention Trial (CHAMP) sollte klären, welches der beiden Medikamente die bessere Wirkung erzielt. An der Studie nahmen 361 Kinder und Jugendliche im Alter von 8 bis 17 Jahren teil, bei denen die Ärzte eine Migräne diagnostiziert hatten. Die Kinder litten an durchschnittlich 11 Tagen von vier Wochen unter Kopfschmerzen. Eltern und Patienten beurteilten die Auswirkungen mit durch­schnittlich 41 Punkten im PedMIDAS-Fragebogen, der von Null bis 250 reicht und ab 50 Punkte eine sehr starke Beeinträchtigung anzeigt.

In der Studie wurde ein Drittel der Kinder über 24 Wochen mit Amitriptylin (1 mg/kg/die) behandelt. Ein weiteres Drittel nahm Topiramat (2 mg/kg/die) ein. An die dritte Gruppen wurden Placebos ausgegeben.

Primärer Endpunkt war die Halbierung der Kopfschmerztage in den letzten 28 Tagen der 24-wöchigen Studie. Dieses Ziel erreichten in der Amitriptylin-Gruppe 52 Prozent der Patienten und in der Topiramat-Gruppe 55 Prozent. Noch besser waren die Ergebnisse in der Placebo-Gruppe, wo die Schmerzattacken bei 61 Prozent der Patienten um die Hälfte oder mehr zurückgingen. Die Unterschiede zwischen den drei Gruppen waren zwar nicht signifikant, wie das Team um Andrew Hershey vom Cincinnati Children's Headache Center schreibt, doch die Placebo dürften für viele Patienten die beste Wahl gewesen sein, da die Nebenwirkungen geringer waren.

Unter der Behandlung mit Amitriptylin kam es häufiger zu Müdigkeit (30 Prozent gegenüber 14 Prozent in der Placebo-Gruppe) und trockenem Mund (25 versus 12 Prozent). Topiramat löste häufiger Parästhesien (31 versus 8 Prozent) oder Gewichtsverluste (8 versus 0 Prozent) aus. In der Amitriptylin-Gruppe zeigten drei Patienten starke Gemütsveränderungen. Im der Topiramat-Gruppe unternahm ein Patient einen Selbstmordversuch. Ein Patient erlitt unter Amitriptylin eine schwere Synkope. Die Studie wurde aufgrund der Ergebnisse nach einer Zwischenauswertung vorzeitig abgebrochen.

Für Erstautor Scott Powers sind die Ergebnisse ein Paradigmenwechsel. Die Behand­lung der Kinder sollte nicht medikamentös erfolgen, sondern multidisziplinär von einem Team von Therapeuten unterschiedlicher Fachrichtungen durchgeführt werden, fordert der Kinderpsychologe. Dabei sollten nicht medikamentöse Ansätze in den Vordergrund gestellt werden. Behandlungskonzepte, die sich bei Erwachsenen bewährt hätten, könnten nicht einfach auf Kinder und Jugendliche übertragen werden.

In den USA ist Topiramat seit 2014 zur Vorbeugung von Migränekopfschmerzen auch bei Jugendlichen im Alter von 12 bis 17 Jahren zugelassen. Im Licht der neuen Studie sollte die US-Arzneibehörde diese Entscheidung noch einmal überprüfen, rät Powers. In Deutschland ist Topiramat nicht zur Prävention von Migräneattacken bei Kindern empfohlen.

Medikamente und Psychotherapie können bei der Behandlung der Migräne auch kombiniert werden. Vor drei Jahren kam eine randomisierte Studie im amerikanischen Ärzteblatt (JAMA 2013; 310: 2622-30) zu dem Ergebnis, dass die Einnahme von Amitriptylin die Ergebnisse einer kognitiven Verhaltenstherapie verbessern kann. © rme/aerzteblatt.de

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